Sie gruben im Meeresschlick vor dem Flughafen, bei Eiseskälte und sengender Hitze. Seit Jahrzehnten. Am 12. September 2001 hieß es, sie seien eine Gefahr für die innere Sicherheit. Man vertrieb sie. Aber die Muschelgräber von Boston vertrauten auf Amerika - und wehrten sich. Heute sind sie zurück. Von Florian Güßgen, Boston

Erfolgreiche Rebellen: Die Muschelgräber Larry (l.), JJ (M.) und John (r.) mit ihren kurzstieligen Schlickgabeln© Florian Güßgen
Er war vielleicht der Letzte, der ihnen zuwinkte. Den Terroristen. Und ihren Opfern. Chester "Chet" MacDonald war an jenem Dienstag in aller Frühe augestanden. Es war noch stockfinster, als er den kleinen Hafen in Winthrop mit seinem Bötchen verließ. Die Flut zog sich bereits zurück, und Chet wollte schnell hinüber kommen zu jenem Feld, das Logans Landebahn umschließt. Er ankerte im knietiefen Wasser, griff nach der Schlickgabel, dem Stahleimer und dem Netz und watete dorthin, wo nur noch ein feuchter Film den schweren Sand überzog.
Als es dämmerte, begann Chet zu graben. Er wollte die Zeit voll nutzen, die die Ebbe ihm ließ, jene sechs Stunden. Er bückte sich, stieß die kurzstielige Gabel tief in den nassen Grund. Dann hob er das triefende, schwere Erdreich aus, klaubte die Muscheln, die "Clams", aus dem Loch und dem aufgeworfenen Schlick - und warf seine Ernte in den Eimer. Das machte er wieder und wieder. Wie seit Jahrzehnten. Es war der 11. September 2001. Chet war damals 69.
Etwas später, es war schon hell, rollten die ersten Passagiermaschinen der Startbahn entgegen. Eine nach der anderen. Wie riesige, schlaftrunkene Vögel. Wie jeden Morgen. Hin und wieder hielt Chet inne, richtete sich auf und winkte. Erkennen konnte er niemanden in den schlanken Leibern der Maschinen. Aber er wußte: Die Piloten, die Passagiere, sie würden ihn sehen, sobald sie aus den Cockpits und den kleinen Fenstern lugten, um sich von der Stadt zu verabschieden. Bye, bye, Boston. Bye, bye, du Muschelgräber. Es war wie immer.
Erst um kurz nach neun bemerkte Chet, dass dieser Tag anders sein würde als all die anderen. Es war die Ruhe, die ihn aufschreckte. Über den Flughafen hatte sich eine seltsame Stille gelegt. Der Lärm war verstummt, der typische Geruch von Kerosin und verbranntem Gummi war verweht. Keine Maschine startete, keine landete. Chet wurde unruhig. "Um neun Uhr", erzählt der alte Mann mit den Hosenträgern heute, "war irgend etwas anders als sonst am Flughafen Logan." Aber noch machte er sich keine Sorgen. Chet grub weiter, Gabel um Gabel. Erst am späten Vormittag erfuhr der Korea-Veteran von den Anschlägen. Terroristen hatten zwei jener Flieger, die am Morgen von seiner Landebahn aus gestartet waren, entführt und in die Türme des World Trade Centers in New York gestürzt. Chet hatte ihnen noch zugewunken. Tätern und Opfern. Am späten Vormittag kam das Wasser zurück.
Chet nahm die Gabel, den Bastsack mit den Muscheln, den Eimer und fuhr mit seinem Motorbötchen in den malerischen, kleinen Hafen Winthrops zurück. An jenem Vormittag hatte sich seine Heimat verändert. Es war ein anderes Amerika, in dem Chet nun anlegte.
Am 12. September 2001 erhielt Chet Besuch vom neuen Amerika. Als die Polizisten kamen, grub er wieder im Schlick. Die anderen Muschelgräber, die anderen Jungs, waren nicht weit. Sie, die Muschelgräber, müssten gehen, sagten die Polizisten. Sofort. Sonst würde man auf sie schießen. Sie seien jetzt eine Gefahr für die innere Sicherheit der Vereinigten Staaten, hieß es. Die Muschelgräber wollten nicht, dass man auf sie schoss. Sie gehorchten. Sie gingen - und kehrten 14 Monate lang nicht zurück. 14 Monate, die fast ihre Existenz vernichtet hätten. Aber nur fast.
Die Muschelgräber von Boston leisten harte, körperliche Arbeit. Sie arbeiten gebückt, fast sechs Stunden lang. Im Sommer, wenn die Sonne gnadenlos sticht, kühlt sie das Meereswasser. Das ist angenehm, besonders an jenen brütenden Tagen, an denen die Feuerwehr drüben in der Stadt, drüben in Boston, die Menschen mit Spritzwasser abkühlen muss. Im Sommer hat das Muschelgraben fast etwas von Urlaub. Im Winter ist die Arbeit dagegen eine scheinbar nie endende Qual. Wenn das Eis im Hafen bisweilen das Auslaufen behindert, ist sie fast unerträglich. Dann müssen die Muschelgräber sich in gefütterte, wasserdichte Plastikhosen zwängen. Hin und wieder pinkeln sie sogar in die Plastikhandschuhe, um diese über die klammen Finger ziehen zu können. Um zu ihren Erntefeldern zu kommen, schieben sie ihre Boote dann über das Eis. Und das alles für 100 Dollar am Tag, vielleicht für 120 Dollar, wenn es gut geht. Die Muschelgräber sagen, das sei gut verdientes Geld.
