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11. Oktober 2007, 11:02 Uhr

Man spricht Keltisch

Wissen Sie, was es mit der Sprache Galäisch auf sich hat, die von gerade mal zwei Prozent der Iren beherrscht wird? Der Kelten-Dialekt ist Amtssprache der Europäischen Union. Absurd, aber wahr. Deutsch ist hingegen sogar Arbeitssprache der Union - nur merkt das kaum jemand. Von Tilman Müller

Der EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit, Leonard Orban. Neben seiner Muttersprache Rumänisch, beherrscht er selbst nur Französisch.© Geert Vanden Wijngaert/AP

60 Muttersprachen, 23 Amtssprachen, 3500 EU-Vollzeit-Dolmetscher in Brüssel und Straßburg, 506 mögliche Übersetzungs-Kombinationen, drei Millionen übersetzte Seiten pro Jahr. 88 000 Euro pro Tag kostet allein das Heer der Sprachvermittler im europäischen Parlament, rund eine Milliarde Euro gibt die Kommission insgesamt pro Jahr für ihre vielen Sprachendienste aus - Zahlen, bei denen manch einem schwummrig werden kann und schnell allgemeines Wehklagen über das "babylonische Sprachengewirr" einsetzt.

Zugegeben, die EU ist in ihrem oft überaus korrekten Bemühen um Vielsprachigkeit und kulturelle Vielfalt nicht frei von Absurditäten. Einzusehen ist noch, dass zu Anfang dieses Jahres mit dem Rumänischen und dem Bulgarischen die 21. und 22. Amtsprache dazu kam, denn diese beiden Sprachen werden von immerhin fast 30 Millionen Menschen gesprochen. Absolut gaga jedoch, dass seit 2007 auch Galäisch Amtsprache ist, ein keltischer Dialekt, den heutzutage nicht einmal zwei Prozent der Iren beherrschen - knapp 80.000 Menschen. Wahnsinn, dass das kleine Malta, dessen 400.000 Bewohner nahezu ausnahmslos hervorragend Englisch sprechen, seit 2004 den Inseldialekt - die maltesische Sprache ist eine Mischung aus Italienisch und Arabisch - als EU-Amtsprache durchsetzen konnte.

Doch insgesamt gibt es zu Europas Mehrsprachigkeit keine Alternative. In Brüssel jedenfalls ist man sich einig, dass die vielen Sprachen nicht ein Problem, sondern eine Chance sind. Jeder Student und jeder Personalberater zwischen Rom und Riga weiß heutzutage, dass die Chancen auf einen guten Job wachsen, je mehr Sprachen man beherrscht. "Die Sprache Europas ist die Übersetzung", hat der italienische Philosoph Umberto Eco einmal gesagt, und für den portugiesischen Kommissionschef José Manuel Barroso, der neben seiner Muttersprache fließend Englisch, Französisch und Spanisch parliert, ist die Vielsprachigkeit sogar eine "strategische Frage", bei der es um die Wettbewerbsfähigkeit der EU geht. Heute schon sind viele EU-Bürger in dieser Hinsicht Amerikanern oder Chinesen um einiges voraus und in Zukunft vermutlich noch mehr.

In Brüssel wird kein Deutsch gesprochen

Noch immer indes besteht die Gefahr, dass Europas Mehrsprachigkeit in die Einsprachigkeit verfällt - auf Basis der englischen Sprache. Seit jeher machen die Franzosen gegen die unbestrittene "Lingua franca" Front; verstärkt drängen derzeit aber auch deutsche Politiker darauf, dass alle EU-Dokumente in ihre Sprache übersetzt werden. Deutsch ist im "Sprachenregime" der EU neben Englisch und Französisch eine Arbeitssprache, doch diese Vereinbarung wird leider in Praxis oft nicht eingehalten. Der aktuelle EU-Reformvertrag etwa, um den es nächste Woche beim Gipfel in Portugal geht, ist bisher nur auf Französisch erhältlich. Ein Ärgernis für manche Politiker wie Bundestagspräsident Norbert Lämmert, der sich schon seit langem für eine stärkere Berücksichtigung des Deutschen - mit 90 Millionen Menschen die meist gesprochene Sprache in der Union - einsetzt. Die wohl überwiegende Mehrheit seiner Landleute dürfte das ähnlich patriotisch sehen - oft auch mit dem Argument, als größter Beitragszahler der EU könne Deutschland eine Übersetzung wichtiger EU-Dokumente erwarten.

