Wer sich in Afghanistan gegen die Taliban wehrt, kann nicht auf Hilfe durch die Bundeswehr hoffen. Die deutschen Soldaten "tun uns nichts", wissen die Taliban - und morden munter weiter. Von Christoph Reuter, Kabul

Die Bundeswehr patrouilliert üblicherweise nur tagsüber in den Dörfern der Region Kunduz© Daniel Roland/AP
Es war nie viel los in Malagi. An dem kleinen Dorf, westlich von Kunduz im Grünen gelegen, waren die Dramen Afghanistans meist schmerzlos vorübergezogen. Die Russen waren gekommen und wieder gegangen, die Taliban waren gekommen und im Dezember 2001 wieder gegangen, ohne dass in Malagi je gekämpft worden wäre. "Was wäre bei uns auch schon zu holen gewesen", sagt mit einem Beiklang von Wehmut der alte Hamidullah, Vorsteher der Koranschule und einer der Dorfältesten. Paschtunen und Tadschiken leben hier einträchtig nebeneinander, und der einzige erinnerliche Feind war eine Melonenkrankheit, welche die Ernte der wichtigsten Frucht Malagis gelegentlich empfindlich schmälerte.
Vielleicht war einfach nie genug los gewesen in Malagi. Ab und an waren in den vergangenen Jahren die Patrouillen der Bundeswehr aus dem nahegelegenen Lager in Kunduz vorbeigekommen. Hatten die Dörfler gesehen, dass die Hauptstraße einen halben Kilometer entfernt asphaltiert wurde. Dass in der Nähe Schulen, Gesundheitsstationen, Polizeistationen gebaut wurden. "Nicht bei uns", erzählt Hamidullah bescheiden, "denn dafür sind wir auch zu klein". Immerhin gab es Jobs für die Männer, die früher nach Pakistan oder Saudi-Arabien zum Arbeiten gegangen waren. Die Leute von Malagi mochten die Deutschen und fanden, dass die Dinge auf dem richtigen Weg sind. Auch, als nebenan im Bezirk Charrah Darah immer mehr Taliban auftauchten.
Sie mochten die Taliban nicht. Und so dachten sie nicht lange nach, als am 6. November vergangenen Jahres zwei Unbekannte auf einem Motorrad mit seltsamer Fracht durch ihr Dorf kamen. Wenn man durch ein afghanisches Dorf kommt, hält man an, plaudert, bleibt vielleicht auf einen Tee. Die beiden auf dem Motorrad aber taten nichts davon, schauten stur und düster geradeaus, obwohl sie sich im Gewirr der Lehmpfade verfuhren. Ein paar Leute fragten, boten Hilfe an, aber als die Fremden nicht mal antworteten, blockierten die Dörfler den Weg und wollten wissen, wer die Fremden seien. Woraufhin der Fahrer Gas gab, seinen älteren Beifahrer verlor, fliehen wollte, um die Ecke hinter der Moschee verschwand - und dann gab es eine gewaltige Detonation.
Ohne es zu wissen, hatten die Leute von Malagi Abdul Ghazi festgesetzt, einen der höchsten Taliban-Kommandeure der Gegend. Dessen junger Fahrer einen mitgeführten Sprengsatz gezündet hatte. Oder die Ladung war aus Versehen losgegangen, als er im Lehm mit dem Motorrad ausrutschte, denn an der Moscheemauer stand niemand - und nach der Explosion auch die Mauer nicht mehr.
Abdul Ghazi wurde der Polizei übergeben. Es war das erste Mal in der Gegend von Kunduz, dass couragierte Zivilisten einen Talibanführer festgenommen hatten. Begeistert sprach der Kommandeur des deutschen Lagers von den "Helden von Malagi". Ein Vorbild an Zivilcourage, befanden Oberst Uwe Benecke und ließ Geld anbieten für den Wiederaufbau der Moscheemauer. Noch monatelang wurde Malagi in Hintergrundgesprächen als Beispiel angeführt, dass die Stimmung sich gegen die Taliban wende und die Afghanen selbst sich nun zur Wehr setzten.
Die ersten Tage freuten sich die Menschen in Malagi noch über das jähe Wohlwollen. Bis die Taliban die erste Ankündigung schickten, dass sie diese Schmach nicht ungerächt lassen würden. Das erzählten die Dörfler den Deutschen. Die schickten die afghanische Polizei vorbei. Die Polizei sei schließlich zuständig für den Schutz der Afghanen.