17. Februar 2008, 16:27 Uhr

Lizenz zum Töten

Bislang hat sich die Bundeswehr auf ihre Art Respekt verschafft. Nun soll sie auch Kampftruppen in Afghanistan stellen - mit allen Konsequenzen. Doch allein militärisch sind die Taliban nicht zu besiegen. Von Christoph Reuter

Bei einer Operation gegen Stellungen der Taliban sind Soldaten der britischen Royal Marines unter Beschuss geraten. Die Provinz Helmand ist stark umkämpft©

Geschichte, schrieb Marx, wiederhole sich als Tragödie und als Farce. Im Falle Afghanistans tut sie gerade beides gleichzeitig. Während US-Verteidigungsminister Robert Gates vergangene Woche den Deutschen mangelnden Kampfeswillen vorwarf, lässt Hollywood die 80er Jahre aufleben und die bizarre Begeisterung für die "Freedom fighters" gegen die Sowjetbesatzung. An diesem Donnerstag startet "Der Krieg des Charlie Wilson" in den deutschen Kinos: Tom Hanks als koksender Kongressabgeordneter Wilson und Julia Roberts als millionenschwere Strippenzieherin, die beinahe im Alleingang jene Milliardenetats für Waffen beschafften, mit deren Hilfe die Mudschaheddin der übermächtigen 40. Sowjetarmee trotzten.

Obwohl die Sowjets mit weit mehr Soldaten in Afghanistan waren und brutaler vorgingen als die Nato-Truppen, konnten sie den Widerstand nicht brechen. Sowjet- Befehlshaber Michail Saizew hatte schon den Prager Frühling niedergeschlagen und kämpfte nach bewährtem Muster: immer mehr Gewalt, bis zur Unterwerfung. Aber die Afghanen unterwarfen sich nicht.

Deutsche Panzergrenadiere verteilen bei einer Patrouille nahe Bagram kleine Geschenke an Kinder©

Wenn nun Robert Gates heute fordert, man müsse nur mehr Taliban töten, um in Afghanistan endlich zu siegen, klingt er vertrackt nach General Saizew. Die Realität, so scheint es, wird derzeit von Hollywood inszeniert, die Fiktion von den Nachrichten geliefert. Hartnäckig bis zur Wirklichkeitsverleugnung klammert sich Washington an den Mythos, um Afghanistan zu retten, müsse man die Taliban nur militärisch besiegen - selbst wenn die Untersuchungskommissionen der eigenen Regierung dieses Vorgehen als gescheitert bilanzieren. Ende Januar stellte die "Afghanistan Study Group" ihre Ergebnisse vor. "Wir können dort alle Schlachten gewinnen, doch den Krieg verlieren", summierte Senator John Kerry deren Erkenntnis: "Wir sind dabei, ihn zu verlieren."

Die Sicherheitslage hat sich verschlechtert

Immer noch glauben viele Militärs, durchaus nicht nur Amerikaner, an den Erfolg des Krieges. Aber sie schaffen es dabei nicht einmal, ihr Gedächtnis sechs Jahre zurückzubemühen: Die Taliban sind nicht immer noch da, sondern wieder erstarkt nach ihrem buchstäblichen Verschwinden Ende 2001. Die Sicherheitslage hat sich im Verlauf des US-Kampfeinsatzes im Süden und Osten Afghanistans (die Nato ist in diesen Landesteilen erst seit 2006 aktiv) nicht verbessert, sondern verschlechtert. Mitte 2002 konnten sich Ausländer unbehelligt in Afghanistan bewegen, war ein stern-Team wochenlang in den Paschtunen-Provinzen Urusgan, Helmand, Kandahar unterwegs, undenkbar heute. Von hier aus hatte die Taliban-Bewegung die Sowjets zurückgedrängt und ab 1994 weite Teile Afghanistans erobert.

Im Sommer 2002 fuhren die Reporter durch ein verwirrtes Land, voller Misstrauen, voller Hoffnung - und ruhig. Nach dem Fall der Taliban wurden alte Fehden unter den Clans wieder aufgenommen, sahen sich die Akhundsada und Popolsai (Karzais Stamm) in neuer Stärke gegenüber den Itzhaksais und anderen. Es gab Spannungen, aber keinen gemeinsamen Feind.

Doch die USA interessierten sich nur für eines: Taliban, Terroristen und Osama bin Laden jagen. Alles andere war zweitrangig. Abhängig von lokalen Machthabern und Übersetzern, ließen sie sich immer wieder in Stammesfehden hineinziehen, sie bombardierten als Al-Qaeda-Nester denunzierte Dörfer und trafen oft nur Kontrahenten ihrer Einflüsterer. Sie verstanden nicht, was die Taliban Ende der 90er Jahre so stark gemacht hatte: dass sie eine Ordnung etabliert hatten. Keine demokratische, sondern eine frauenverachtende und überdies mörderische Ordnung. Aber immerhin eine Ordnung. Die dafür sorgte, dass nicht mehr Geld, Land, Töchter wahllos geraubt werden konnten wie im Bürgerkrieg zuvor, dass Händler durchs Land fahren konnten, ohne ständig auf Wegelagerer zu stoßen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 07/2008

