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2. Dezember 2009, 06:57 Uhr

Obama setzt auf Risiko

Erst massive Truppenaufstockung, ab Juli 2011 der Abzug: US-Präsident Barack Obama will den Erfolg in Afghanistan erzwingen, doch seine Strategie fußt auf einem riskanten Fundament.

Obama, Afghanistan, rede

Unser Truppenengagement in Afghanistan kann nicht endlos dauern": US-Präsident Barack Obama in West Point© Charles Dharapak/AP

Niemals zuvor in Barack Obamas junger Amtszeit war die Einsamkeit des höchsten Staatsamts so deutlich zu spüren. Als der US-Präsident am Dienstagabend in der Militärakademie West Point ans Rednerpult trat, lagen Monate der Beratung über den Fortgang des unpopulären Einsatzes in Afghanistan hinter ihm. Die Entscheidung über die Neuausrichtung hatte Obama ganz alleine zu treffen, und er verkündete sie in dem Wissen, dass den meisten Wählern längst der Glaube an den Sinn dieses Kriegs abhanden gekommen ist. Der Präsident gab sich entschlossen, den Zweiflern zu trotzen und einen Erfolg zu erzwingen. Der Krieg in Afghanistan ist nun Obamas Krieg.

Der Präsident war nach West Point gekommen, um seine neue Strategie für Afghanistan vorzustellen. "Als Oberkommandierender schulde ich Ihnen eine Mission, die klar definiert und Ihres Einsatzes würdig ist", sagte er vor den Kadetten. Die Rede freilich galt nicht in erster Linie dem Soldaten-Nachwuchs, der den Oberbefehlshaber pflichtgemäß mit Hochrufen begrüßte. Obama wandte sich vielmehr über die Köpfe der jungen Leute in Uniform hinweg direkt an die kriegsmüden Bürger daheim am Fernseher. "Ich treffe diese Entscheidung nicht leichtfertig", beteuerte er - und warnte, in Afghanistan und Pakistan würden "neue Anschläge geplant, noch während ich hier spreche".

2011 soll der Abzug beginnen

Der Skepsis setzte Obama eine Missionsbeschreibung mit klar definierten Zielen entgegen. Die Strategie fußt freilich auf einem riskanten Fundament, dessen Tragfähigkeit noch nicht getestet wurde. Anfang 2010 will Obama rund 30.000 weitere US-Soldaten nach Afghanistan schicken. Die US-Truppe am Hindukusch wird dann auf etwa 100.000 Soldaten anschwellen. Neu ist, dass die militärische Eskalation mit Verfallsdatum versehen ist, denn schon im Juli 2011 soll der Abzug beginnen. Den verstärkten Truppen bleiben also nur 18 Monate, um einen Einsatz zu retten, der seit acht Jahren nicht zum Erfolg führte.

"Unser Truppenengagement in Afghanistan kann nicht endlos dauern", sagte Obama; "Die Nation, deren Aufbau mich am meisten interessiert, ist unsere eigene." Der Präsident weiß, dass er mit seiner Truppenverstärkung die Geduld seiner Basis aufs Äußerste auf die Probe stellt. Noch während er nach West Point flog, kündigten Abgeordnete seiner Demokraten im Kongress Widerstand gegen die Militäroffensive an. Obama versuchte den Kritikern die Munition zu nehmen, indem er in seiner Rede selbst unangenehme Wahrheiten aussprach.

"Afghanistan ist nicht verloren, aber seit einigen Jahren macht es Schritte zurück", kritisierte der Präsident. Er erwähnte Korruption und Wahlbetrug. Auch die Kosten wolle er nicht vertuschen, sagte Obama: Die Truppenaufstockung werde allein im laufenden Haushaltsjahr mit 30 Milliarden Dollar (20 Milliarden Euro) zu Buche schlagen. Der Präsident präsentiert eine ernüchternde Bilanz: "Um es kurz zu sagen: So wie es ist, kann es nicht bleiben."

