Afghanistan-Kommandeur gerät ins Visier der Ermittler

12. November 2012, 15:23 Uhr

Der Skandal weitet sich aus: Wegen "unangemessener" E-Mails ermittelt das FBI gegen Petraeus' Nachfolger, General Allen. Zudem haben Beamte das Haus von Petraeus' Ex-Geliebter Broadwell durchsucht.

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Von Afghanistan in die USA, von der Biografin zur Liebhaberin: Paula Broadwell und David Petraeus bei den Isaf-Truppen am Hindukusch©

Wer ist David Petraeus?

Kurz gesagt: Ein amerikanischer Held. Gerade eben 60 Jahre alt geworden, Republikaner, ehemaliger General und bis vor wenigen Tagen Chef des US-Auslandsgeheimdienstes CIA. Petraeus wurde als Kommandierender im Irak und Afghanistan bekannt, vor allem als Kopf des so genannten "Partnering", einer neuen Strategie zur Aufstandsbekämpfung. Im Sommer 2011 ernannte ihn US-Präsident und Demokrat Barack Obama zum CIA-Chef. Beruflich gilt Petraeus als Mann des Realismus und der Raffinesse, politisch wurden ihm Präsidentschaftsambitionen nachgesagt, privat soll er ein Schürzenjäger sein. Er ist seit 37 Jahren mit Holly Petraeus verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Wer ist seine Geliebte?

Paula Broadwell, 40, ehemalige Schul-Schönheitskönigin, Ex-Fotomodell und Absolventin der Elite-Militärakademie West Point, hatte 2011 die Petraeus-Biografie "All In: The Education of General David Petraeus" veröffentlicht. Für ihr Buch wurde sie mehrfach vom damaligen Afghanistan-Befehlshaber an den Hindukusch eingeladen. Laut des "Wall Street Journal" sollen sich die beiden 2011 nach seiner Rückkehr nach Washington näher gekommen sein, die Liaison habe bis zum Sommer dieses Jahres gehalten. Auch Paula Broadwell hat Familie, sie ist mit einem Radiologen verheiratet, das Paar hat ebenfalls zwei Kinder.

Wer ist die Frau, die alles ans Licht brachte?

Nach allem, was bislang bekannt ist, scheint Eifersucht den Vorzeige-Staatsdiener zu Fall gebracht zu haben. US-Zeitungen berichten von der 37-jährigen Jill Kelley, eine Partyorganisatorin aus Florida, die von Paula Broadwell mit E-Mails bombardiert worden sei. Deren Inhalt ("Stay away from my guy", übersetzt "Lass die Finger von meinem Kerl") habe Kelley als derartig "belästigend" empfunden, dass sie das FBI einschaltete Wie eng die Beziehung zwischen Petraeus mit Kelley tatsächlich war oder ist, ist bislang noch nicht abschließend geklärt. Kelley selbst soll Vertrauten gesagt haben, dass die beiden Familien befreundet seien. "Nicht mehr und nicht weniger", wird sie zitiert.Warum ist er zurückgetreten?

David Petraeus hat sich in einem Schreiben an die CIA-Mitarbeiter gewandt. Darin schreibt er: "Ein derartiges Verhalten (die außereheliche Beziehung, d. Red.) ist inakzeptabel, sowohl als Ehemann als auch als Führer einer Organisation wie der unseren." Mit der Affäre habe er "nach über 37 Ehejahren ein sehr schlechtes Urteilsvermögen" an den Tag gelegt und daher beim US-Präsidenten um seine Entlassung gebeten. Obama nahm den Rücktritt an und dankte ihm mit vielen warmen Worten für seine "außerordentlichen Dienste".

Wieso ist eine Affäre ein Rücktrittsgrund?

Was in Europa höchstens in konservativen Kreisen verurteilt wird, ist in den USA ein Tabu: Seitensprünge, vor allem von hochrangigen Beamten und Politikern. "Wie fast immer bei Sexskandalen im Dunstkreis der Mächtigen ist das ebenso prüde wie für Schlüpfrigkeiten zu habende Amerika pikiert und elektrisiert zugleich", schreibt die "Neue Westfälische". Besonders pikant für den obersten Spion des Landes ist allerdings der Umstand, dass ihn die Liaison erpressbar machte. Und zu einem Sicherheitsrisiko: Einigen Medien zufolge soll sich Broadwell unerlaubten Zugang zu sicherheitsrelevanten Informationen verschafft und versucht haben, Petraeus' E-Mails während dessen Zeit als Nato-Oberkommandierender in Afghanistan zu lesen. Da die Affäre zum Zeitpunkt seines Rücktritts allerdings bereits beendet gewesen sein soll, liegt der Verdacht nahe, dass es weitere Gründe für die Demission des CIA-Chefs geben könnte.