Anders beurteilt dies der Frankfurter Daniel Cohn-Bendit. Der Grünen-Chef im Europaparlament betont immer wieder, Europa habe viele Probleme, aber keine Sprachprobleme. Der springende Punkt dabei ist natürlich, dass Cohn-Bendit ein halber Franzose ist und zu der ständig wachsenden Zahl von Europäern gehört, die morgens Deutsch, mittags Französisch, abends Englisch und am nächsten Morgen womöglich noch eine weitere Sprache sprechen - mit großem Vergnügen und sehr zu ihrem Vorteil.

Komission fördert die Mehrsprachigkeit

Genau hier setzen die Kommissions-Strategen an. Inzwischen gibt es Brüssel einen "Kommissar für Mehrsprachigkeit" namens Leonard Orban. Der Rumäne, der neben seiner Muttersprache richtig gut nur Französisch kann, hat die Zeichen der Zeit erkannt und mit seinem Team gerade eine Broschüre mit 30 neuen Sprachprogrammen aufgelegt (europa.eu/languages/de/home). Sie richtet sich über das Internet hauptsächlich an Schüler - mit dem Kalkül, dass bei der wachsenden Integration in Europa gerade für die junge Generation die Fähigkeit, möglichst früh viele Sprache zu erlernen, immer wichtiger wird. "Lingoland" (www.lingoland.net) heißt eine Plattform für Kinder. "Soccerlingua" (www.soccerlingua.net) hilft Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren mit Hilfe von Lichtgestalten aus der Welt des Fußballs Spanisch, Italienisch und Englisch zu lernen. "Feel" (www.feelvdu.lt) ist vor allem für Jugendliche aus den neuen EU-Staaten gedacht.

Das bisher wohl mit Abstand beste und publikumswirksamste multimediale Lernprogramm kommt allerdings nicht aus Brüssel, sondern aus Straßburg. Es heißt "Karambolage", eine besonders witzige TV-Serie mit Comic-Strip-Einlagen zum Französisch/Deutsch-Lernen; sie ist auf Arte zu sehen und illustriert treffend Eigenheiten und Mentalitäten der beiden Länder.

Wohin steuert XXL-Europa?

Wohin steuert XXL-Europa? Und worüber wird in der Hauptstadt Brüssel gerade gestritten? stern-Korrespondent Tilman Müller schreibt über Macht und Malaisen unseres Kontinents – in seiner Kolumne "Ach, Europa", exklusiv alle zwei Wochen auf stern.de.