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KOMMENTARE (8 von 8)
 
manndernichtdaist (18.02.2008, 08:00 Uhr)
youtube!
auf youtube findet man videos, aufgenommen von soldaten in afghanistan und irak, die zeigen wie krieg aussieht. aufnahmen, die die gesamte härte aufzeigen. dass du keine chance hast sollte es ein sniper irgendwo in den bergen es auf dich abgesehen haben. oder ein kerl im auto, der an eine strassenkontrolle fährt und sich mitsamt auto in die luft jagt.
realität kann grausam sein, aber es würde sich für etliche politiker lohnen das mal anzusehen, damit sie erkennen wie das dann aussieht.
stichworte: iraq, afghanistan, sniper, marines, usw. usf. gunship ist auch ganz interessant, denn da sieht man dass kriegsmaschinerie teilweise wie ein computerspiel aussieht. unglaublich aber wahr.
traurig.
gmathol (17.02.2008, 23:22 Uhr)
Uebrigens koennen alle intelligenten deutschen Soldaten diese Einsaetze verweigern.
Man kassiert nur zu gern die doppelte Auslandszulage und das Geschrei ist gross wenn etwas schief geht und der Betroffene als Leiche heimgefuehrt wird.
Nur DUMME kaempfen fuer die Interessen der Globalisten der USA oder deutscher korrupter Politiker.
Mindsplitting (17.02.2008, 23:18 Uhr)
@Sandygirl
mehr gibts nicht zu sagen
Helmers (17.02.2008, 22:43 Uhr)
Ob Kosovo oder sonst wo, wir müssen unseren Kopf hinhalten für Fremde?
Der Kosovo feiert heute in ganz Europa und unsere Jungs, der Nato, müssen hier als Puffer den Zwist, zwischen Serben und Albanern puffern, hoffentlich ohne Opfer!
Es ist schon seit einiger Zeit abzusehen, dass im Kosovo, der Albanerhochburg, die Unabhängigkeit groß gefeiert werden soll, Europa schickt weiterhin Aufbauhelfer zur sog. Demokratie. Die Serben, ihr Geheimdienst zusammen mit Russland baut schon die Überraschungseier vor, die heute im Gerichtshof von Kosovo explodiert sind. alles nur billige Provokationen der Serben und ihrer Werkzeuge!
Holt unsere Bundeswehrler nach Hause, schickt die hier bei uns feiernden Kosovo-Albaner nach Hause, sie sollen ihren Kopf hinhalten, fahren hier bei uns in München mit BMW` s herum? - nicht die Bundeswehrjungs, sie sind zu schade für dieses Balkanvolk, da wird
n i e Ruhe herrschen. Das gleiche gilt für Afghanistan, wir haben dort überhaupt nichts verloren, nur weil der Ami dort einen Krieg angefangen hat, die tatsächlichen Taliban sitzen in Nordwestpakistan, mit ihren ganzen Koranschulen u.s.w. Da gehört hineingefunkt und nicht nach der Grenze im Norden Pakistans, leider wackelt aber dort der Herr Muscharaf schon lange und wie man sieht werden genau dort die Leute in die Luft gesprengt: Frage an Herrn Bush und seine Rep`s, wo genau der Feind, wo müssen wir angreifen, bestimmt nicht da, wo Schulen gebaut werden oder Infrastruktur geschaffen wird!
Reality (17.02.2008, 22:21 Uhr)
Rache ist immer ein schlechter Ratgeber
Leichtfertig in einen Aussichtlosen Krieg hineinziehen zu lassen halte ich für mehr als nur dumm.!
Nur um die Rachegelüste eines anderen Staates zu befriedigen ?
Nein !
Rache ist immer ein sehr schlechter Ratgeber.
Es wäre ehrlicher wenn die Amerikaner zugeben würden, dass es ihnen um einen sicheren Stützpunkt dort, wegen der strategischen Lage Afghanistans geht.
Dass sie sich hier festsetzen wollen um die Regionen um Afghanistan herum zu kontrollieren, weil dort Öl in unermesslichen Mengen lagert.
Dies und nichts anderes scheint mir der Grund zu sein warum sie dort sind.!
Doch dazu brauchen sie noch ein paar von den ganz dummen die sich für Öl erschießen lassen wollen.
Albimonte (17.02.2008, 19:51 Uhr)
Experten der asymmetrischen Kriegsführung
sind also nicht mehr beim Militär, sondern beim Stern. Sehr gut, dass wir jetzt wissen, wann ein Kampf zu gewinnen ist - der gegen "die Taliban" ja nicht. Der Vergleich mit der Agression der Russen hinkt in vielerlei Hinsicht. In der Tat haben sich "die Afghanen" nicht unterworfen und einen von mehreren Seiten unterstützten, gerechten Kampf geführt. Jetzt geht es gegen eine Terrorgruppe, deren Unterstützung in der Bevölkerung schwer zu bewerten ist und die militärisch nicht den Hauch einer Chance gegen die Nato hat. Und die wirklich sehr viele Führungskader und ausgebildete Kämpfer verloren hat und zu immer weniger koordinierten Aktionen fähig ist. Bei aller vielleicht berechtigten Kritik an der Führung des Einsatzes, darf man nicht vergessen, dass diese Erfolge mit einem Bruchteil der Truppen der Sowjets erreicht wurden.
Fiasc0 (17.02.2008, 19:49 Uhr)
_o/ _ _O/
Wir sollten das tun was wir am besten können. Baut eine Mauer rum.
Sandygirl (17.02.2008, 19:20 Uhr)
Töten oder Morden?
Was sollte unser Interesse als Deutsches Volk sein, in einen solchen Krieg einzugreifen?
Oder müssen wir wieder nachhelfen beim Feinde schaffen, um inländische Terrordrohungen realistischer erscheinen zu lassen, damit die Bürgerrechte weiter eingeschränkt werden können?
Warum maschieren wir nicht gleich noch in der USA ein? Die machen Kriege, geben Schwarzen in Florida kein Wahlrecht, haben die Todesstrafefoltern Gefangene und halten sich (nach eigener Aussage!) auch sonst nicht mehr and die Genfer Konventionen.
Haben wir wirklich nichts gelernt? Oder ist der letzte Krieg schon wieder zu lange her?