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11. März 2004, 18:29 Uhr

Die Kriegslüge

Der Chilene Gabriel Valdés knickt auch nicht ein. Er bleibt auf eher kriegskritischem Kurs - die Amerikaner fordern seine Ablösung und drohen sogar damit, den Freihandelsvertrag mit Chile nicht zu ratifizieren. Vald?s ist inzwischen Botschafter in Argentinien.

Der Mexikaner Adolfo Aguilar Zinser hat Glück. Er ist gut befreundet mit Staatspräsident Vicente Fox. Mehrmals fordern die Amerikaner Zinsers sofortige Abberufung. Dreimal steht Fox hinter seinem Mann. Erst im November vergangenen Jahres ist Zinser nicht mehr haltbar - er hat öffentlich davon gesprochen, dass die USA Mexiko wie ihren Hinterhof behandeln.

Die UN-Botschaften von Angola, Kamerun, Chile, Bulgarien, Guinea, Pakistan und Mexiko werden abgehört. UN-Präsident Kofi Annan wird abgehört, und die Drecksarbeit erledigt der britische Geheimdienst, wie die aufrichtige Botschaftsangestellte Katharine Gun dem "Observer" in London verrät. Das schmutzige Spiel hat keine Gewinner. Die kleinen Länder bleiben stur, die Amerikaner bekommen keine Mehrheit zustande und bringen die Resolution 1441 nicht einmal zur Abstimmung. John Negroponte hat wieder eine sorgenzerfurchte Stirn, als er das vor laufenden Kameras verkündet. Am Persischen Golf warten unterdessen 225 000 US-Soldaten nur noch auf das "Go" aus Washington.

16. März 2003, Washington/New York

Dick Cheney tritt am Vormittag in "Meet the Press" auf, der populärsten Polit-Talkshow des Landes. Er sagt, er sei der tiefen Überzeugung, dass "wir vom irakischen Volk wie Befreier begrüßt werden", und: "Zwölf Jahre nach dem ersten Golfkrieg sind wir wieder in der Situation, dass Hussein eine Bedrohung darstellt." Am selben Nachmittag sitzt Hans Blix mit engsten Mitarbeitern in seinem Büro im 31. Stock des UN-Gebäudes. Sie reden darüber, was die Inspektoren im Irak noch tun könnten. Etwa zur gleichen Zeit treffen sich US-Präsident Bush, Englands Premier Tony Blair und Spaniens Ministerpräsident José María Aznar zu einem einstündigen Gipfel auf den Azoren. "Bis zu diesem Augenblick hatte ich, womöglich gegen jede Vernunft, gedacht, dass der Krieg vermeidbar gewesen wäre", erinnert sich Blix.

Damit ist es nun vorbei. Das Telefon klingelt, am anderen Ende der Leitung ist John Wolf, Staatssekretär im Außenministerium. Er rät Blix, all seine Leute aus dem Irak abzuziehen. "Dies ist die einzige und letzte Warnung. Es ist besser, so schnell wie möglich zu handeln." Dann legt Wolf auf. Hans Blix? Auftrag ist beendet.

17. März 2003, 20 Uhr, Washington

Zwei Jahre und 47 Tage nach der Kabinettssitzung, in der erstmals eine mögliche Invasion in den Irak debattiert wurde, wendet sich Präsident George W. Bush an die Nation: "...Geheimdienstinformationen dieser und anderer Regierungen lassen keinen Zweifel, dass das irakische Regime weiterhin einige der tödlichsten Waffen besitzt und versteckt, die jemals entworfen wurden? Das Regime hat eine Geschichte rücksichtsloser Aggression im Nahen und Mittleren Osten. Es ist von tiefem Hass gegenüber Amerika und unseren Freunden erfüllt und hat Terroristen, darunter solchen der al Qaeda, geholfen, sie ausgebildet und aufgenommen. Die Gefahr ist klar: Mit dem Einsatz chemischer, biologischer oder eines Tages auch nuklearer Waffen, beschafft mit der Hilfe des Iraks, könnten die Terroristen ihre erklärten Ziele erreichen und Tausende oder Hunderttausende unschuldiger Menschen in unserem oder einem anderen Land töten?" Die Rede dauert eine Viertelstunde. Bush stellt Saddam Hussein ein Ultimatum, er gibt ihm 48 Stunden, den Irak zu verlassen.

19. März 2003, 22.15 Uhr, Washington

Bush ballt Hand zur Siegesfaust, sagt "feels good!". Dann verkündet er der Nation, dass der Krieg begonnen hat. Amerika ist am Ziel. Die ersten Bomben fallen auf Bagdad.

Michael Streck, Jan Christoph Wiechmann

Mitarbeit: Hans-Hermann Klare, Oliver Schröm
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