Von Tilman Müller
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Daneel (12.10.2007, 12:13 Uhr)
Wo ist das Problem?
Es gibt 27 EU-Länder. Von
"Mundarten" abgesehen, gibt es kein
Luxemburgisch, kein Österreichisch,
kein Zypriotisch und kein Belgisch.
Also 23 Sprachen.
Jedes Land hat natürlich einen
Anspruch darauf, dass die offizielle
Landessprache auch Amtssprache der
EU ist. Was ist die Alternative?
Ein Bürger kann keine offizielle
EU-Information in seiner
Landessprache erhalten, es sei
denn, er zahlt für eine amtlich
beglaubigte Übersetzung?
Dass Englisch, Deutsch und
Französisch Arbeittsprachen sind,
ist ganz in Ordnung, denn dies
spiegelt einfach die Tatsache wieder,
dass diese 3 Sprachen von den
meisten Menschen als Erst- und
von vielen als Zweitsprachen
gesprochen werden. Danach kommt
erst einmal nichts mehr, dann
Spanisch (was aber nur in einem
Land offizielle Sprache ist).
Nobilitatis (12.10.2007, 11:41 Uhr)
Gael = Gälisch
Da hat sich der Autor nicht mit Ruhm bekleckert. Gibts beim Stern niemanden, der Korrektur liest????
Gälisch ist die Muttersprache der Iren. In ihrem Heimatland hochgeschätzt. Man könnte vielleicht über Sorbisch oder Friesisch diskutieren. Oder die Lappen.
Wenn man über EU und Sprachen diskutieren möchte, sollte man - neben der Kosten für Übersetzungen - über die Reibungsverluste sprechen, dadurch dass die Franzosen sich schlicht weigern, auf die einzig sinnvolle Lingua Franca Englisch umzustellen. Deutsch (und Spanisch, nach der nachvollziehbaren Aktion der Finnen auch Latein) ist ein Nebenkriegsschauplatz. Die Übersetzungen in die anderen Sprachen sollten die Mitgliedsländer dann nach Notwendigkeit selbst leisten. Aber seit wann gehts denn bei der EU sinnvoll zu?
migrou (12.10.2007, 10:58 Uhr)
bitte nicht pauschal urteilen
Der Entwurf des Reformvertrages liegt in allen Amtsprachen der EU vor (http://www.consilium.europa.eu/cms3_fo/showPage.asp?id=1317&lang=de&mode=g) Außerdem wird Deutsch sehr wohl in Brüssel gesprochen. Alle offiziellen administrativen Dokumente der Europäischen Kommission werden zumindest in Englisch, Deutsch und Französisch verteilt. Ferner versteht und spricht zumindest der flämische Teil der belgischen Bevölkerung sehr gut deutsch. Auf jeden Fall kommt in Belgien ein Ausländer eher mit Deutsch zurecht als ein Franzose/Wallone in Deutschland mit Französisch. Der Stern hat leider generell eine starke Tendenz, alles was mit der EU zusammenhängt grundsätzlich negativ zu belegen. Wobei auch ich ganz bestimmt nicht alles gutheiße, was in Brüssel gemacht wird.
Gruß
Migrou aus Brüssel
llechwedd (12.10.2007, 09:34 Uhr)
Was, bitte, ...
... soll "Galäisch" sein? Der Schreiberling meint wohl "Gälisch"? Dann soll er's halt auch schreiben. So disqualifiziert er sich nur für Sprachthemen.
Rotwolf (12.10.2007, 09:25 Uhr)
Ähm...
also ich spreche: Hochdeutsch, Niederdeutsch (=Plattdeutsch =meine Heimatsprache), Ostpreussisch, Englisch, Latein, Keltisch (jaha *lach*, allerdings den Walisischen Dialekt), natürlich Englisch und demnext auch Dänisch und Altgriechisch.
Bei Französisch weigere ich mich total.
Und Japanisch gehört ja nicht mal ansatzweise irgendwie nach Europa ;)
Allerdings bin ich durchaus auch der Meinung, dass man wichtige Schriften in den Sprachen der EU abfassen sollte. Und wenn man dazu keine Lust hat, dann wenigstens in den drei großen Sprachen: Englisch, Französisch, Deutsch. Denn auch viele Bürger aus Osteuropa sprechen eher Deutsch als Französisch oder Englisch.
Samson40 (12.10.2007, 09:23 Uhr)
Schwachsinn
in Länder- und Kulturübergreifenden Institutionen reicht es völlig, alles in Englisch abzuwickeln. Alles andere erzeugt (wie man sieht) nur überbordende Bürokratie und Kosten.
Und nur weil die Franzecken kein Englisch sprechen wollen machen alle den Bückling und lernen zur Not auch noch Räthoromanisch. Lächerlich...
Franzoesin (12.10.2007, 09:18 Uhr)
kein deutsch
Die kulturelle und politische Bedeutung eines Volkes und die Achtung die es von seinen Nachbarn erfährt - erkennt man daran, wie dessen Sprache, z.B. in Brüssel, eingesetzt wird - Deutsch wird nicht gesprochen - hat also eine korrekte Einstufung erhalten.
übrigens: beim Kaiser wäre das nicht passiert.
TheSteck (12.10.2007, 09:01 Uhr)
I speak
German, English, French, Dutch and Bullshit.
Bullshit most fluently !
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