Colin Powell hält seinen Vortrag vor dem UN-Sicherheitsrat: "Meine Kollegen, jede Erklärung, die ich heute abgebe, ist durch Quellen gedeckt, solide Quellen. Dies sind keine Behauptungen. Wir geben Ihnen Fakten und Schlussfolgerungen auf der Basis solider Erkenntnisse." Sodann präsentiert er insgesamt 29 Anklagepunkte gegen den Irak. Aber die Beweislage ist dünn. Statt mit Satellitenbildern will Powell mit Zeichnungen die Existenz von rollenden Biowaffenlagern dokumentieren. Und Abhörbänder, die er vorspielen lässt, belegen keineswegs, dass Saddams Schergen Massenvernichtungswaffen vor den UN-Inspektoren verstecken. Die Gesprächsfetzen könnten auch aus einer Unterredung über einen Gebrauchtwagenkauf stammen.
Immerhin erwähnt Powell Atta nicht, präsentiert aber einen neuen, frischen Beweis für die Hussein-Bin-Laden-Connection. "Der Irak", sagt Powell, "beherbergt heute ein tödliches Terroristennetzwerk, angeführt von Abu Musab al-Zarqawi, einem Mitarbeiter und Kollaborateur von Osama bin Laden, und seinen Al-Qaeda-Führungsleuten." Am Tag darauf sind die amerikanischen Zeitungen voll des Lobes für ihren Außenminister: "Powell beseitigt alle Zweifel", schreibt "The Atlanta Journal Constitution", "The Dallas Morning News" sekundiert: "Nur die Blinden können Powells Beweise ignorieren", und die "New York Times" nennt ihn schlicht "überzeugend".
In Powells Ministerium weiß man es besser. Powell habe wider besseren Wissens gehandelt, sagen einige Mitarbeiter. Greg Thielmann nennt Powells vermeintlichen "Stevenson-Moment" den Tiefpunkt in dessen Karriere und fordert seinen Rücktritt.
In deutschen Sicherheitskreisen ist man fassungslos über Powells Ausführungen im fernen New York. Zarqawi ein Bindeglied zwischen al Qaeda und dem Irak? Über keinen anderen ranghohen Terroristen wissen die deutschen Ermittler so viel wie über Zarqawi. Unter dem Aktenzeichen 2 BJs 83/01-3 ermittelt Generalbundesanwalt Kay Nehm gegen den Jordanier wegen Rädelsführerschaft bei der auch in Deutschland operierenden palästinensischen Terrorgruppe al Tawhid. Seit Ende 2001 haben deutsche Nachrichtendienste mehr als 40 Telefongespräche zwischen Zarqawi und seinen Gefolgsleuten in Deutschland belauscht.
Die Deutschen jedenfalls wissen sofort, dass Powell nicht die Wahrheit spricht. Sie wissen, dass der Boss von al Tawhid zu dieser Zeit zumindest nicht im Irak ist und auch keine Beziehung zum Regime in Bagdad hat. Dem Bundeskriminalamt (BKA) liegen vielmehr Informationen vor, wonach Zarqawi "sich seit Anfang Januar 2002 mit großer Wahrscheinlichkeit im Iran aufhält", wie es in einer Lagemeldung der Staatsschutzabteilung heißt, die dem stern vorliegt. "Von dort aus versucht er für Mitglieder seiner Organisation, die aus Afghanistan fliehen können, Pässe für eine Weiterreise in ein Drittland, wahrscheinlich auch nach Europa, zu beschaffen."
Es soll der wichtigste Auftritt seines Lebens werden. Vier Tage zuvor ist UN-Chefinspektor Hans Blix aus Bagdad zurückgekehrt. Dort hat er den Irakern noch einmal klar gemacht, dass ein Krieg nur zu vermeiden sei, wenn sie vollständig mit den UN kooperierten. Millionen Menschen warten an den Bildschirmen überall in der Welt auf das Urteil des Diplomaten. "Die Stimmung war so angespannt, als würde binnen der nächsten Stunde der Krieg erklärt werden", erinnert sich Blix.
Seine Inspektoren haben an den 700 Orten, die ihnen von amerikanischen und anderen Geheimdiensten als mögliche Verstecke für biologische und chemische Waffen genannt wurden, nichts Verbotenes gefunden. Entsprechend fällt seine Rede aus, eher vorsichtig. "Es gibt eine Menge von Dingen, deren Aufenthaltsort unbekannt ist", erklärt Blix und: "Daraus darf man nicht den Schluss ziehen, dass sie existieren." Das passt den Amerikanern nicht in ihre Marschrichtung. "Sie wollten einfach nicht zuhören", sagt Hans Blix rückblickend. "Unsere Inspektoren hatten eine klare Sprachregelung. Wenn etwas fehlte, hieß das offiziell: noch nachzuweisen. Aber Amerikaner und Briten lasen an solchen Stellen hartnäckig: ist vorhanden. So schufen sie Fakten, wo es keine gab."
Der Schwede ist den Amerikanern von Beginn an suspekt. Wolfowitz weist bereits im Januar 2002 die CIA an, Hans Blix' Zeit als Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien von 1981 bis 1997 genau unter die Lupe zu nehmen. Offenbar mit dem Ziel, ihn und seine Arbeit zu diskreditieren. Doch die CIA findet nichts Belastendes, und Wolfowitz ist darüber derart wütend, "dass er an die Decke ging", wie sich CIA-Beamte erinnern.
Im UN-Gebäude an New Yorks East River tobt ein diplomatischer Krieg. Die Invasion in den Irak lässt sich nicht mehr vermeiden. Es geht darum, das Gesicht zu wahren. Für alle Beteiligten. Die Briten und Amerikaner wollen die Resolution 1441 für eine Irak-Invasion unbedingt mit einer Mehrheit im Sicherheitsrat durchpauken. Das würde ihre Pläne legitimieren. Sie benötigen dafür acht Stimmen, haben aber nur die Bulgaren und Spanier auf ihrer Seite - der Rest der Mitgliedsstaaten ist entweder strikt gegen den Krieg oder noch unentschieden.
Der Sicherheitsrat ist wie ein Club. Die Botschafter kennen sich seit vielen Jahren. Sie kennen die Marotten, und sie erkennen Nuancen. Wenn der amerikanische UN-Botschafter John Negroponte mit sorgenzerfurchter Stirn den Sitzungssaal betritt, wissen die Kollegen, dass er seine Weisungen an diesem Tag wieder mal von Donald Rumsfeld empfangen hat. Negroponte ist dann unleidlich und unkooperativ. "Es läuft das schmutzigste Spiel, das ich in meiner Karriere erlebt habe", sagt ein altgedienter Diplomat. Das Spiel heißt frei nach George W. Bush: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Der pakistanische Uno-Gesandte Munir Akram ist nicht auf Linie mit den USA. Die Amerikaner fordern seine Ablösung, und kurz darauf kann der Pakistani in der Zeitung nachlesen, dass er seine Freundin geschlagen haben soll. Die Geschichte stimmt nicht, sie ist lanciert. Aber Akram ist beschädigt.
"Bis zu diesem Augenblick hatte ich geglaubt, dass der Krieg vermeidbar gewesen wäre" Hans Blix, Chef der UN-Waffeninspektoren