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1. April 2008, 14:19 Uhr

Frankreich wagt Nato-Comeback

Mehr als 40 Jahre lang war Frankreich Nato-Mitglied, ohne sich militärisch zu engagieren. Das ist nun vorbei: Präsident Nicolas Sarkozy hat angekündigt, 1000 Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Das Bündnis-Comeback hilft zwar Kanzlerin Merkel, schmeckt den Franzosen aber gar nicht.

Sarkozy zu Besuch beim afghanischen Präsidenten Karsai: 1000 zusätzliche Soldaten an den Hindukusch© Eric Feferberg/AFP

Die internationalen Vorstöße von Nicolas Sarkozy sind berüchtigt. Vom Atomhandel über die EZB-Schelte bis zur Mittelmeerunion - schon mehrfach säte der französische Staatspräsident im ersten Amtsjahr Misstrauen in Berlin. Die jüngste Initiative dagegen ist hoch willkommen: Paris wagt das Nato-Comeback, 40 Jahre nach dem Ausstieg aus der militärischen Struktur des Bündnisses.

Der geplante Türöffner, die Entsendung von 1000 zusätzlichen französischen Soldaten nach Afghanistan, ist für die Bundesregierung ein Segen. Kaum hatte Sarkozy in London Verstärkung für die Nato-Truppen am Hindukusch angekündigt, rückte US-Präsident George W. Bush von seiner Forderung ab, Berlin müsse sich im umkämpften Süden des Landes engagieren.

"Da gibt es einen Zusammenhang", sagt Henning Riecke, Nato-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Das Ultimatum Kanadas, ohne Hilfe der Verbündeten seine Truppen aus Kandahar abzuziehen, hatte den Druck auf Berlin erheblich erhöht. "Durch die Aufstockung des französischen Kontingentes entspannt sich die Lage", so Riecke.

Natürlich hat Sarkozy mit dem Afghanistan-Engagement anderes im Sinn, als Kanzlerin Angela Merkel vor dem Nato-Gipfel in Bukarest aus der Patsche zu helfen. Der ehrgeizige Präsident will sein Land zurück in die Kommandostruktur des Nordatlantik-Bündnisses führen. Für die Absicht, bei den Partnern Vertrauen zu wecken, nimmt "Sarkozy, der Amerikaner" erbitterten innenpolitischen Widerstand hin: Die Sozialisten warnen, die französischen Soldaten würden in Afghanistan "in ein neues Vietnam" geführt.

Und nicht nur Zentrumspolitiker Francois Bayrou sieht Sarkozy auf dem Weg zum "Erfüllungsgehilfen" Washingtons. Dabei geht es dem Staatschef darum, den Pariser Einfluss in der Nato zu stärken und eine "europäische Kohärenz" zu erreichen. Von einer Revolution der französischen Position könne daher keine Rede sein, sagt Riecke, "eher von der Beseitigung einer Anomalie."

Gründungsmitglied der Nato

Frankreich gehörte 1949 zu den Gründungsmitgliedern des Nordatlantik-Bündnisses. Charles de Gaulle beschloss aber 1966 den Rückzug aus der Kommandostruktur und weigerte sich, Truppen unter Nato-Kommando zu stellen oder Nato-Stützpunkte im eigenen Land zu dulden. Das Hauptquartier musste von Paris nach Brüssel verlegt werden. Die Entscheidung hatte das transatlantische Verhältnis für viele Jahre gestört. General de Gaulle wollte mit seinem Schritt die französische Unabhängigkeit sicherstellen. Er schloss Paris dadurch jedoch von den strategischen Entscheidungen des Bündnisses aus.

© stern.de-Infografik

Die Entscheidung Sarkozys stößt bei seinen Landleuten allerdings auf Widerstand. Laut einer Umfrage sind 68 Prozent der Franzosen dagegen, dass Frankreich nun seine Truppenpräsenz in Afghanistan massiv aufstocken will. Auch die französische Militärführung hält nicht viel von der angekündigten Entsendung. Generalstabschef Jean-Louis Georgelin beschrieb die Lage in Afghanistan kürzlich noch als "immer unkontrollierbarer".

Nun soll die Wiederaufnahme des verlorenen Sohnes im kommenden Jahr auf dem Nato-Jubiläumsgipfel zum 60-jährigen Bestehen vollzogen und gefeiert werden. Dazu passt, dass der Gipfel in der Grenzregion Straßburg/Kehl stattfinden wird. Sarkozy und Merkel wollten mit dieser "Geste der deutsch-französischen Freundschaft" die Bedeutung der Nato für den Frieden in Europa unterstreichen, teilte die Bundesregierung am Dienstag mit.

