Startseite

"Israels Politik fördert Antisemitismus"

Mit dem israelischen Machtanspruch kann und will sich Alfred Grosser nicht abfinden. Ihn anzuprangern gebiete unsere Ethik - auch wenn es heftige Kritik hagelt.

Herr Grosser, Sie sind seit einigen Jahren einer der härtesten europäischen Kritiker der Politik Israels. Was treibt Sie an?

Ganz einfach: dass ich unter anderem Jude bin. Als Frankreich in Algerien folterte und Dörfer zerstörte, habe ich mit gleicher Vehemenz dagegen angekämpft, eben weil ich Franzose bin. Überhaupt, wenn Grundrechte verletzt und Menschen entwürdigt werden, dann ist es ein Grundelement unserer aller Ethik, dies anzuprangern. Solange Palästinenser an der Mauer gedemütigt werden, solange ein palästinensischer Staat unmöglich ist, weil die Siedlungen und die Straßen nur für Israelis sind, solange eine territoriale Kontinuität unmöglich ist, wird Israel nicht in Frieden leben. Auf Dauer kann man mit Gewalt allein nicht regieren. Wissen Sie, ich bin in Frankfurt als kleiner Junge verachtet worden, weil ich Jude war. Ich weiß also, wie sich das anfühlt. Und ich will deshalb nicht akzeptieren, dass Juden andere Menschen mit Verachtung behandeln.

Sie haben geschrieben, es brauche die Legitimation jüdischer Herkunft, wenn es um die Kritik an Israel geht. Wie meinen Sie das?

Es ist nach wie vor so, dass sich Deutsche zu allem Möglichen kritisch äußern dürfen, aber nicht zu Israel. Menschenrechtsverletzungen anderswo anprangern - kein Problem! Mit Blick auf Israel aber kommt das nicht infrage. Ich finde das zutiefst schockierend. Ich finde im Gegenteil, dass ein junger Deutscher, der nichts zu tun hat mit der deutschen Vergangenheit - außer der Verantwortung, dass sich so etwas nie wiederholen darf -, dass ein solcher Deutscher überall dafür eintreten muss, wenn Grundrechte verletzt werden.

Aber das kann er doch.

Da bin ich mir nicht so sicher. In diesem Punkt stehe ich hinter Martin Walsers Kritik an der Auschwitz-Keule. Ja, ich sehe diese Keule, die ständig gegen Deutsche geschwungen wird, falls sie etwas gegen Israel sagen. Tun sie es trotzdem, sagt die Keule sofort: "Ich schlage dich mit Auschwitz." Ich finde das unerträglich. Ich habe immer gegen Antisemitismus gekämpft. Und ich werde es immer tun! Aber Israelkritik per se mit Antisemitismus gleichzusetzen - das ist falsch und führt in die Irre.

Wo ziehen Sie die Grenze?

Die Karikaturen in arabischen Medien sind reiner Antisemitismus im Sinne des "Stürmer". Die Anklage des Antisemitismus gegen Rupert Neudeck, der in einem guten Buch das Schicksal der palästinensischen Bevölkerung beschreibt, ist skandalös. Dazwischen gibt es viele Abstufungen.

Ist Israel heute nicht besonders bedroht durch Hamas, Hisbollah und den Iran?

Die Bedrohung wächst ständig. Das ist sicher richtig. Aber das hat auch damit zu tun, dass Israels Regierung nicht einsehen möchte, dass Israel mit Macht allein niemals sicher wird. Es muss auch die anderen als ebenbürtige Menschen betrachten und behandeln. Israel darf unter den Palästinensern nicht die Versuchung entstehen lassen, dass ein jugendlicher Attentäter sich als Held verstehen kann. Und außerdem: Wie kann man von den Palästinensern offene Wahlen verlangen und deren Ergebnis dann nicht akzeptieren? Das ruiniert die eigene Glaubwürdigkeit.

Haben Sie keine Angst, mit Ihrer Kritik Rechtsradikalen in die Hände zu spielen?

Nach meiner Friedenspreisrede 1975, in der ich die Berufsverbote hart kritisiert habe, hieß es bei manchen Kritikern: "So sprechen auch die Kommunisten." Soll man auf das Wort verzichten, weil es von den Falschen ausgebeutet wird? Wenn Unrecht Unrecht ist, muss man es benennen. Und sagen, dass gerade Israels Politik den Antisemitismus fördert. Das sagen ja auch die israelischen Kritiker dieser Politik.

Es ist schon vorgekommen, dass Ihre jüdischen Kritiker interveniert haben, nachdem Sie sich öffentlich zu Israel geäußert haben. Was passiert da?

Schwer zu sagen. Das sind Verbindungen, es gibt ein paar Telefonanrufe oder Beschwerdebriefe. Ich würde aber das Wort "Lobby" für Deutschland nicht gebrauchen.

Sondern?

Das ist ein mehr oder weniger sanfter Druck zur Selbstzensur, zum Schweigen und zum Verschweigen. Wo sind zum Beispiel die Rezensionen zu Konrad Löws fabelhaftem Buch "Das Volk ist ein Trost"? Viel zu selten wird - wie bei Löw - berichtet, wie viele Juden von mutigen deutschen Nichtjuden vor den Nazis versteckt wurden und so überlebt haben. Bei solchen Themen, die vom Mainstream abweichen, sollen die Journalisten stets denken: "Können wir das so veröffentlichen?"

Interview: Stefan Braun, Florian Gless/print

Kommentare (0)

    Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

    Partner-Tools