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16. Oktober 2004, 10:00 Uhr

Flucht ins Feuer

Rund 150 Frauen setzten sich innerhalb von sechs Monaten in Herat, einer Stadt im Westen von Afghanistan, in Brand. Aus Angst, aus Scham, aus Verzweiflung. Ein Fanal, das mehr über das Land verrät als die Wahl am vergangenen Samstag.

Fariba erträgt seit einem Jahr unglaubliche Schmerzen. Die 16-Jährige war ohne Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes mit einer Freundin in den Park gegangen. Als sie fürchtete, ihr Vater könnte er erfahren, zündete sie sich an© Stephanie Sinclair

Die Angst würgt Fariba, sie muss sich erbrechen. Ihr ganzer Körper bebt, ihre Stimme zittert, kreischt, schrillt: Bitte nicht! Sie soll tief einatmen und kann nur wimmern. Bitte nicht, bitte, bitte. Allah hilf! Faribas Fingernägel schimmern hennarot, ihre Hände sind unverletzt. Im schwarzen Haar trägt sie eine Spange. Mumiengleich ist ihr Oberkörper eingewickelt. Der Pfleger kommt, und Fariba erstarrt. Er packt die Verbände, reißt sie ab, schnell und hart, an Brust, Armen, Rücken. Fariba schreit nicht mehr. Sie jault. Sie wird gehäutet bei lebendigem Leib. Unter den Bandagen glänzt das offene Fleisch, blutrot.

Seit einem Jahr durchlebt sie diese Prozedur, alle zwei bis drei Tage. Zuerst im Krankenhaus in Herat, nach sechs Monaten zu Hause. Seitdem musste die Mutter die Verbände wechseln, wochenlang ertrug sie kaum die Schreie ihrer Tochter. Die Wunden heilten nicht. So hat sie Fariba wieder in die Klinik gebracht. Irgendetwas sollen die Ärzte tun. Irgendwie müssen sie ihrem Kind doch helfen können. "Warum ist das Schicksal so hart zu uns?", klagt die Mutter. "Wäre doch dieser Unfall nie passiert!" Wenn es denn einer war.

Vor einem Jahr hatte die 15-jährige Fariba den Traum, ein einziges Mal etwas allein zu erleben, ohne die Familie. Sie wollte ihre Grenzen ausloten. Grenzen, die für afghanische Mädchen an der Haustür beginnen. Fariba schwänzte die Schule, ging mit ihrer Freundin in den Park. Sie erinnert sich noch an die Früchte zum Picknick und an das gebratene Fleisch. War ein Junge dabei? Das will sie nicht sagen.

Der Vater wusste von nichts. Nie hätte er seine Erlaubnis gegeben. Auf dem Heimweg wurde sie von Milizionären aufgegriffen. Die lieferten sie an der Haustür ab. Dort wartete einer ihrer jüngeren Brüder nur darauf, die ältere Schwester beim Vater anzuschwärzen. Er sagte nur einen Satz. Der ließ Faribas kleines Abenteuer zum Albtraum werden: "Wenn das dein Vater erfährt, bringt er dich um."

Fariba bekam Angst. Sie wollte entkommen. Aber wohin soll ein afghanisches Mädchen fliehen? Ohne Familie ist ein Mädchen nichts, und ein Vater verliert seine eigene Ehre mit der seiner Tochter. Alles erschien Fariba besser als die Wut des Vaters. Sie nahm einen Kanister aus der Vorratskammer, schüttete sich das Petroleum über den Kopf und zündete es an. Wochenlang lag sie im Koma. "Ich wäre besser gestorben", flüstert sie.

Fariba kann nicht mehr erklären, weshalb sie sich angezündet hat. Weshalb sie Feuer wählte, um sich zu bestrafen. Vielleicht waren Petroleum und Streichhölzer nur das, was sie am besten erreichen konnte. Wie viele Frauen in Afghanistan, eingesperrt im Haus und am Herd.

Aber das erklärt nicht, weshalb sich ausgerechnet in Herat, im Westen Afghanistans, die Selbstverbrennungen häufen und die Toten zu Vorbildern werden, denen andere nachzueifern scheinen. Mehr als 150 Frauen haben sich allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in Brand gesteckt, im vergangenen Jahr waren es 160. Vielleicht liegt es an der Nähe zum Iran, an den afghanischen Frauen, die von dort zurückkehren nach Jahren im Exil. Im Iran konnten sie arbeiten und sich frei bewegen, das Leben hatte eine Zukunft. In Afghanistan bleibt davon nur eine Erinnerung, und das Einzige, was diese Frauen hinüberretteten, scheint die Freiheit zum Feuertod zu sein. Altiranische Philosophen nennen Feuer "reinigend".

Unbestritten ist, dass es Frauen in Herat besonders schwer haben. Bis vor kurzem herrschte dort Ismail Khan. Er erlaubte zwar den Schulbesuch der Mädchen, aber verbot, dass Frauen ohne Ganzkörperschleier ausgehen, verurteilte diejenigen, die bei internationalen Organisationen arbeiten, und gebot, dass Frauen, die mit fremden Männern aufgegriffen werden, sich einem Jungfräulichkeitstest unterziehen müssen. Khan wurde Mitte September von Präsident Karzai abgesetzt, seine Anhänger verwüsteten daraufhin die Büros der Vereinten Nationen. Der selbst ernannte "Emir von West-Afghanistan" will als Privatmann in Herat bleiben. Seine Milizen, mehr als 1000 Mann stark, werden ihm den nötigen Einfluss sichern.

Es gibt keine offizielle Statistik über Selbstmorde. Die Polizei wagt es oft nicht, die Familien zu fragen. Die Schande ist zu groß. Wer doch nachhakt, hört Geschichten von Frauen, die Nadeln oder Glas schluckten, sich in Brunnenschächte warfen, eine Überdosis Medikamente nahmen. Jede Frau kennt Schicksale, die solchen Verzweiflungstaten vorausgehen: 15-Jährige, die von der Straße entführt und zwangsverheiratet wurden; Neunjährige, die Kinder bekommen; Ehefrauen, die in Kellern ohne Essen dahinvegetieren; die Journalistin, die von ihrem Vater unter Hausarrest gestellt und geschlagen wurde, nur weil sie einen Mann liebte, der den falschen Glauben hatte. Der zwar Muslim war, aber Schiit, nicht Sunnit wie die Familie seiner Liebe. Damit war er kein passender Schwiegersohn, allein sein Antrag galt als Anschlag auf die Ehre der Tochter. Der Vater sperrte sie ein, verbot ihr jeden Kontakt und zwang sie mit Schlägen zum Gehorsam. Die Tochter vergiftete sich.

Diese Geschichten sind wie ein Hintergrundrauschen, übertönen jede Hoffnung in den Gesprächen über die Zukunft, schaffen eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit. Wenn schon die gebildete Journalistin, wenn die Lehrerin, wenn auch die Nachbarin die bloße Tatsache lähmt, eine Frau zu sein - welche Chance habe dann ich, mein Leben zu ändern?

Als Fatunah Khairkhowa in den Schwerstverbrannten-Flur geschoben wurde, während Fariba nebenan im Koma lag, war ihr Haar zu einer brüchigen Masse verbrannt. Auf ihrer Haut zeichneten sich die Adern ab wie Straßen auf einer Landkarte. Sie spürte keinen Schmerz, weil alle Nerven versengt waren. Fatunah jammerte nicht, sie hatte endlich keine Angst mehr. Sie wollte nur noch sterben.

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