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22. Juni 2008, 08:58 Uhr

Im Namen des Bruders

Der eine ist afghanischer Student und wurde zum Tode verurteilt, weil er über den Koran diskutieren wollte. Der andere ist Journalist, hat die Weltöffentlichkeit mobilisiert und kämpft für dessen Freilassung aus dem Gefängnis. Von Christoph Reuter

Yaqub Ibrahimi am Hamburger Hafen. Er wurde als kritischer Journalist verfolgt© Achim Liebsch

In einer Einzelzelle des größten Kabuler Gefängnisses sitzt ein Mann und weiß nicht, ob er demnächst hingerichtet oder freigelassen wird. Bis vor einem Jahr war Parvez Kambachsch, 23, ein unbekannter Student in der nordafghanischen Metropole Masar-e-Scharif. Dann lud er eine kritische Koran-Interpretation aus dem Internet herunter, kopierte und verteilte sie im Seminar. Er wollte darüber diskutieren. Schließlich gibt es qua Gesetz Meinungs- und Pressefreiheit in Afghanistan, Artikel 34 der Verfassung.

Studenten, Professoren, einflussreiche Mullahs aber wollten nicht diskutieren. Sie sahen in ihm einen Gotteslästerer. Der Geheimdienst bestellte Kambachsch ein, zu seinem Schutz, hieß es. Dann wurde er festgenommen und am 22. Januar zum Tode verurteilt. Nach Artikel 3 derselben Verfassung, der vorschreibt, dass nichts der Heiligkeit des Islams widersprechen dürfe.

Das ist Afghanistan. So schizophren das Recht, so gespalten das Land. Denn aus Parvez Kambachsch, dem Studenten, der einen Text aus dem Internet verteilte und zum Tode verurteilt wurde, ist eine Berühmtheit geworden, an der sich die Meinungen in Afghanistan scheiden, ebenso wie sie das im Rest der Welt über Afghanistan tun: Die USA, Deutschland, England, die UN, amnesty international, Reporter ohne Grenzen und andere Organisationen zeigten sich empört. Die britische Tageszeitung "The Independent" sammelte binnen Tagen Zehntausende Unterschriften für Parvez Kambachsch.

Die Taliban wiederum haben einen Aufruf veröffentlicht: Kambachsch sei "der neue Salman Rushdie", dessen Buch "Die satanischen Verse" vor 19 Jahren zum Mordaufruf von Ayatollah Chomeini geführt hatte. Was die Taliban allerdings erst einmal erklären mussten, da kaum jemand Rushdies Bücher kennt und das Gros ihrer Gefolgschaft ohnehin nicht lesen kann. Das Oberhaus des afghanischen Parlaments hat das Todesurteil erst bestätigt und anderntags, nach heftiger Debatte, erklärt, gar nicht zuständig zu sein. Das Appellationsgericht hat bis heute nicht entschieden, und Präsident Hamid Karzai hat es peinlich vermieden, sich eindeutig zu äußern. Als zuletzt in Paris die große Geberkonferenz für Afghanistan tagte, ging es um Milliardenzuschüsse - und um Kambachsch. Denn wofür, fragen sich die Regierungen, sollen wir weiterhin eine Regierung in Kabul unterstützen, wenn die sich von den Taliban gar nicht mehr groß unterscheidet?

Der ältere Bruder Yaqub alarmierte Journalisten in aller Welt

Dass der Fall von Parvez Kambachsch überhaupt der Welt zur Kenntnis kam, verdankt er seinem älteren Bruder: Yaqub Ibrahimi, einem der besten Journalisten des Landes. Für den Radiosender "Good morning, Kabul" und für die Website des "Institute for War & Peace Reporting", einer britischen Hilfsorganisation, die im Irak, in Afghanistan und anderen prekären Staaten Journalisten ausbildet, hat er in den vergangenen Jahren immer wieder über die Willkür der alten und neuen Warlords im Land berichtet (darunter auch für den stern, "Sollen die Deutschen gehen oder bleiben?", Nr. 31/2007). Wie sie jedem Recht Hohn sprechen, sich Buhlknaben halten; wie ein Kommandeur ein Mädchen entführen ließ, um es gegen einen Kampfhund einzutauschen - und wie der vormalige Verteidigungsminister Raschid Dostum seine Entourage anwies, einen politischen Konkurrenten zu vergewaltigen.

Yaqub alarmierte Journalisten in aller Welt, fuhr nach Europa, wandte sich an die afghanische Regierung. Um seinen Bruder zu retten. Aber auch, "weil die Mächtigen, über die ich geschrieben habe, mich treffen wollten. Sie haben mich mehrmals bedroht, wollten mich verschleppen. Die Aktion meines Bruders gab ihnen die Gelegenheit, sich an mir zu rächen".

Vergangene Woche ist Yaqub Ibrahimi nach Hamburg gekommen: für ein Jahr, als Gast der "Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte". Froh, hier zu sein, ist er zugleich voller Sorge um seinen Bruder: "Selbst Karzai wagt es nicht, ihn einfach freizulassen. Er muss die Reaktionen im eigenen Land fürchten, wenn es aussieht, als gebe er dem Druck des Auslands nach. Andererseits kann es doch nicht sein, dass Parvez hingerichtet wird", hofft er.

Währenddessen sitzt Parvez Kambachsch in seiner Zelle im Pol-e-Charchi Gefängnis, wartet auf Tod oder Freiheit, entscheidet unfreiwillig über Ruf und Finanzen von Karzais Regierung - und wollte doch nur über den Koran diskutieren.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 25/2008

Von Christoph Reuter
 
 
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