Beiden liegt Afrika am Herzen: Der eine gründete als junger Mann einen Dritte-Welt-Laden, der andere eine Theatergruppe in Mosambik. Bundespräsident Horst Köhler und der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell trafen sich in einem Berliner Café, um über unser falsches Bild des Kontinents und seiner Menschen zu sprechen.

"Wir sind beide nahezu gleich alt. Wir haben das Ende des Kolonialismus gesehen, das Ende der Apartheid und schließlich den Rückschlag"© Volker Hinz
Ein schöner Herbsttag in Berlin. Auf der Treppe zum Ethnologischen Museum sitzen Menschen und lesen, essen oder telefonieren. Drinnen in den kühlen Sälen des Museums stehen bemerkenswerte Sammlungen aus Lateinamerika und Afrika. Auf der Rückseite findet man ein kleines Gartenlokal. Hier bin ich mit Präsident Köhler verabredet.
Wir haben uns schon einige Male getroffen. Er interessiert mich, denn er ist einer der wenigen europäischen Staatsmänner, die sich ernsthaft für die heutige Situation und die Zukunft des afrikanischen Kontinents engagieren. Bei ihm folgen den Worten auch Taten. So initiiert er Konferenzen und Begegnungen, die es nicht bei theoretischen Ergüssen belassen, sondern nach Wegen suchen, wirklich etwas zu verändern.
Präsident Köhlers Macht und Einfluss sind beschränkt. Wie der schwedische König ist er ein Oberhaupt ohne wirkliche Befugnisse. Doch die, die er hat, nutzt er auch. Außerdem besitzt er eine Fähigkeit, die in Europa immer seltener vorkommt. Er kann zuhören. Dies ist auch der Grund, weshalb afrikanische Staatsmänner seinen Einladungen folgen. Er hört zu.
An diesem Tag trinken wir Kaffee in diesem kleinen Café und sprechen über Afrika. Es gibt nur wenige Besucher, die Leibwächter ziehen sich zurück, eine freundliche Bedienung kommt manchmal und schenkt nach.
Es ist immer noch Herbst. Plötzlich ziehen Düfte vorbei, die afrikanische sein könnten. Irgendwo im Hochland, vielleicht in Sambia oder Südafrika. Und unser Gespräch? Fangen wir von vorne an.
Der Anfang war in den 70er Jahren in Herrenberg. Da habe ich zusammen mit meiner Frau und Freunden einen Dritte-Welt-Laden gegründet. Wir wollten einfach etwas gegen Armut tun. Richtig aufgewacht bin ich aber auf einer Afrikareise als Chef des Internationalen Weltwährungsfonds im Jahr 2000. Dabei habe ich die Brutalität von Armut und Not mit eigenen Augen gesehen. Aber gleichzeitig bin ich mitten im Elend auf Menschen gestoßen, die mit großer Würde ihrem Schicksal trotzten: nicht aufgeben, das Beste aus der Lage machen, den Kindern Hoffnung, eine bessere Perspektive geben. Diese Haltung, einfach unerschütterlich voranzugehen, habe ich oft erlebt. Und ein tiefes Gespür für Verantwortung und für den Wert von Umwelt und Natur. Ich erinnere mich auch an ein Gespräch in Maputo mit Mosambiks damaligem Präsidenten Joaquim Chissano. In meinen Akten hatte ich die Empfehlungen des IWF, das Land solle, um seine miserable Lage zu verbessern, alle Cashewnuts-Betriebe privatisieren.
Da hat mich Chissano beiseite genommen und mir, dem jüngeren Fremden aus Washington, offen und vertrauensvoll die Geschichte der Cashewnuts, seines Volkes und der Region erzählt. Und als er fertig war, habe ich gewusst: Eigentlich ist es Unsinn, vom grünen Tisch in Washington über Privatisierung in Mosambik zu entscheiden. Wir sind gut beraten zuzuhören, wie die Afrikaner ihre Wirtschafts- und Sozialstrukturen selbst beurteilen, und dann zu versuchen, gemeinsam mit ihnen voranzukommen. Und diese Erkenntnis, dass es falsch ist, aus Washington oder Berlin anzureisen und den Afrikanern zu erzählen, was richtig für sie ist, diese Erkenntnis hat sich dort in meinem Kopf festgesetzt.
