Es ist das bisher blutigste Jahr in Afghanistan. Wüste, Staub und eine Affenhitze: Seit Monaten haben sich US-Marines in der südafghanischen Provinz Helmand festgebissen. Für die Soldaten bedeutet das ein Leben zwischen höchster Anspannung und quälender Warterei - eine gefährliche Mischung. Von Carsten Stormer, Afghanistan

US-Marines im Einsatz. Die Taliban wissen, dass die Soldaten nur eine begrenzte Zeit bleiben© Carsten Stormer
Staub! Überall Staub. Pulverisierter Wüstensand, er legt sich auf alles, kriecht in jede Pore, krallt sich in den Haaren fest, dörrt den Mund aus und verklebt die Augen. Jeder Schritt wirbelt eine feine Dunstwolke auf, eine leichte Brise treibt sie vor sich her - es gibt kein Entkommen. Dazu diese verdammte Hitze. 45 Grad, 48, 50. Schweiß mischt sich mit Staub, wird zu Schlamm, trocknet auf der Haut und macht die Menschen grau.
Über Strongpoint Alpha, einem kleinen Außenposten der US-Marines der Bravo Company der 24. Marine Expeditionary Unit (24-MEU) in Helmand steht ein riesiger Feuerball, der die menschenfeindliche Welt an der Front in Afghanistans Krisenprovinz Helmand sanft flimmern lässt. Sergeant Robert Dawson wandert mit dem Schatten, den die mit Stacheldraht bestückten Hesco-Barrieren spenden. Er reinigt die 5,56 mm Patronen seines M-14 Sturmgewehrs mit "baby wipes", feuchten Taschentüchern, "damit sie frei von Sand und Dreck sind und im Gefecht mein Gewehr nicht blockieren", sagt er und wischt sich mit der Hand über die Stirn. Anschließend zerlegt er den Schießprügel und reinigt ihn mit einer Zahnbürste; schnelle, ruckartige Bewegungen. Denn schon in der Ausbildung wurde ihm eingetrichtert, dass er seine Waffe lieben soll wie seine Frau - nur, dass diese ihn nicht betrügen wird, wenn er sie gut behandelt.
Dawson ist ein kräftiger Mann mit kurzgeschorenen, blonden Haaren und von der Sonne gerötetem Gesicht, der älter als seine 24 Jahre aussieht. Eigentlich sollten er und der Rest der Kompanie gerade im Mittelmeer und der Ägäis auf einem Kriegsschiff der Marine schippern und nicht in diesem gottverdammten, von Taliban verseuchten Nest namens Garmsir hocken. Das hatten seine Vorgesetzten ihm zumindest versprochen, als er nach seinem letzten Einsatz zurückkehrte; in Falludscha und Ramadi, den Terrorhochburgen im Irak. Kreuzfahrt gestrichen! Statt nach Griechenland, Israel, Spanien und Zypern schickte die US-Regierung ihn und seine Einheit nach Afghanistan, um gegen die Turbanarmee der Taliban zu kämpfen - tief im Süden der Provinz Helmand, dorthin, wo bisher noch keine alliierten Truppen vorgedrungen waren. Zu einer Zeit, als die Gotteskrieger in Helmand auf dem Vormarsch waren, Dorf für Dorf besetzten und hunderte Kämpfer aus Pakistan einsickerten und die ausgelaugten und überstrapazierten britischen Truppen täglich in blutige und verlustreiche Gefechte verwickelten.
Kein anderer Nato-Partner war bereit oder hatte den Mut, den alliierten Briten zu helfen. Niemand wollte Truppen dorthin schicken, wo Soldaten sterben. Deshalb befahl die amerikanische Regierung die Elitetruppen des Marine Corps in den Süden Afghanistans, viele von ihnen kaum älter als 23 Jahre und doch schon im zweiten oder dritten Kriegseinsatz. Am Morgen des 29. April dieses Jahres setzten Hubschrauber ein ganzes Batallion hinter feindlichen Linien ab. "15 Tage beschossen sie uns mit Kalaschnikows, Raketen, Mörsern, Panzerfäusten", erzählt Dawson, legt sein Gewehr beiseite und blinzelt in die Sonne. Man schlief in Wadis, in Lehmhütten oder im Schutz der unzähligen Opium- und Marihuanafelder. "Wir haben sie überrannt." Mit allem, was das Waffenarsenal des Marine Corps zu bieten hat - Artillerie, Kampfhubschraubern, Harrier-Kampfjets. Die Zivilbevölkerung floh in die Wüste und wartete darauf, dass sie Kämpfe abflauten, zu eingeschüchtert von den Drohungen der Taliban, die Nahrungsmittel und Geschenke der Amerikaner anzunehmen.

Die Taliban wissen, dass die Marines nur eine begrenzte Zeit bleiben. Bis Ende September werden sie Garmsir wieder verlassen und die Briten und ein paar Dutzend afghanische Soldaten übernehmen dann die Außenposten. Bis es so weit ist, beschränken sich die Gotteskrieger auf ihre erfolgreiche Guerillataktik, verscharren Sprengfallen wo die Soldaten patrouillieren, verstecken Bomben am Straßenrand oder schicken ein paar Selbstmordattentäter los.
Die Extremisten operieren meistens nachts oder legen Hinterhalte, aus Respekt vor der schieren Feuerkraft der Marines. "Wenn sie uns mit Granaten beschießen, werfen wir eine 500 Pfund Bombe auf ihre Köpfe ab oder pflastern sie mit Artillerie zu. Das hinterlässt einen bleibenden Eindruck", sagt Sergeant Dawson, aber eigentlich wäre ihm ein Kampf Mann gegen Mann lieber, fügt er hinzu. Dass die Marines den Feind nicht besiegt haben, ist Dawson klar. Sie warten ab, "bis wir wieder abziehen." Bis dahin vergraben die Extremisten ihre Kalaschnikows in irgendwelchen Erdlöchern und bearbeiten in Ruhe ihre Felder. Irgendwann werden die verhassten Besatzer schon verschwinden. Sind die Marines erst mal fort, fällt Garmsir wieder in die Hände der Taliban, glaubt Dawson. Weil die Briten einfach nicht genügend Leute haben, um die Provinz langfristig zu befrieden, und jetzt schon an ihre Grenzen stoßen. "Motherfuckers!", schimpft Dawson. "Wahrscheinlich schickt man uns nächstes Jahr wieder hierher zurück, um gegen die gleichen Bastarde zu kämpfen."