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30. September 2006, 17:39 Uhr

"Sogar Bush wird sich ändern"

Er hat die Wahlen vor sechs Jahren gewonnen und doch verloren. Seither ist Al Gore einer der schärfsten Kritiker des US-Präsidenten, ein Kämpfer gegen den Treibhauseffekt - jetzt sogar in Cinemascope.

Ex-Vizepräsident Al Gore gibt sich staatsmännisch, auch wenn er jetzt nicht im US-Senat, sondern mit dem Film "Eine unbequeme Wahrheit" Politik macht© Lourdes Delgado

Herr Gore, wenn Ihre Prognosen stimmen, könnte dieses Interview schon in wenigen Jahren hier in Manhattan nicht mehr stattfinden. Die Stadt wäre dann überflutet.

Teile von New York und andere Städte an der Küste sind vom katastrophalen Anstieg des Meeresspiegels bedroht. Damit meine ich nicht den eher langsamen, sondern den plötzlichen Anstieg, sollten nämlich Teile der Eisberge Grönlands oder der Westantarktis wegbrechen.

Reine Panikmache, sagen Ihre Gegner.

Wir haben brandneue Beweise dafür, dass es im vergangenen Jahr 32 Gletscher-Erdbeben gab, doppelt so viele wie 1999. Das belegt eine radikale Destabilisierung der Eismassen auf Grönland. Erst vor wenigen Tagen hat der Chef der "American Association for the Advancement of Science" gesagt, der Meeresspiegel könnte in diesem Jahrhundert um vier Meter steigen. Dann wären nicht nur Manhattan und Floridas Küste verschwunden, sondern auch Holland und große Teile von Bangladesch. Die Realität ist: Alle 24 Stunden pumpen wir 70 Millionen Tonnen erderwärmender Verschmutzung in die Erdatmosphäre.

Sie gelten als Anführer einer neuen Umweltbewegung. "Time" und "Newsweek" widmen dem Thema Titelgeschichten. Arnold Schwarzenegger profiliert sich in Kalifornien als grüner Gouverneur. Wird der energiesüchtige Koloss Amerika wirklich grün?

Der Prozess hat endlich begonnen. Eine Umfrage, die gerade herausgekommen ist, zeigt, dass 81 Prozent der jungen Leute meinen, dass sofortige Schritte eingeleitet werden müssen, um die Erderwärmung zu bekämpfen. Das politische System in den USA und unsere nationale Regierung sind zwar noch weit davon entfernt, wir bewegen uns aber auf einen Wendepunkt zu. Ich sage voraus, dass sich sogar George W. Bush verändern wird in den nächsten zwei Jahren.

George W. Bush? Sind Sie sich sicher?

Ich glaube, dass er dies muss. Vorausgesetzt, die Basisbewegung, die gerade in Kalifornien den Wandel in der Umweltpolitik erzwang, wächst auch im Rest des Landes. Und ich werde alles tun, damit das eintritt.

Sie glauben tatsächlich, dass die Republikaner, die Partei der Ölleute Bush und Cheney, ihre grüne Ader entdecken?

Natürlich glaube ich, dass die USA diese Krise mit einem demokratischen Präsidenten besser lösen könnte, aber bisher haben beide Parteien versagt.

Die Politik in Washington wird geprägt von Lobbyisten der Öl-und Autoindustrie. Sind das nicht die eigentlichen Verhinderer und damit Ihre natürlichen Feinde?

Die größte Verantwortung liegt in der Tat in Händen weniger Konzerne und Lobbyisten, die sich unmoralisch verhalten.

Nennen Sie doch Namen ...

ExxonMobil, aber nicht allein. Es gibt einige Öl-, Kohle- und Energiekonzerne, die Millionen pro Jahr ausgeben, um Menschen zu verwirren, um sie dahingehend zu manipulieren, die wissenschaftliche Wahrheit abzulehnen. Sie verhalten sich ähnlich wie die Tabakindustrie vor Jahren, als Wissenschaftler den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrankheiten erkannten. Sie haben damals falsche Mediziner eingestellt, die sagten, es gebe keine Gesundheitsrisiken für Raucher. Die Folge war, dass viele starben. Es ist dasselbe unmoralische Verhalten.

Al Gore kämpft gegen den Treibhauseffekt© Reuters

Sie fordern die Amerikaner auf, ihre Gewohnheiten radikal zu ändern.

Ja.

Auf große Wagen verzichten, aufs Fliegen, auf all das, was Amerikanern Spaß macht. Sie selbst fliegen ständig und touren durchs Land.

Wir benutzen Hybrid-Autos. Und energiesparende Glühlampen. Wir installieren Solaranlagen auf dem Dach. Wir stecken unser Geld in spezielle Projekte, die Kohlendioxid reduzieren. Ich hole jedes Gramm Kohlendioxid, für das ich verantwortlich bin, wieder rein.

Sie stehen eindeutig im Zentrum Ihres Umweltfilms "An Inconvenient Truth". Er be-kommt dadurch den Charakter eines Wahlkampffilms.

Das war nicht mein Ziel. Der Regisseur Davis Guggenheim machte diesen Vorschlag, und ich vertraute ihm. Bei einer Live-Diashow zieht der Moderator - selbst so einer wie ich - die Aufmerksamkeit voll auf sich. Beim Film geht das nicht. Es sei denn, der Film schafft eine emotionale Verbindung zu einer Person.

Und das sind Sie? Al Gore, der nach einem Unfall beinahe seinen Sohn verlor. Al Gore, dessen Schwester an Lungenkrebs starb. Al Gore, der 2000 die folgenschwere Wahl gegen Bush verlor.

Das ist ein Grund, warum er diese Erzählpassagen über mich haben wollte. Und ich bin froh, dass ich ihm zuhörte und meine Widerstände überwand, denn er hatte recht.

Für viele Demokraten haben Sie sich von einer tragischen Gestalt zu einem Helden gewandelt, einem Hoffnungsträger.

Hahahahaha.

Sehen Sie das nicht so?

Ich habe die am wenigsten objektive Sicht darauf.

Dann geben Sie uns Ihre subjektive Sicht.

Ich habe mich nie als eine tragische Gestalt gesehen und sehe mich jetzt nicht als Held. Aber ich verstehe, was Sie meinen. Ich glaube, dass mich die Menschen 2000 durch ein anderes Prisma gesehen haben. Im Wahlkampf machen deine Gegner eine Karikatur aus dir. Ich glaube, das hat die Menschen sehr beeinflusst. Aber es gibt diesen alten Spruch: Was dich nicht tötet, härtet dich ab. Und ich glaube, das ist wahr.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 39/2006

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