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28. Juni 2006, 20:59 Uhr

"Damit müssen Sie jetzt leben"

Seit dem 11. September 2001 durchleuchtet die US-Regierung Einreisende genauer als zuvor. Wer einmal verdächtig wurde, hat kaum eine Chance, diesen Makel wieder loszuwerden - so wie stern.de-Autor Florian Güßgen.

Ein Wagen der US-Heimatschutzbehörde, des "Department of Homeland Security". Sie soll dafür sorgen soll, dass keine Terroristen in die USA gelangen© Mel Evans/AP

Vielleicht ist es Ironie, vielleicht versteckte Kritik, wahrscheinlich purer Zufall. Auf dem Weg von Hamburg nach New York zeigt Continental Airlines an diesem Morgen ausgerechnet Clooneys "Good Night, and Good Luck." Fast scheint es, als sollten die Besucher eingestimmt werden. In dem Film geht es um das Amerika der 50er Jahre, das Amerika Joseph McCarthys. Blindwütig jagte er die verhassten Kommunisten, hetzte Unschuldige, missachtete rechtsstaatliche Regeln und spaltete das Land in vermeintliche Patrioten und vermeintliche Vaterlandsverräter. Er schuf eine Atmosphäre der Angst und des Misstrauens. Clooneys brillanter Schwarz-Weiß-Film zeichnet den Versuch des CBS-Journalisten Edward R. Murrow nach, dem Hexenjäger zu begegnen, seine Methoden anzuprangern, ihn auf den Boden des Rationalen zurückzuzwingen.

Patrioten und Vaterlandsverräter

Der Film ist eine Metapher für das Amerika dieser Jahre. Am 11. September 2001 trat die Verwundbarkeit des Landes schrill und schmerzhaft zu Tage. Seither unternimmt die Regierung unter US-Präsident George W. Bush alles, um Amerika zu panzern und seine Feinde zu jagen. Es geht um Sicherheit, fast um fast jeden Preis. Wer in diesem Anti-Terror-Kampf nicht immer für die Regierung ist, muss in ihren Augen gegen sie sein. Aus der Sicht des Weißen Hauses gibt es Patrioten und Vaterlandsverräter, Freunde und Gegner. Das Raster ist grob - so grob, dass Freunde schnell zu Gegnern gemacht werden. Auch ich habe das schon vor meiner Abreise zu spüren bekommen.

1,86 Euro für eine Minute Amerika

Jeder Journalist, der in den USA arbeiten will, muss ein Journalisten-Visum beantragen. Deutsche Touristen müssen das nicht. Für sie gilt eine Ausnahme-Regelung. Ein Journalisten-Visum kostet 85 Euro. Wer es beantragen will, wird zu einem persönlichen Interview-Termin mit einem Konsularbeamten gebeten, je nach Heimatort entweder in Frankfurt oder in Berlin. Um den genauen Termin zu vereinbaren, muss der "Bewerber" eine Hotline anrufen, für die er pro Minute 1,86 Euro zahlt.

Die konsularische Abteilung der US-Botschaft Berlin ist in der Clayallee 170 in Dahlem angesiedelt. Mit S- und U-Bahn dauert die Reise von Berlin-Mitte in den tiefen Westen der Stadt fast eine Stunde. Das Gebäude in der Clayallee ist ein neoklassizistischer Hochsicherheitstrakt. Handys oder andere elektronische Geräte müssen leider draußen bleiben. Auch Taschen sind verboten. Dass sich Amerika seit 9/11 verändert hat, wird einem spätestens im Warteraum des Konsulats klar. "Remember September 11" steht auf einem Plakat, das in dem Raum hängt, als ich dort Anfang Juli mein Visum beantrage. Das Plakat zeigt die brennenden Türme des World Trade Centers in New York. "Never again", steht darauf. Bis zu 25 Millionen Dollar Belohnung, informiert das Plakat, gebe es für Hinweise, die helfen, Al-Kaida-Terroristen zu fangen. Deren Werk sei "Work of Evil".

Probleme in Miami

Wer einen frühen Termin vereinbart, also um halb acht morgens dort ist, hat gute Chancen, sein Visum schnell und problemlos zu erhalten. Die Konsularbeamtin in Berlin ist freundlich, hilfsbereit. Sie lacht, als sie Abdrücke meines Zeigefingers abnimmt. Und sie lächelt auch, als sie mich fragt: "Hatten Sie schon einmal Probleme bei der Einreise?" - "Ja", antworte ich. Und erzählte ihr meine Geschichte, die vor allem davon handelt, wie schwer sich die US-Regierung damit tut, kleine Fehler bei der Terroristenjagd zuzugeben und zu korrigieren.