Wieder zum Musterschüler der Nato werden

Hinter dem Streben Frankreichs, wieder ein Musterschüler der Nato zu werden, steckt aber noch ein anderes Motiv: Sarkozy hat den Aufbau einer unabhängigen europäischen Verteidigung zu einem vorrangigen Ziel der im Juli beginnenden französischen EU-Ratspräsidentschaft auserkoren. Die bisherige militärische "Infantilisierung" schade der EU, kritisierte Verteidigungsminister Morin Anfang des Jahres. "Wir müssen vermeiden, Spielball der Politik anderer zu sein." Mit dem klaren Bekenntnis zur Nato soll Washington und anderen Skeptikern nun die Sorge genommen werden, Paris wolle in der EU ein militärisches Konkurrenzbündnis schmieden: Für Sarkozy beginnt die europäische Verteidigung am Hindukusch.

AP/DPA
 
 
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KOMMENTARE (4 von 4)
 
Progreso (01.04.2008, 17:23 Uhr)
@Aprilscherz
Selbst wenn's ein Aprilscherzchen sein sollte so ändert das nichts an der von mir zuvor beschriebenen Situation.
Die (Militärs, Politiker, "Religion"sführer, viele Wirtschaftslenker) spielen mit uns ständig böse April"scherze" und von daher kommt's nicht drauf an ob uns der Stern mit so einer Story in den April schickt.
Das Thema ist durch und durch viel zu ernst und gefährlich und daher steht meine vorherige Stellungnahme auch in diesem "spaßigen" Rahmen!
Grüße in den deutschen Frühlings-April!
undueberhaupt (01.04.2008, 16:35 Uhr)
Hallo Leute vom Stern!
Frankreich als atives Mitglied der Nato... da habt ihr euch einen tollen Aprilscherz ausgedacht.
Progreso (01.04.2008, 15:51 Uhr)
Gefährliche infantile Militaristen
Zitat: "Die bisherige militärische Infantilisierung schade der EU ..." - wow, wenn diese Leute, also unser aller politisches, ökonomisches und geistiges VER-Führungspersonal, nur ihrem Lieblingshobby, die Wahrheit immer von den Beinen auf den Kopf zu stellen, nachgehen können, dann sind sie glücklich und es gibt im Rattenschwanz hinterher leider Abermillionen Fußvolk und Lemminge, die das auch noch begeistert abnicken.
Militarismus per se IST Infantilisierung Erwachsener, vor allem der Männer, aber immer mehr Frauen lassen sich genauso an der Nase rumführen und meine Befürchtung ist, dass diese verführten Mitbürger auch gar keinen Frieden wollen, denn für die Hölle in sich selber brauchen sie jede sich bietende Rechtfertigung um ihr Kriegshandwerk und ihre Paranoia umsetzen und befriedigen zu können.
Nun, wie ich schon öfter geschrieben habe sind WIR, also die Masse der normalen, täglich richtig arbeitenden Bevölkerung, diejenigen, die am Ende aufgrund der Manipulation von oben in den Krieg ziehen wollen oder müssen. Unsere Herren und Damen „Wichtig“, wie der zu kurz geratene Franzose, beschmutzen ihre feinen Finger nicht selbst mit Blut, dafür dürfen sie danach umso mehr das mit den künstlich erzeugten Kriegen gescheffelte und geraffte Geld zählen und wir wissen nicht mehr wo unsere weg gebombten Glieder sind und wo wir was zu essen herbekommen.
Noch haben diese nihilistischen Weltzerstörer jedoch nicht gewonnen und ich werde die Hoffnung auch nicht aufgeben, dass die Menschheit eines Tages den Weg findet friedlich zusammen zu leben und diese Typen, egal welcher politischen oder religiösen Indoktrinierungsideologie oder zwielichten „Clubs“ sie angehören mögen, zu isolieren und ihnen ihren destruktiven Einfluss zu nehmen.
Sandygirl (01.04.2008, 15:37 Uhr)
Demokratie
Warum sollte das franzoesische Volk eine Remilitarisierung wesentlich besser finden, als das deutsche Volk. Aber auf der anderen Seite: Was interessiert sich die Politik denn fuer die Meinung des Volks? Was bedeutet Demokratie doch gleich?