Keine Rede mehr von Demokratisierung

Um sein Ziel in Afghanistan zu beschreiben, nutze Obama einen argumentativen Kniff: Es senkte die Hürde so weit herab, dass sie leichter zu überspringen ist. Von einer Demokratisierung Afghanistans war keine Rede mehr. Nicht einmal von einem Sieg über die radikalislamischen Taliban sprach Obama, sondern nur davon, dass diese geschwächt und am Sturz der Regierung in Kabul gehindert werden müssten. Für das Terrornetzwerk El Kaida dürfe Afghanistan nicht mehr als Unterschlupf dienen. Die afghanische Regierung und die Streitkräfte müssten gestärkt werden.

Mehr als alle bisherigen Vorhaben Obamas wird die Entscheidung zu Afghanistan das Durchsetzungsvermögen des Präsidenten auf die Probe stellen. Obama, den vor einem Jahr eine Woge öffentlicher Zuneigung ins Amt getragen hatte, steht in der Innenpolitik im Kreuzfeuer der Kritik. Sein außenpolitisches Renommee wird davon abhängen, inwieweit die NATO-Verbündeten in den kommenden Wochen seiner Bitte nach weiteren Soldaten für Afghanistan entsprechen.

Peter Wütherich/AFP
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
auwei (02.12.2009, 12:05 Uhr)
@hirnfreund
Gut versteckte Ironie - Zitat: "Meine Hoffung gilt McCain und Palin." Oder vielleicht Edgar J. Hoover? John Foster Dulles? Senator McCarthy? Oder Ronald Reagan? Oder doch Conan, dem Barbaren? Wir sehen goldenen Zeiten entgegen...
Benkku (02.12.2009, 11:40 Uhr)
Schmutziger US-Krieg.
Der verschlüsselten Absichtserklärung Obamas ist zu entnehmen, daß die Amerikaner sehr wohl beabsichtigen, Afghanistan bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag unter Kontrolle zu halten. Ihnen ist jedes Mittel dazu recht, den Transit gewaltiger Erdöl- und Erdgas-Vorkommen aus Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan unter US-Konzern-Führung zu kontrollieren. Was sie von den menschlichen Opfern halten, die bei ihren Gewalt-Methoden zu beklagen sind, hatte die damalige US-Außenministerin einmal verraten. Zitat von Eugen Drewermann:
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"Man fragte 1998 Madeleine Albright, Außenministerin unter Clinton, ob ihr der Tod von 500.000 irakischen Kindern unter fünf Jahren die Aufrechterhaltung des US-Waffenembargos gegen den Irak wert sei. Wie glauben Sie antwortet eine Außenministerin eines westlichen Staates auf die Ermordung von 500.000 Kindern unter fünf Jahren? ?Yes Sir?, war ihre Antwort und Punkt."
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Im Übrigen sind die in diesem Bundestag sitzenden bezahlten Ja-Sager nach bisheriger Erfahrung besonders ungeeignet, darüber zu bestimmen, daß sich die Bundeswehr weiterhin daran beteiligt, für die Amerikaner die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die konservative Mehrheit hat sich über das Ausklammern der Afghanistanpolitik aus dem Wahlkampf (Kunduz) ihre Mehrheit förmlich erschlichen. Der Bundestag, einschl. der Grünen und SPD, hat im Namen des Volkes zu handeln, und das ist mit deutlich überwiegender Mehrheit strikt dagegen.
Malt (02.12.2009, 10:55 Uhr)
@rockyciano
Hier geht und ging es doch nie um einen Sieg - sondern um Gewinn... oder noch deutlicher gesagt um Profit!
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Wer ernsthaft glaubt, dass 2011 der Abzug erfolgen wird (oder auch nur begonnen wird) der hat die Merkel sicherlich auch wegend er versprochenen Steuersenkungen gewählt ^^
auwei (02.12.2009, 10:25 Uhr)
Wenn es
...nicht so aussichtslos wäre - bleiben wie gehen gleichermaßen. Obama hat keine andere Wahl als die, die er getroffen hat. So sehr ich gegen diesen Krieg bin - diejenigen Schlauköpfe, die immer nur "raus aus Afghanistan" schreien, möchten sich nur mal fünf Minuten lang vorstellen, was das für a) die Afghanen selbst und b) den Rest der Welt bedeuten würde. BITTE, liebe Schlaumeier: Denkt es durch und zeigt uns eure Vision eines Taliban-Staates, mit dem die Region und die Welt leben kann. Und kommt mir nicht mit "Das geht uns nix an!" - das ist eines echten Linken nicht würdig!!!
Noctim (02.12.2009, 10:04 Uhr)
Es war
eh eine naive Vorstellung, in ein korruptes, muslimisches, patriarchaisches Land voller Bauern einzufallen und ihm Demokratie und Menschenrechte bringen zu können (in Wahrheit gings eh nur um Öl und Vergeltung).

