Die Operation ist Chefsache. Black wie Tenet sind also darüber unterrichtet, dass sich unter den Terroristen in Kuala Lumpur auch solche befinden, die über ein gültiges US-Visum verfügen und damit jederzeit ungehindert in die Vereinigten Staaten einreisen können, wenn sie nicht umgehend auf die Fahndungslisten gesetzt werden und sowohl State Department, Einwanderungsbehörde als auch FBI und Zoll umfassend darüber unterrichtet werden.
Aber das FBI wird über die Operation in Malaysia nur bruchstückhaft informiert. "Die Operation läuft noch", schreibt der CIA-Verbindungsbeamte in einer E-Mail an seinen Ansprechpartner beim FBI. "Bislang sind eine Menge verdächtiger Aktivitäten beobachtet worden. Aber dabei wurden keine Beweise festgestellt, die auf einen drohenden Anschlag oder ein kriminelles Vorgehen hindeuten", schreibt er und verspricht: "Sobald relevante Informationen verfügbar sein sollten, wird die CIA berichten." Mit keiner Silbe wird gegenüber dem FBI erwähnt, dass sich unter den Terroristen in Malaysia auch einer befindet, der ein gültiges US-Visum besitzt.
Kuala Lumpur, 7. Januar 2000
Gelegentlich verlassen al-Mihdhar und seine Komplizen das Apartment in Bandar Sungai Long und werden von einem malaysischen Statthalter der al Qaeda nach Kuala Lumpur zum Shopping gefahren. Für die malaysischen Sicherheitsbeamten, die die CIA vor Ort unterstützen, ist dies eine gute Gelegenheit, die Terroristen zu fotografieren. Wie normale Touristen schlendern sie durch die Millionenstadt und bestaunen die Petrona Zwillingstürme, die höchsten Gebäude der Welt. Gelegentlich suchen sie ein Internetcafé auf, wo sie Stunden vor den Computern verbringen.
Nachdem die Terroristen am 8. Januar 2000 Malaysia wieder verlassen haben, stellt der malaysische Sicherheitsdienst die Ergebnisse der dreitägigen Beschattungsoperation dem CIA zur Verfügung. Darunter sind Fotos, auf denen "der Einbeinige" zusammen mit al-Mihdhar zu sehen ist, sowie Schnappschüsse von Binalshibh. Am 9. Januar haben die CIA-Analytiker in Langley sämtliche Informationen über die Operation in Malaysia auf dem Tisch, einschließlich Fotos und Namen der Teilnehmer an dem Terrorgipfel. Dazu zählt auch der Saudi Nawaf al-Hazmi, ein Jugendfreund von al-Mihdhar, der sich ebenfalls schon in Bosnien verdient gemacht und 1998 nach einem Aufenthalt in einem afghanischen Trainingscamp den Schwur auf Osama bin Laden abgelegt hatte.
Aber zu diesem Zeitpunkt sind die Terroristen längst in verschiedene Himmelsrichtungen verschwunden.
Die Mitarbeiter des malaysischen Sicherheitsdienstes können sich darüber nur wundern. Über die wahren Hintergründe der Operation waren sie von der CIA nicht eingeweiht worden. Aber sie sind selbst seit geraumer Zeit mit dem Problem al Qaeda konfrontiert und wissen, worum es ging. Längst ist ihnen bekannt, dass die Terrororganisation auch im südostasiatischen Raum über ein funktionierendes Netz und sogar über eigene Trainingscamps verfügt.
Der Sicherheitsdienst bietet deshalb den amerikanischen Agenten an, auch nach der Abreise der ausländischen Terroristen den malaysischen Statthalter der al Qaeda weiter zu beschatten. Vielleicht werde ja die von ihm angemietete Wohnung in Bandar Sungai Long für weitere konspirative Treffen von al Qaeda genutzt. Aber die CIA-Agenten lehnen dankend ab. In Langley habe man sich "entschieden, die Angelegenheit als beendet zu betrachten".