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3. Mai 2011, 07:41 Uhr

Das gefährliche Phantom des Terrors

Osama bin Laden ist tot. Doch was heißt das für al Kaida? Ist es das Ende der Terrortruppe, oder wird der "Märtyrertod" ihres charismatischen Anführers sie jetzt erst richtig stark machen? Von Manuela Pfohl

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Lange hat die westliche Welt darauf gewartet: Osama bin Laden ist tot.© Karl-Josef Hildenbrand/DPA

Osama bin Laden? Wann immer in den vergangenen Jahren in Gesprächen mit Muslimen die Rede auf den "most wanted man" kam, wurde es kompliziert. Natürlich distanzierten sich die meisten Muslime von dem Topterroristen. Natürlich erwartete man das auch von ihnen und - natürlich war klar, dass es so einfach eigentlich nicht ist. Denn Osama bin Laden war zumindest aus Sicht der fundamentalistischen Muslime eben auch einer, der dem Westen die Stirn geboten und damit den Stolz und die Ehre des vielfach gedemütigten Islam wieder hergestellt hatte. Dass dabei Tausende unschuldige Menschen ums Leben gekommen waren, darunter auch unzählige Muslime, konnte an dem Mythos des Führers Bin Laden wenig ändern. Wann immer der einstige saudische Bauunternehmer mit leiser Stimme seine Terrorbotschaften verkündete, folgten ihm seine Anhänger wie westliche Kids einem Popstar.

Jetzt ist er tot. Er starb durch einen Kopfschuss von US-Soldaten, als er sich in der vergangenen Nacht ahnungslos in seinem Haus im pakistanischen Abbottabad aufhielt. Das war eine Hinrichtung, Zeichen der Überlegenheit des Westens und der schlimmsten Demütigung für einen Hardcore-Islamisten. Das schreit geradezu nach Rache. Kein Wunder, dass auch deutsche Sicherheitsexperten vor Vergeltungsschlägen durch seine Getreuen warnen. Nur, wer sind diese Getreuen?

Symbolfigur für den Steinzeitislam

Al Kaida, arabisch: die Basis, entstand Anfang der Achtziger, nachdem sich einige Muslime, unter ihnen Osama bin Laden, zusammenschlossen hatten, um gemeinsam gegen die Sowjets in Afghanistan zu kämpfen. Ihr Ziel war die Vertreibung der Ungläubigen und die Errichtung eines islamischen Gottesstaates. Nach dem Sieg der Taliban über die russischen Truppen verbreitete sich der Ruf der am Dschihad beteiligten "ruhmreichen" arabischen Mudschahedin über die ganze muslimische Welt. Immer wieder forderten die islamistischen "Brüder und Schwestern" im Westen, dass nun auch ihnen geholfen werden müsse, gegen die Übermacht der gottlosen Dekadenz. Die Idee der Destabilisierung des Westens durch Terroranschläge war geboren.

Kopf des Ganzen war seit der offiziellen Gründung von Al Kaida im Jahr 1988 Osama bin Laden. Die Anschläge vom 11. September 2001 gehen auf sein Konto, wie Dutzende weiterer schwerer Angriffe. Doch viele Experten gehen davon aus, dass der charismatische Führer das "operative Geschäft" schon vor längerem an seinen Stellvertreter Aiman al-Sawahiri übergeben hat. Verwunderlich ist das nicht. Immerhin war bin Laden der meistgesuchte Mann dieser Welt und hatte seit zehn Jahren im Wesentlichen damit zu tun, sich immer neue Verstecke zu suchen. Bin Laden diente al Kaida ganz offensichtlich nur noch als Symbolfigur, die nach außen repräsentierte, was nach innen schon längst nicht mehr existierte: Eine Ideologie, die sich am Leben im Steinzeitislamismus des afghanischen Hinterlandes orientierte und mit der Wirklichkeit der meisten Muslime im Westen nichts mehr zu tun hat.

Al Kaidas Image-Dschihadisten treten auf den Plan

Eine Vermutung, die von den letzten Internetauftritten des Al-Kaida-Bosses bestätigt wird. Darin zeigte sich der Topterrorist zwar wie gewohnt mit einer Waffe auf dem Schoß. Doch statt markiger Sprüche zum Untergang der Feinde des Islam referierte er unter anderem über die Bedeutung von Ackerbau und Viehzucht. Die radikalen Aufrufe zum bewaffneten Dschihad kamen in den vergangenen zwei, drei Jahren stattdessen von vornehmlich aus der westlichen Welt stammenden jungen Konvertiten, die sich zwar aus Imagegründen als Al-Kaida-Anhänger bezeichneten, aber tatsächlich ganz andere Interessen hatten. Zwar ist auch ihnen der Sieg des Islam über die Ungläubigen ein ideologisches Hauptanliegen. Ganz praktisch allerdings geht es ihnen in den meisten Fällen eher darum, sich für tatsächliche oder vermeintliche Ungerechtigkeiten im politischen Weltgeschehen zu rächen. Ist mit dem Verlust bin Ladens jetzt das Ende von al Kaida programmiert?