Was den Europäern mit der französischen Revolution klar wurde und was die "westliche Welt" durch den ersten und zweiten Weltkrieg blutig erlernen musste, erahnen die Völker im Nahen Osten derzeit noch nichtmal ansatzweise.

Wir reden von einem Volk, nein von ganzen Nationen, die - so blöd sich das anhört - noch nicht bereit sind für Demokratie und Gleichberechtigung. Allein der muslimische Glaube verhindert doch schon die Gleichstellung der Menschen auf dieser Welt. Und da dort der Glaube über allem steht, wird man dort noch lange Zeit keinen Krieg gewinnen.

Man kann die Leute nicht dazu zwingen, demokratisch und aufrichtig zu leben.

Solange das Volk kein Problem mit den Umständen hat und dementsprechend nicht von selbst rebelliert, kann man da als Außenstehender rein gar nichts machen.
hamburg123 (02.12.2009, 09:37 Uhr)
Naja
auch dieser Artikel ist sehr schön und zeigt welche Gehirnwäsche schon bei Jugendlichen unter 18 Jahren angewendet wird: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,663765,00.html
hbbaer (02.12.2009, 08:36 Uhr)
Obama, die Marionette
hat funktioniert. Und zwar altbewährt, mit Zuckerbrot und Peitsche. Dass eine Marionette kein Eigenleben führt, dass sie für sich gesehen, gefühllos und kalt ist, wissen wir. Obama hat es uns bei seiner Rede vorgeführt.
rockyciano (02.12.2009, 08:26 Uhr)
Die Amerikaner
haben es immer noch nicht begriffen :Es wird keinen Sieg geben- nur noch mehr Opfer.Einen ganz wichtigen Faktor lassen die Amerikaner außer acht - der Terror wird zunehmen und noch gefährlicher.
undjetztnochder (02.12.2009, 08:17 Uhr)
Was soll in 5 Jahren sein?
Die Vision geht doch wohl so: ausländische Truppen weitgehend abgezogen, die Macht wieder de fecto in der Hand von warlords, die (mit mehr oder weniger verdeckter Hilfe des Westens) die Taliban in Schach halten und ansonsten ihre eigenen Interesse verfolgen und weiter munter Opium anbauen. Eine pseudodemokratische Regierung und eine stillschweigendes Abkommen mit allen Anrainern, sich nicht in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einzumischen. Mehr ist wohl nicht zu erreichen, das sieht nun auch Obama. Von Menschenrechten, Demokratie, Rechtsstaat und anderen edlen Zielen nun also keine Rede mehr. Für die Menschen in dem zerschunden Land kann es einem nur leid tun, aber für den Westen und damit für uns alle ist eine solche Lösung gar nicht schlecht - auch wenn das sehr zynisch klingt. Willkommen in der Realität!
zappuser (02.12.2009, 08:08 Uhr)
Na dann ist ja auch das Ende
des deutschen Militäreinsatzes in Afghanistan endlich absehbar. 2011 werden alle aus Afghanistan abziehen und alles dort wird dann wie früher sein. Kein Trost für die amerikanischen und auch deutschen Soldaten, die nur im Blechsarg nach Hause zurückgekehrt sind.
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