Welche weiteren Rücktrittsgründe könnte es geben?

Ein Rücktritt wegen einer außerehelichen Affäre? Diese offizielle Begründung überzeugt selbst in den prüden USA nicht jeden. Schon 24 Stunden nach seiner Demission wimmelte es in der US-Hauptstadt und in den Medien vor Spekulationen und Verschwörungstheorien. Dabei fällt immer wieder ein Begriff: Bengasi. Bei den Angriffen auf das US-Konsulat in Libyen starb unter anderem der dortige US-Botschafter. Die genauen Umstände des Überfalls sind immer noch ungeklärt, allerdings werden dem CIA schwere Versäumnisse vorgeworfen. In dieser Woche soll Petraeus vor einem Kongressausschuss über die Vorkommnisse in Bengasi aussagen. Eine Theorie geht deswegen davon aus, dass der 60-Jährige zurückgetreten ist, um dann nicht mehr als CIA-Chef befragt zu werden.

Welche Rolle spielt das FBI?

Die US-Bundespolizei weiß laut der "New York Times" bereits seit dem Spätsommer von der Affäre zwischen Petraeus und Paula Broadwell. Deren Ermittlungen hatten begonnen, nachdem sich die "dritte Frau" Jill Kelley aus Florida von einer Reihe von Mails bedroht fühlte. Als deren Absenderin sei Paula Broadwell ausgemacht worden. Nach Angaben der "New York Times" deckte das FBI bei der Durchsuchung ihres Postfachs nicht nur die Affäre mit Petraeus auf, sondern fand auch geheime Dokumente. Die Behörde aber soll zu dem Schluss gekommen sein, dass die Papiere wahrscheinlich nicht von Petraeus stammten und die nationale Sicherheit nicht gefährdet gewesen sei. Da die Geheimdienstausschüsse des US-Kongresses laut Gesetz ständig über die Vorgänge bei FBI und CIA informiert werden müssen, stellt sich die Frage, warum das Weiße Haus und Präsident Obama erst ein, zwei Tage nach der Wahl von der Liaison erfahren haben. Zudem ist rätselhaft, ob und wer im Hintergrund die Nachforschungen über Broadwell und Petraeus dirigiert hat und welche Rolle dabei FBI-Chef Robert Mueller gespielt hat. Das FBI selbst sagt dazu: Man habe darauf verzichet, unverzüglich das Weiße Haus zu informieren, weil man zu dem Schluss gekommen sei, dass kein dienstliches Fehlverhalten des CIA-Chefs vorgelegen habe. Das FBI konfrontierte den General selbst vor zwei Wochen mit den Erkenntnissen.

Was bedeutet der Fall für Barack Obama?

Der Fall Petraeus kommt für Präsident Barack Obama zur Unzeit. Denn nur wenige Tage nach der Wahl ist ihm ein weiterer Top-Mitarbeiter abhanden gekommen. Nun muss er nicht nur die vakanten und wichtigen Posten der Außen-, Verteidigungs- und Finanzminister ersetzen, sondern auch noch einen neuen CIA-Chef suchen.

Die Ernennung von Petraeus zum CIA-Chef erscheint mittlerweile in einem anderen Licht, beziehungsweise in einem alten: Denn bereits kurz nachdem der 60-Jährige das Amt übernommen hatte, wurde spekuliert, dass Obama damit eine mögliche Kandidatur des populären Generals für das gegnerische Lager der Republikaner verhindern habe wollen. Dies würde zumindest eine zusätzliche Erklärung dafür liefern, warum Obama Petraeus nun nur wenige Tage nach der Wahl aus dem Amt entließ.

Eine andere Theorie besagt, dass das Weiße Haus schon lange Bescheid gewusst habe, aber ihn erst jetzt entlassen hat, um die Wahlchancen von Obama nicht zu schmälern.

Wie geht es nun weiter?

Zunächst steht diese Woche der Kongressausschuss über die Vorkommnisse vom 11. September in Bengasi an. Am Mittwoch will der Senatsausschuss für Geheimdienstfragen in Erfahrung bringen, ob im Rahmen der Affäre Sicherheitsbelange verletzt wurden. Dabei werden die Politiker auch Auskunft darüber verlangen, warum schon Ende Oktober ein FBI-Mitarbeiter den republikanischen Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Eric Cantor, über die Affäre informierte.

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