Ich glaube, sich dieser Verantwortung zu stellen, ist richtig. Der Westen - besser vielleicht der Norden der Weltkugel - hat sich immer noch nicht ausreichend mit Sklaverei, Kolonialismus und den Stellvertreterkriegen in Afrika während des Kalten Krieges befasst. Da gibt es viel aufzuarbeiten. Aber es geht um viel mehr als um die Verstrickungen der Vergangenheit. Ob wir unser Wohlergehen in Europa langfristig sichern können, das hängt auch vom Wohlergehen Afrikas ab. Andersherum haben Fehlentwicklungen in Afrika bereits heute handfeste negative Folgen für den Rest der Welt. Armutsbekämpfung ist nicht nur moralisch wichtig - es geht um Existenzsicherung für die Zukunft Europas. Ein Beispiel: Der tropische Regenwald in der Kongo-Region ist das zweitgrößte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Welt nach dem Amazonasgebiet in Lateinamerika. Wenn diese Region abgeholzt würde, wie es auf Madagaskar geschehen ist, hätte das Auswirkungen auf das Weltklima und damit auch auf Europa. Und die Bootsflüchtlinge aus Afrika machen uns klar: Armut braucht zum Reisen keinen Pass.
Die Bilder von den Bootsflüchtlingen sind erschreckend und schockierend. Sie wühlen auch unsere jungen Leute auf, und sie stellen Fragen: Wie kommt es, dass Menschen heutzutage solches Leid durchmachen müssen? Wieso sprechen wir in der Schule von Ethik und Moral, und auf der ganzen Welt passieren ständig Dinge, die nichts mit Moral zu tun haben? Darauf sollten wir Antwort geben können, und wir machen uns unglaubwürdig, wenn wir das nicht tun. All unser Reden über Menschenrechte, über die Würde des Menschen wäre dann entlarvt als künstlich und aufgesetzt. Ich erlebe die junge Generation als aufgeschlossen und neugierig, aber es ist auch eine skeptische Generation, die sich nichts vormachen lässt. Unsere Antworten auf die ethischen Herausforderungen der Zeit sollten überzeugend sein. Afrika fordert uns dazu auf.
Durch gute und auch geduldige Information. Und, nicht zu unterschätzen, auch durch solche Dinge wie Fußball. Ich habe mich wirklich darüber gefreut, wie viel Jubel bei der WM die afrikanischen Mannschaften erhalten haben. Und Spieler wie Gerald Asamoah und Sammy Kuffour haben in Deutschland allein durch ihr sportliches Verhalten viel für Afrika erreicht. Da lässt sich eine Menge Neugier und Aufgeschlossenheit wecken.
Ja, aber auch das hat zwei Seiten. Ein engagierter afrikanischer Arzt in einem deutschen Krankenhaus, der seine Patienten kompetent versorgt, trägt viel bei zum Abbau von Vorurteilen. Wenn aber alle diese gut ausgebildeten afrikanischen Ärzte wirklich für immer weggehen aus ihren Heimatländern, dann ist das keine gute Lösung. Darum denke ich auch darüber nach, wie wir hier in Deutschland eine Diskussion mit Afrikanern führen können: Welche Brücken lassen sich zurück nach Afrika bauen, die hilfreich sind für das Leben dort? Wie können wir dazu beitragen, dass Afrikaner mit Spitzenqualifikation wieder in die Heimat zurückkehren?
Das sehe ich genauso. Und ich glaube sogar: Wenn wir den Afrikanern besser zuhören, werden wir Gewinn daraus ziehen. Dann entdecken wir nämlich, dass Afrika und seine Menschen einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Reichtum auf diesem Globus leisten. Unsere Welt wäre ärmer ohne das, was die Afrikaner einbringen. Wissen Sie: Wir hatten ja hier in Berlin vor einigen Monaten den Internationalen Pen-Kongress, und in diesem Rahmen gab es auch Dichterlesungen afrikanischer Schriftsteller. Ich bin hingegangen und habe zugehört. Das war weit mehr als Unterhaltung. Da war Inspiration.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 50/2006