Die Geschichte geht so: Im vergangenen Jahr musste ich auf der Reise von Hamburg nach Costa Rica in Miami umsteigen. Bei der Passkontrolle in Miami ließen mich die US-Grenzbeamten nicht durch. Irgend etwas schien nicht zu stimmen. Sie baten mich in ein Hinterzimmer, dort unterzogen sie meine Daten einem zweiten "Screening". Ein Beamter sagte, der Computer zeige an, dass ich mich seit 1997 illegal in den USA aufhalte. Weshalb der Computer das anzeigte, verriet er mir nicht. Irritiert versicherte ich den Beamten in Miami, dass es sich um einen Irrtum handelte. Seit 1997 war ich nicht mehr in den USA gewesen. Nach einer Stunde ließen mich die Beamten ziehen, so dass ich meinen Anschlussflug gerade noch erreichen konnte. Gleichzeitig versicherten sie mir, dass sie mich nicht ohne Weiteres in die USA hätten einreisen lassen. Der Eintrag in meiner Akte mache das fast unmöglich.

In Berlin sage ich der freundlichen Konsularbeamtin, dass ich seit diesem Tag versuche, allen erreichbaren Behörden meine Unschuld zu belegen, den lästigen Makel in meiner Akte, der mich verdächtiger macht als andere, los zu werden - mit Zeugnissen, mit Pässen, alles brav ins Englische übersetzt. Erst versuchte ich es bei der US-Botschaft in Costa Ricas Hauptstadt San José, dann bei der dortigen deutschen Botschaft, dann bei der US-Botschaft in Berlin (1,86 Euro pro Minute). Alles vergebens.

Eine Adresse in London, Kentucky

Seit dem 11. September 2001, heißt es immer wieder, habe sich viel geändert. Das neu geschaffene Heimatschutzministerium, das Department of Homeland Security (DHS), habe die Kontrolle über die Einreise in die USA übernommen - und auch die Kontrolle über die einschlägigen Datenbanken. Selbst von Seiten der US-Botschaft in Berlin hieß es, man könne nichts machen. Stattdessen verwies man mich an eine postalische Adresse in London im US-Bundesstaat Kentucky. Dorthin könne ich mich wenden, nur schriftlich, versteht sich, versicherte mir ein 1,86-Euro-Pro-Minute-Ratgeber. Eine Telefonnummer gebe es nicht. Auch keine Homepage. Folgsam schickte ich alle meine Dokumente an besagte Adresse und bat um Aufklärung darüber, was man mir genau vorwerfe und belegte meinen Verbleib in Europa. Die Antwort ließ auf sich warten. Nach einem halben Jahr rief ich erneut - für 1,86 Euro pro Minute - bei der US-Botschaft in Berlin an. Nein, das Department of Homeland Security antworte auf derartige Anfragen aus Prinzip nicht, hieß es. Man könne mir auch nicht sagen, ob der Eintrag aus meiner Akte gelöscht worden sei. Ich solle doch einfach noch einmal versuchen, in die USA einzureisen.

Genau das probiere ich jetzt. Die Konsularbeamtin bleibt trotz meiner Geschichte freundlich. Ich dürfe fest mit der Erteilung des Visums rechnen, sagt sie. Und sie werde versuchen, den offenbar falschen Vermerk aus meiner Akte zu löschen. Versprechen könne sie jedoch nichts. Der Zugriff auf die Datenbanken sei schwierig. Ob ich bei meiner Einreise in die USA wieder mit Problemen rechnen müsse, frage ich. Sie könne nichts versprechen, sagt die Frau.

"Amerika wieder entdecken", die Serie Wie hat sich Amerika seit dem 11. September 2001 verändert? Welche Spuren hat der "Krieg gegen den Terror" in jenem Land hinterlassen, das wie kaum ein anderes für Demokratie und politische Freiheit steht? stern.de-Mitarbeiter Florian Güßgen berichtet drei Wochen lang regelmäßig von seiner persönlichen Wiederentdeckung Amerikas - aus Boston im liberalen Bundesstaat Massachusetts, aus Springfield im konservativen Missouri und aus Washington, D.C. und New York City.

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