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28. Januar 2010, 17:34 Uhr

Problemlösung per Dekret

Die Geberländer feiern sich selbst: Für ihre neue Afghanistan-Strategie, die nun alle Probleme lösen soll. Doch leider lässt sich das Land nicht per Beschluss am grünen Tisch befrieden. Ein Kommentar von Christoph Reuter, London

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Sie applaudierten vor allem sich selbst: Delegierte auf der Londoner Afghanistan-Konferenz© Anita Maric/DPA

Es ist geschafft. Und gelöst, dieses ewige Problem Afghanistan. Es war gar nicht so schwer, wie Großbritanniens Premier Gordon Brown in der Eröffnungsrede zur Konferenz in London klargemacht hat. Eine Truppenaufstockung soll jetzt zur entscheidenden Wende im Kampf gegen den Taliban-Aufstand führen. Die Afghanische Armee und Polizei werden nahezu verdoppelt. "Mitte nächsten Jahres müssen wir dann das Blatt wenden und das Vertrauen der Menschen erreichen! So werden wir gewinnen!", sagte Brown. Und meinte: Dann können wir den Afghanen ihr Land zurückgeben.

Gesagt und beschlossen

So hat Brown es in etwa gesagt, und so wurde es beschlossen von den fast 70 Staaten, die in der britischen Hauptstadt über die Zukunft in Afghanistan beraten haben. Präsident Hamid Karsai stellte dazu den Zeitplan vor und versprach, dass seine Regierung bis 2015 die Sicherheit im ganzen Land garantieren könne, aber noch weitere 10 bis 15 Jahre dafür bezahlt werden müsse.

Nicht mal ein ganzer Tag in London war nötig, um alle Probleme zu lösen. Per Dekret. Jetzt müssen nur noch die Taliban und die korrupten Verwandten Hamid Karsais, die Profiteure des Krieges mit ihren Schutzgebühren für jeden Lkw und die Heroingroßhändler in Uniformen der afghanischen Grenzpolizei begreifen. Und gehorchen, natürlich. Dann wird alles gut.

Oder auch nicht, aber diese Option kam in den Sonntagsreden am heutigen Donnerstag nicht vor.

Glatter und rosiger als die Realität

Es ist solchen internationalen Konferenzen eigen, dass die Dinge gern ein wenig glatter und rosiger geschildert werden, als sie sich in Wirklichkeit darstellen. Aber wer Karsais Ansprache lauschte, lächelnd vorgebracht und ohne rot zu werden, hätte ahnen können, was für eine gigantische Illusion hier präsentiert wurde: Er werde seine zweite Amtszeit dem Kampf gegen die Korruption widmen, versprach er, werde die "Kultur der Willkür" von Kriminellen und Warlords beenden - die er doch eingeführt hat.

Und er bedanke sich jetzt schon sehr herzlich für die westliche Unterstützung der geplanten Parlamentswahlen - auf deren Verschiebung die Staatengemeinschaft bereits erfolgreich gedrängt hat. Am liebsten würde man sie ganz absagen nach Karsai gnadenloser Fälschung der Präsidentschaftswahl.

Karsai versprach alles, was man von ihm hören wollte. Wie seit Jahren. Nur sind die Dinge derweil schlechter geworden, nicht besser. Aber trotzdem nehmen ihm Gordon Brown, Angela Merkel und die Regierungen der Geberländer die Versprechen ab. Und meiden die Erörterung der Realität, als könne man die Realität damit bezwingen.

In der Realität müssten die Regierungen nämlich anerkennen, dass sie bislang nicht wagen zu definieren, was sie unter "Sieg" und "Erfolg" eigentlich verstehen - kein Wort darüber. Sie müssten anerkennen, dass es keine Pläne dafür gibt, was hochgerüstete Militärs und Milizen denn machen, wenn man sie sich selbst überlässt, und dass fast alle Afghanen deswegen davon ausgehen, dass der Bürgerkrieg umgehend wieder aufgenommen würde - kein Wort darüber.

Die Regierungen müssten zugeben, dass in Kabul vor Karsais Abreise der notorische Massenmörder Rashid Dostum vom Präsidenten abermals zu einer Art Oberhaupt der afghanischen Armee ernannt wurde, obwohl er Ende 2001 ein Massaker an tausenden Taliban-Gefangenen angeführt hatte - kein Wort darüber.

Berlin müsste zugeben, dass in Deutschland die Innenministerien der Länder schon heute kaum halb so viele Polizisten schicken wie versprochen und die desorganisierten Missionen in Kabul kaum wissen, wie sie ihr Pensum erfüllen sollen - kein Wort darüber.

Angela Merkel müsste zugeben, dass es für jeden Polizisten meist ein Karrierehindernis bedeutet, sich für einen Afghanistan-Einsatz zu verpflichten und engagierte Beamte bestraft werden, wenn sie sich melden - kein Wort darüber.

Die Bundesregierung müsste eingestehen, dass zwar die deutsche Fördersumme nun auf 430 Millionen Euro ungefähr verdoppelt wird, aber das Auswärtige Amt schon jetzt händeringend nach Projekten sucht, in die das Geld fließen könnte - kein Wort darüber.

Berlin müsste sagen, dass große Teile der zugesagten Budgets auch schon deshalb nicht abgerufen werden, weil Projekte und Partner fehlen, um halbwegs korruptionsfrei arbeiten zu können - auch darüber fiel kein Wort.

Angesichts dieses Schweigens und der illusorischen Beschlüsse geht leicht unter, was der einzige wirklich relevante Punkt der Strategieänderung ist: dass die Taliban nicht mehr als allein militärisch zu besiegende Feinde dargestellt werden, sondern als Kraft, mit der man verhandeln muss - ob man sie mag oder nicht. Dass die afghanischen Taliban, die sich derzeit selbst Verhandlungen mit dem US-Militär verweigern, sich von Amnestieangeboten und Geldzahlungen spalten lassen, ist nicht zu erwarten. Aber wenigstens bahnt sich hier eine Bereitschaft an, mit gedämpften Erwartungen konkrete Fortschritte zu erzielen.

Ungewollt fasste am Ende des Tages schließlich die Allergiker-Warnung neben den Kekstellern im "Refreshments"-Zentrum des Pressezelts das Konferenzergebnis zusammen: "We cannot guarantee that these items do not contain nuts" - sehr frei übersetzt: Wir können nicht ausschließen, dass diese Dinge Blödsinn beinhalten.

Ein Kommentar von Christoph Reuter, London
 
 
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