Dreißig, vierzig Männer sind es, die in Boston, der Hauptstadt Neuenglands an der nordöstlichen Atlantikküste der USA, vom Clam Digging leben. Insgesamt fünf Schlickfelder dürfen sie ausbeuten. Die Muscheln, nach denen sie graben, haben dunkle Schalen und ein zartes, weißes Fleisch. Sie sind die Grundlage für eine kulinarische Spezialität Bostons, für die "Clam Chowder", eine helle, sämige Suppe. Vor allem im Sommer, wenn die Touristen nach Neuengland kommen, ist die Nachfrage nach den Muscheln groß. Dann steigen die Preise. Dabei ist jenes Schlickfeld, das die Rollbahn des Flughafens Logan umgibt, für die Muschelgräber das ertragreichste. Das kommt daher, weil Logan auf einer künstlichen Landzunge mitten in Bostons Hafenbucht liegt. Zwei Flüsse münden hier in den Atlantik, der Mystic River aus dem Norden und der Charles Rivers aus dem Süden. Kleintiere, Muscheln, Fische lieben dieses nahrhafte Gewässer. Sie gedeihen prächtig.
Die Muschelgräber sind Arbeiter, "blue-collar-worker", wie das hier heißt. Manche, wie der Rentner Chet, graben, weil sie ein Zubrot verdienen wollen, weil sie ihre "Frau hin und wieder zum Essen" ausführen wollen. Für andere, wie den 34-jährigen John Dennehy, ist das Muschelgraben ein zweites berufliches Standbein. Die meisten, wie der 29-Jährige JJ, leben nur von dieser harten Arbeit. Für fast alle ist Muschelgraben nicht nur ein Job. Es ist eine Tradition, eine kleine Kultur. Sie sind stolz auf das, was sie tun.
Einmal Muschelgräber, immer Muschelgräber. Der rüstige, selbsbewusste Chet, der an diesem heißen Sommertag im August seine roten Hosenträger trägt, erzählt, dass sein Großvater hier gegraben hat. Und sein Vater. Und auch das Kraftpaket John Dennehy kann sich nicht an ein Leben ohne Muschelgraben erinnern. Er war acht, als sein Vater ihn das erste Mal mitnahm. Der Vater war eigentlich Arbeiter im Hafen, ein "Longshore Man." Aber wann immer es ging, grub der alte Dennehy nach Muscheln. Ehrliches Geld war das, gut verdientes Geld. John machte es ihm nach. Exzessiv. Muschelgraben bringt Geld, und Geld bringt den sozialen Aufstieg. Hauptberuflich arbeitet John als Wärter in einem Frauengefängnis westlich von Boston. Aber das reicht nicht. Am Wochenende fährt er im Knast Doppelschichten, um unter der Woche mehr Zeit zu haben. Hin und wieder löscht er dann im Hafen Containerschiffe. Aber vor allem fährt der Mann aus dem Arbeiterviertel Revere so oft es eben irgend geht nach Winthrop, um nach Muscheln zu graben. "Das ist meine Leidenschaft", schmettert John fröhlich. Er ist Optimist.
"Ich bin ein Underdog", erklärt er. Er müsse eben härter arbeiten als andere, unermüdlicher, schuften, um nach oben zu kommen. So ist das Leben. Das ist ok. Und John hat es schon weit gebracht. Seine zwei kleinen Kinder müssen nicht in der Nähe des Hafens aufwachsen. John hat ein Haus in einem schicken Vorort gekauft. Dort gibt es gute Schulen, im schicken Wohnzimmer steht ein Fernseher mit Flachbildschirm. Für diesen Luxus, für diese Statussymbole, gräbt John. Dafür füllt er Eimer um Eimer mit schwarzen Muscheln. Voller Stolz. Dafür nimmt er in Kauf, dass er seine schöne, junge Frau nur selten sieht.
Anderen Muschelgräbern ist Johns Eifer nicht ganz geheuer. Der junge JJ etwa verknüpft die Ackerei nicht mit großen Worten. Für ihn ist das Graben schiere Notwendigkeit. Er hasst die Kälte im Winter, die sengende Hitze im Sommer. Aber er findet einfach keinen anderen Job. "Wenn ich könnte", sagt JJ, der gelernte Maler, "würde ich etwas anderes machen". Als er anfing, war er 17. Das ist zwölf Jahre her.
Amerika wieder entdecken, die Serie Wie hat sich Amerika seit dem 11. September 2001 verändert? Welche Spuren hat der "Krieg gegen den Terror" in jenem Land hinterlassen, das wie kaum ein anderes für Demokratie und politische Freiheit steht? stern.de-Mitarbeiter Florian Güßgen berichtet drei Wochen lang regelmäßig von seiner persönlichen Wiederentdeckung Amerikas - aus Boston im liberalen Bundesstaat Massachusetts, aus Springfield im konservativen Missouri und aus Washington, D.C. und New York City. Unterstützt wird er dabei durch eine Fellowship des American Council on Germany mit Sitz in New York.