In verschiedenen deutschen Verfassungsschutzberichten wird die Terrortruppe inzwischen als "virtuelle Organisation" bezeichnet, deren Aufgabe nur noch darin bestehe, "Impulse für die jeweils Agierenden zu setzen". Wie groß dieses Netzwerk ist und wer jenseits der öffentlich bekannten Repräsentanten dazu gehört, weiß kein Mensch. Die Zahl der im Namen des Dschihad weltweit agierenden Gruppen ist kaum noch zu überblicken. Offensichtlich ist nur, dass die realisierten Terroranschläge seit einiger Zeit von Al-Kaida-Ablegern verübt wurden, die weder personell noch strukturell etwas mit "der Basis" in Afghanistan/Pakistan zu tun haben, sondern ganz eigenen Regeln folgen.

Al-Sawahiri ist bereit

Al Kaida als Phantom des Terrors deshalb zu unterschätzen, wäre trotzdem höchst gefährlich. Gerade die Umstände des Endes von bin Laden könnten zu einer Hass-, Wut und Solidarisierungswelle führen und zu einer weltweiten Dschihadfolklore. Aiman al-Sawahiri, der bisher in der Öffentlichkeit eher unbeachtete bin Laden-Stellvertreter, dürfte dabei eine ganz wesentliche Rolle spielen.

Verlässliche Informationen über den 1951 in Ägypten geborenen al-Sawahiri gibt es kaum. Sicher ist nur, dass der Mediziner nach Stipvisiten bei mehreren Untergrundorganisationen Ende der siebziger Jahre zum "Islamischen Dschihad" stieß, einer radikalen islamistischen Gruppe, deren Führer er wurde. Ihr Ziel: Ein Staatsstreich und die Errichtung der "islamischen Ordnung" in Ägypten. Der Plan flog auf und al-Sawahiri kam für drei Jahre in Haft. Ende der achtziger Jahre ging er nach Afghanistan und schloss sich den Mudschahedin an. Er wurde die rechte Hand bin Ladens, erklärte mehrfach die USA zum Hauptfeind und rechtfertigte die Anschläge von 2001. Währenddessen lag sein Hauptinteresse jedoch weiterhin im Kampf gegen die ägyptische Regierung. Er gilt als Drahtzieher mehrerer Anschläge auf ägyptische Politiker. Der damalige Präsident Mubarak entging nur zufällig einem Attentat, das der "Islamische Dschihad" 1995 zusammen mit der "Dschamaa al Islamiyya" in Äthiopien verübte.

Gute Kontakte nach Ägypten

Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass der seit etwa 2000 untergetauchte Al-Kaida-Mann, der seitdem wie bin Laden nur noch über Videobotschaften zu seinen Anhängern sprach, nach wie vor gute Kontakte zu den Radikalislamisten in Ägypten unterhält. Immer wieder hatte er die "Verwestlichung" der Regierungen in der arabischen Welt angeprangert und gefordert, dass notfalls auch mit Gewalt strenge islamische Ordnungen an ihre Stelle treten müssten. Seit 2007 steht al-Sawahiri auch deswegen auf der Terroristenliste der USA ganz oben.

Geheimdienstler gehen davon aus, dass al Kaida schon vor der Revolution radikale Islamisten in Ägypten unterstützte. Käme es nach den Wahlen, die für September in Ägypten vorgesehen sind, zu einem Sieg der bislang stärksten Oppositionskraft, der fundamentalistischen Muslimbrüder, deren Mitglied al-Sawahiri immerhin eine Zeit lang war, besteht die Gefahr, dass Al Kaida nicht nur einen strategisch wichtigen Rückzugsort in der arabischen Welt findet. Die Organisation könnte sich die derzeitige Instabilität des Nahen Ostens und die Unzufriedenheit vieler Menschen, die von den Umwälzungen nicht profitieren, auch zunutze machen, um eine ganz neue Generation von Dschihadisten für den Terror gegen den Westen zu rekrutieren.

Von Manuela Pfohl
 
 
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