Er galt mal als der große Verlierer der US-Politik. Jetzt hat Al Gore für seinen Film über die Klimakatastrophe einen Oscar bekommen. Nicht nur Hollywood hofft, dass er auch zum Rennen um das Weiße Haus antritt Von Jan Christoph Wiechmann

Al Gores Lieblingsthema: Der Untergang der Welt© Nathaniel Welch/Corbis Outline; ddp
Irgendwann auf seiner langen Reise vom Tölpel der Nation zum Messias der Neuzeit macht Albert Arnold Gore einen Stopp an der Columbia University in New York City. Er trägt den dunkelblauen Anzug eines Staatsmannes und die Cowboystiefel seiner Heimat Tennessee und ist angereist, um den 1000 Gästen etwas über sein Lieblingsthema zu erzählen: den Untergang der Welt.
Doch noch ehe er ein einziges Wort sagen kann, beginnen die Besucher frenetisch zu applaudieren. Und sie belassen es nicht dabei. Der Applaus geht über in Standing Ovations und hysterisches Kreischen und die Rufe "Gore for President". Irgendwann steht der ganze Saal, stehen Studenten, Professoren und Senioren, stehen drei Generationen in huldigender Ehrfurcht, als wäre auf der Bühne, unter den Statuen von Voltaire und Rousseau, nicht der Wahlverlierer von 2000, sondern Voltaire oder Rousseau oder ein generationenübergreifender Rockstar.
Da muss er grinsen. Der Al. Vater Erde. Der globale Warner vor globaler Erwärmung. Der erste Star im Zeitalter der Apokalypse. Der Mann, der auszog, die Welt zu retten, und sich dabei selber rettete. Der sich recycelte, vom hölzernen Politiker zur grünen Ikone, von "Gore the Bore" zu "Hollywood Al". Er kennt diesen Jubel. So bejubeln ihn Teenager bei der Grammy-Verleihung, wo er einen der Preise überreichte, und das schwarze Amerika in der Oprah Winfrey Show. Er bittet um Ruhe, aber die Menschen geben keine Ruhe. Sie wollen ihn mit Dank überschütten, ihn ehren. Und ja - auch etwas schubsen. Auf den Thron, der ihm gebührt. Zurück ins Weiße Haus.
Es ist etwas Gewaltiges passiert in dem einen Jahr, seit "Eine unbequeme Wahrheit" herauskam, Gores Film über den Klimawandel, der jetzt den Oscar als bester Dokumentarfilm gewann. So gewaltig, dass Gore selbst, der sonst immer ein Zitat von Adorno parat hat oder Martin Luther oder Julius Caesar, dies nur schwer erklären kann. "Ich bin gerührt", sagt er. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll." Vor gut einem Jahr noch zog der ehemalige Vizepräsident mit ergrautem Vollbart und altem Diaprojektor durchs Land wie ein Wanderprediger und erklärte in Dorfsälen das Phänomen Global Warming. Nun stehen Cameron Diaz und Leonardo DiCaprio mit ihm auf großen Bühnen und erklären das Phänomen Al Gore.
Wollen Sie nicht doch antreten, fragte ihn DiCaprio am Sonntagabend bei der Oscar-Verleihung. "Ehrlich, ich hatte es nicht geplant", sagte Gore, "aber vor einer Milliarde Zuschauer scheint das der richtige Zeitpunkt zu sein. Also, meine Landsleute, ich nutze die Gelegenheit, um offiziell meine Absicht zu verkünden ..." - da unterbrach scheinbar im falschesten Augenblick laute Orchestermusik den Wunschkandidaten -, und alle feixten.
Einige Tage zuvor, an der Columbia University, hatte Gore den Preis "Entscheidungsträger des Jahres" erhalten. Er sei, so sagte Laudator Jeffrey Sachs vom Earth Institute, der "Pionier", der die Welt verändere, der "Weckruf für die Menschheit", der "führende Wahrheitsverkünder unserer Zeit". Gore erhält Ehrungen auf der ganzen Welt, Professuren, Beraterverträge, er bekommt den Oscar, den Ronald Reagan nie gewann, und ist nominiert für den Friedensnobelpreis. Am 7. Juli wird er das 24-Stunden-Konzert "Live Earth" auf allen Kontinenten veranstalten, mit mehr als 100 Bands, mit Sheryl Crow, den Red Hot Chili Peppers und Bon Jovi. 70 Interviewanfragen erhält er täglich. Sein Film hat mehr als 45 Millionen Dollar eingespielt. Er füllt Stadien im Agrarstaat Idaho mit 10 000 Menschen. Für ein Ticket zu seinen Vorlesungen zahlen Fans auf dem Schwarzmarkt 200 Dollar. In Umkehrung zu Reagan und Schwarzenegger ging Gore den Weg vom Politiker zum Superstar. Was ist da nur passiert?
Er lacht, wenn man ihn danach fragt. "Ich habe die am wenigsten objektive Sicht darauf", sagt er. "Ich habe mich früher nie als tragische Gestalt gesehen und jetzt genauso wenig als Held."
Gore greift nach einer Diet Coke und streift behäbig mit seiner fleischigen Hand durchs volle Gesicht, als überprüfe er die Vollständigkeit. Die Nase? Noch da. Die Ohren? Auch. Seine Bewegungen verlaufen im Zeitlupentempo. Wenn er grinst, schiebt sich das Grinsen mit Verzögerung durch sein Gesicht, als brauchte es eine Aufwärmphase. Er spricht mit dem sanften Bass eines Kuschelmusik-Moderators, und manchmal können seine Worte wie ein Narkotikum wirken. Er wiegt 30 Kilo zu viel für einen, der Präsident werden will, sein Anzug spannt, der Hals sucht nach Platz, er wirkt wie ein heiß gelaufener Planet. Für die Fotografin des stern bringt er sich selbst in Pose. Inszeniert sich. Legt die Denkerhand an, sodass man sein Doppelkinn nicht sieht. Beugt sich nach vorn, sodass der Anzug nicht spannt. Blickt wie ein großer Philosoph. Rousseau. Voltaire.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 10/2007