Im Dezember 1999 registrierten CIA-Agenten hektische Betriebsamkeit in der konspirativen Wohnung von al-Mihdhars Schwiegervater. Aus den Versatzstücken abgefangener Telefonate wurde deutlich, dass sich ein hochrangiger Operationschef von al Qaeda mit anderen Terroristen der Organisation treffen wollte. Ein "Khalid" und ein "Nawaf" sollten ebenfalls an dem Treffen teilnehmen. In Langley ging man davon aus, dass auch diese beiden wichtige Mitglieder der al Qaeda waren, die sich mit ihrem Kommandeur verabredet hatten, um einen Anschlag vorzubereiten.
Allerdings war es den Agenten vor Ort zunächst nicht möglich, die vollständigen Namen der beiden herauszufinden. Es gelang ihnen jedoch, zumindest "Khalid" zu identifizieren, einen Saudi, etwa Mitte zwanzig, mit schwarzen Haaren und einem leichten Oberlippenbart. Sofort wurde der Mann observiert: Es war al-Mihdhar.
Aber erst als al-Mihdhar nach Malaysia reiste, konnte die CIA seine volle Identität aufklären. Bei einer Passkontrolle am Flughafen wurde eine Kopie seines Ausweises angefertigt, ohne dass der Terrorist etwas davon bemerkte. Auf diese Weise kam die CIA an sein Foto und seine Personalien. Sein vollständiger Name lautet Khalid bin Muhammad bin Abdallah al-Mihdhar, geboren 1975 in Saudi-Arabien. Mit Entsetzen stellen die Agenten fest: Der Mann besitzt bereits ein gültiges US-Visum. Sie müssen davon ausgehen, dass er dieses Papier nutzen wird, um in die Vereinigten Staaten einzureisen und einen Terroranschlag vorzubereiten oder selbst zu begehen.
Langley, 6. Januar 2000
Gleich nach der Ankunft von al-Mihdhar in Kuala Lumpur mailt der örtliche CIA-Resident an die Zentrale in Langley: "Khalid identifiziert. In Malaysia eingetroffen." Die Information wird umgehend weitergereicht an das Counterterrorist Center. Das CTC verfügt über eine riesige Datenbank. Sie enthält alle relevanten Informationen aus den vergangenen zwei Jahrzehnten zum Thema Terrorismus.
Die Spezialabteilung wurde bereits 1986 gegründet. Seit einem knappen Jahr leitet sie Cofer Black, ein Veteran in Sachen Terrorabwehr. Black gilt als lebende Legende in Langley. Während seiner langen Karriere als CIA-Agent war er von 1993 bis 1995 im Sudan stationiert. Damals hatte er maßgeblichen Anteil an der Verhaftung von Carlos, dem Schakal. Der Venezolaner war seinerzeit der meistgesuchte Terrorist der Welt. Mehr als 20 Jahre lang hatte sich der Lohnkiller diverser Diktatoren und Despoten seinen Häschern entziehen können - bis ihn Black in Khartum aufstöberte.
In Khartum hielt sich damals auch Osama bin Laden auf, der dort ehemalige Mudschaheddin aus Afghanistan um sich scharte. Das Treiben des saudischen Multimillionärs weckte auch das Interesse von Cofer Black, der aber kurz darauf den Sudan verlassen musste - angeblich hatte Osama bin Laden befohlen, den CIA-Agenten zu ermorden. Black jedenfalls erzählt gern die Geschichte, dass "die Strolche von diesem Osama bin Laden mich doch einfach abknallen wollten."
Überhaupt ist Black ein Mann markiger Worte. "Wir sind im Krieg", sagt er in Anlehnung an das Memorandum seines Chefs George Tenet und ergänzt: "Wir im CTC sind uns dessen bewusst. Daher geben wir alles, was wir haben. Wir, die CIA, sind die erste Speerspitze der Vereinigten Staaten im Kampf gegen die terroristische Bedrohung. Wir sind bereit, diesen brutalen Job zu erledigen."
Auch nach außen hin scheut sich Black nicht, die Gefahren des Terrorismus deutlich auszusprechen. In einer Ausschusssitzung des Repräsentantenhauses hat er zum Entsetzen vieler Abgeordneter darauf hingewiesen, dass Osama bin Laden und dessen Anhänger längst dazu übergegangen seien, auch Anschläge innerhalb der Vereinigten Staaten vorzubereiten. Cofer Black lässt sich über den Fortgang der Operation in Malaysia ständig auf dem Laufenden halten. Tenet, der CIA-Direktor, ist ebenfalls informiert.