92 Prozent des Opiums auf der Welt kommen heute aus Afghanistan. Das Land ist in den Händen der Warlords und Drogenbosse. Ihre Macht reicht bis in die Regierung. Das weiß der Westen - und sieht zu. Von Uli Rauss

Ein amerikanischer Soldat durchkämmt ein Opiumfeld in der Provinz Helmand. Hier ist das Zentrum der Rauschgiftproduktion - und der Gewalt© John Moore/Getty Images
Diesmal sah es so aus, als hätte es einen der Unantastbaren erwischt, einen der ganz Großen im Drogengeschäft: General Mohammad Daud-Daud ist Vize-Innenminister in Kabul und offiziell verantwortlich für den Kampf gegen Drogen in Afghanistan - einem Land, aus dem 92 Prozent des weltweit gehandelten Heroins stammen. Ausgerechnet Daud: Der einstige Warlord aus dem Norden, noch immer Herr über Hunderte Milizionäre, ein Mann, der sein Land vertritt bei Empfängen, Diners, Strategie-Meetings. Kürzlich, bei der Jahrestagung der amerikanischen Anti-Drogen-Behörde DEA im kanadischen Toronto, war er persönlicher Gast von DEA-Chefin Karen Tandy.
"Der Typ steckt ganz tief drin im Drogenbusiness", sagt ein DEA-Ermittler zum stern, "ich verstehe nicht, warum meine Chefs in Washington diesen Ganoven hofieren." Auch Politiker und westliche Berater der afghanischen Regierung äußern Unmut. Daud lasse politische Gegner willkürlich einsperren, er unterlaufe Einsätze gegen verdächtige Dealer. Ein Dokument belegt, dass General Daud einen Kommandeur im Norden Afghanistans handschriftlich anwies, sichergestellte Drogen "an die Kollegen" zu verteilen. Und sein Kommandeur meldete Vollzug: 25 Prozent seien "an das relevante Personal verteilt". Wenn "ich zum Büro des leitenden Anti-Drogen-Mannes der Regierung ins Innenministerium gehe", sagt ein Rauschgiftspezialist aus der Europäischen Union, "dann begegne ich in den Vorzimmern einem Dutzend Gestalten, die zusammen mindestens 1500 Jahre Knast verdient hätten".
In diesem Frühsommer schlugen DEA-Fahnder in Kabul zu. Zwei Special Agents ließen einen von Dauds engsten Vertrauten festnehmen: Oberst Nader, Chef einer geheimen Einheit von Rauschgiftfahndern im Innenministerium, hatte Heroin an zwei Männer verkauft, 1200 Dollar das Kilo, als Anreiz für einen größeren Deal. Die Käufer waren DEA-Informanten. Die Seriennummern der Geldscheine waren registriert, Nader saß in der Falle. Mehrere afghanische Ermittler und Informanten packten daraufhin aus. Die Zeugen beschuldigten ihn, bei Operationen sichergestelltes Heroin systematisch weiterverkauft zu haben - "im Auftrag von General Daud-Daud". Mal 50 Kilo, mal mehr, es ging um Hunderttausende Dollars. "Oberst Nader hat gestanden", sagt ein Offizier, der mit den Vernehmungen vertraut ist. "Kein Wunder, dass sich der stellvertretende Innenminister im Frühjahr eine Villa in Dubai kaufen konnte."
Afghanistan, fünf Jahre nach dem Sturz der Taliban: In diesen Tagen melden UN-Fachleute die Rekordproduktion von 6100 Tonnen Opium im Jahr 2006, so viel wie nie zuvor. Die Provinz Helmand, Hochburg von Drogenbaronen und Talibankämpfern, ist außer Kontrolle. Aufständische liefern sich schwerste Gefechte mit Nato-Truppen, greifen Soldaten mit Selbstmordanschlägen an. Die Rebellen profitieren von dem Milliardengeschäft mit den Drogen, wie auch korrupte Politiker - oft mit Wissen der westlichen Geberstaaten.

Jagdtrophäe: Drogenbekämpfer posieren für ein Foto. Im Hintergrund brennt das Opiumlabor, das sie aufgespürt und in Brand gesteckt haben© Perry Kretz
General Daud ist bis heute im Amt. Er trägt bis heute die Verantwortung für die Drogenbekämpfung in Afghanistan. Die Bundesregierung unterstützt weiterhin das Innenministerium in Kabul, mit Geld, Personal und Material für die Polizeiausbildung. Den Plan, dem General einen deutschen Berater an die Seite zu stellen, hat man im Bundesinnenministerium vorsichtshalber als "politisch untragbar" abgelehnt.
Deutsche Sicherheitsbehörden wissen Bescheid über Daud. Präsident Karzai hatte dem Warlord Ende 2004 das Amt des Vize-Innenministers verschafft, obwohl sein Name "auf einer streng geheimen Liste mit den Namen der 14 größten Drogenbosse in Afghanistan stand, unseren sogenannten Hochwertzielen", sagt ein Drogenexperte dem stern. Zwei Namen aber seien in Abstimmung zwischen Karzai und der US-Regierung von der Liste gestrichen worden: "General Daud- Daud und Ahmed Wali Karzai, ein Bruder des Präsidenten." Beide haben jedwede Verwicklung in den Drogenhandel dementiert.
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Stern
Ausgabe 38/2006