Am Bostoner Flughafen Logan bestiegen die Terroristen am 11. September 2001 jene Maschinen, die sie wenig später in die Türme des World Trade Center jagten. stern.de-Mitarbeiter Florian Güßgen beschreibt, wie der Flughafen dem Fluch der Terroristen trotzt.

"Was machen Sie hier?" Ein Polizist des Staates Massachusetts, der am Flughafen Logan aufpasst© Florian Güßgen
"Guten Morgen. Darf ich fragen, was Sie da machen?" Es ist Montagfrüh, kurz nach sechs. In der Schalterhalle des Terminal C herrscht reger Betrieb. Ich stehe auf einer Treppe, die vom Parkhaus in die Halle führt. Von hier aus hat man einen guten Ausblick auf den Eincheck-Bereich, die Schalter von United Airlines oder der Billigfluglinie Blue Jet. Ich mache ein paar Fotos. Es blitzt.
Ich bleibe nicht lange alleine. Schon nach einer knappen Minute steht ein Polizist des Bundesstaats Massachusetts vor mir. 55 vielleicht, grauhaarig, mit einem breitkrempigen Hut, hellblauem Hemd und dunkelblauer Hose. Er sieht aus wie ein Trapper im Sonntagsanzug. Lustig ist das nicht. Der Mann schaut ernst drein. "Was machen Sie da?" - "Ich fotografiere", sage ich. "Von hier hat man den ganzen Terminal im Blick". Weshalb ich das mache, will er wissen, und für wen ich arbeite. Und dass das nicht gehe, sagt er. Er ist freundlich, aber bestimmt. Mit dem Mann ist nicht zu Spaßen. Er sieht aus, als wäre er bereit, Ungehorsam mit sofortiger Verhaftung zu ahnden.
"Unser aller Leben wurde durch diesen Tag verändert," sagt Thomas Kinton, heute Chef des staatlich überwachten Verkehrsbetriebs Massachusetts Port Authority (Massport), der auch für Logan zuständig ist. 2001 war er derjenige, der sich um den gesamten Flugverkehr kümmerte. "Unsere Leben wurden für immer verändert," wiederholt er. "Für viele Flughäfen im Land war 9/11 ein theoretisches Ereignis", sagt auch Peter Howe, Redakteur der Tageszeitung "Boston Globe". "Aber die Menschen in Logan haben dieses Ereignis praktisch bis auf die Knochen gespürt." Das Ereignis löste einen Schock aus, Angst, bei den Massport-Mitarbeitern, dem Bodenpersonal der Fluglinien, den Verkäufern an den Kiosken. Die Vorsicht war groß. Planespotter wurden von den Parkdecks vertrieben, Führungen durch den Flughafen abgeschafft, selbst Luftbilder gibt die Flughafenleitung nicht mehr heraus. Aber nicht nur das. Auch das Geschäft brach ein. Die Passagiere - einst knapp über 27 Millionen im Jahr - blieben aus. Massport musste Angestellte entlassen. Washington beschloss neue Sicherheitsbestimmungen und setzte kurze Fristen, innerhalb derer die Regeln schnell umgesetzt werden mussten. Zudem gab es immer lauter werdende Vorwürfe, Massport hätte die Terroristen erkennen und die Anschläge verhindern müssen. "Boston war nicht Ground Zero, aber Boston war Ground Zero für die Ermittlungen", beschreibt Massport-Chef Kinton die Situation. "Die ganzen Ereignisse des 11. September hatten schreckliche Auswirkungen auf Logan", sagt Redakteur Howe.
Die Vorwürfe, man trage eine Mitschuld an den Anschlägen, wehren die Flughafenbetreiber bis heute ab. Jenes Karton-Messer, jener "Box-Cutter", den die Terroristen mit an Borden genommen hätten, der hätte damals nicht gegen die Bestimmungen verstoßen, heißt es. Und auch ansonsten habe man sich strikt an die gültigen Regeln gehalten - nur, die seien damals eben laxer gewesen. "Die Terroristen haben nichts Illegales getan, bevor sie in das Flugzeug stiegen", sagt etwa Logans Sicherheitschef Dennis Treece. Zwar habe man ein paar der Terroristen einer kurzen Sonderprüfung unterzogen. Aber das sei Routine gewesen, entsprechend den damaligen Regeln. Etwas Auffälliges habe man nicht gefunden.
Jenseits der Debatte über ihre Mitschuld versuchten die Bostoner, entschlossen zu reagieren. Schon für den 12. September 2001 berief Flugverkehrs-Chef Kinton ein Treffen der Top-Leute all jener Stellen ein, die auf dem Flughafen etwas mit Sicherheit zu tun hatten, vom FBI bis zu den Sicherheitsleuten. Seither hat dieses Treffen jeden Morgen statt gefunden. Immer um 8.30 Uhr in der Früh. Es dient der Koordination, es dient dem schnellen Informationsfluss. Der Termin hat schon fast Kult-Status.
Seit 2001 hat sich Logan zudem zu einem Versuchslabor in Sachen Sicherheit entwickelt. Kameras, Scanner, kleine Maschinen, die binnen Minuten Waschpulver von Anthrax unterscheiden können, das alles habe man getestet, berichtet Sicherheitschef Treece mit fast schon kindlicher Begeisterung. 54 neue Technologien habe man bislang getestet, 15 übernommen, acht oder neun abgelehnt, der Rest sei noch weiter in der Erprobung. Für angebliche 154 Millionen Dollar haben sie hier ein neues Gepäck-Scanning-System gekauft, das tief im Innern des Flughafens Koffer und Taschen schnell und effizient durchleuchtet, ohne die Abläufe in den Schalterhallen zu blockieren. Aber nicht nur in Sachen "Hardware" gibt sich Logan modern. Man heuerte einen israelischen Experten an, den ehemaligen Sicherheitschef des Ben Gurion Flughafens in Tel Aviv. Erst analysierte der die Schwachstellen des Flughafens, dann trimmte er fast das ganze Personal auf besonders auffällige Verhaltensweisen vermeintlicher Passagiere oder Abholer.
Vom Taxifahrer über den Kiosk-Verkäufer bis hin zum Putzmann im Food-Court - bis heute muss jeder, der an dem Flughafen arbeitet, ein spezielles Training durchlaufen. "An einem Flughafen gibt nur eine begrenzte Anzahl zulässiger Handlungen", erklärt Treece. Man bringt jemanden zum Flieger, holt jemanden ab, wartet, kommt an, fliegt ab. "Wenn Du Dich nicht normal fällst, fällst Du auf", sagt der Sicherheitschef. George Naccara, Chef der staatlichen Sicherheitsagentur Transportation Security Administration (TSA) am Flughafen Logan, fügt hinzu: "Niemand kann sich verstellen. Es gibt unfreiwillige Reaktionen auf Stress, Angst und Täuschung. Das kann man nicht verhindern." Für besonders aufmerksame Mitarbeiter gibt es am Bostoner Flughafen den "First-Line-of-Defense-Award", eine Urkunde, die sich der Ausgezeichnete an die Wand nageln kann, ähnlich wie bei McDonald's die Plakette für den "Mitarbeiter der Woche".