
Harvard-Juristin Martha Minow berät ihren früheren Studenten in Verfassungsfragen© Matt Teuten
"Ich hätte nie gedacht, dass er in die Politik geht", sagt Keith Kakugawa. "Ich muss immer noch lachen, wenn ich ihn im Fernsehen sehe. Barry. Wir waren wie Brüder." Kakugawa sitzt im offenen Hawaii-Hemd in einem abgedunkelten Apartment in Sacramento. Er war Baracks bester Freund, als der sich noch Barry nannte. Sie gingen auf die Punahou School in Honolulu, ein Elitegymnasium. Zwei Farbige in einer weißen Welt. Zwei unsichere Halbstarke auf der Suche nach sich selbst. Keith wollte Wall-Street-Broker werden und Barry Basketballprofi, Politik nervte ihn. "Mein Vater wollte Barry einmal zum Wahlkampf mitnehmen, aber er hatte keine Lust. Barry war so apolitisch, wie man nur sein kann. Politiker waren Lügner für ihn."
Auch das ist Obama. Der unpolitische Teenager, der Teenager heute für Politik begeistert. Der ewig Sinnsuchende, wie eine Figur aus Hermann Hesses Romanen, der heute anderen einen Sinn vermittelt. Eine Patchwork-Biografie, mit der die Identifikation etwas leichter fällt als mit einem Präsidentensohn, der von Daddys Öl-Millionen und Einfluss lebt. Obama hat dem Begriff "melting pot" eine neue Bedeutung gegeben, den amerikanischen Traum wiederbelebt. Die Frage ist: Wie klar ist ihm das?
"Barry hatte damals schon eine gewisse Aura", erzählt Kakugawa. "Er konnte sehr gut reden. Auf Partys war er der Star, hat das aber selbst nicht gemerkt. Die Mädchen waren hinter ihm her, aber Barry dachte immer, er bekommt sowieso keine ab. Und wenn es Streit gab, ging er dazwischen. Er brauchte Harmonie. Immer. Das konnte nerven. Wenn es beim Basketball wieder hoch herging, wussten wir, o je, gleich kommt Barry, der Schlichter."

Keith Kakugawa kennt Barack Obama seit der Highscool in Honululu, Hawaii© John Lee
Obama hat gegenüber engen Freunden oft darüber gesprochen, dass er wie ein "Waisenkind" aufgewachsen sei. Seine Frau Michelle und Freunde glauben, dass seine Einsamkeit eine entscheidende Rolle gespielt hat bei seinem immer größer werdenden Wunsch nach Aufmerksamkeit. Nach einem Publikum. Einem großen Publikum.
Diese Sehnsucht nach Harmonie, so bestätigen seine Freunde in zahlreichen Interviews, trägt Obama bis heute in sich. Als Präsident der Zeitschrift "Harvard Law Review" vermittelte er zwischen Linken und Rechten. Als demokratischer Senator von Illinois suchte er die Nähe zu Republikanern. Als Präsidentschaftskandidat seiner Partei macht er die Aussöhnung zu seinem Credo: Lasst uns zusammenkommen, Links und Rechts, Alt und Jung, Schwarz und Weiß - wir sind ein Volk.
Das funktioniert auch weltweit. Obama, das neue Gesicht Amerikas, ist auch das Gesicht einer neuen Welt, in der nicht nur Fußballprofis und Models mischrassig sein dürfen, sondern auch Staatspräsidenten. Es ist die Wiederbelebung Amerikas als ein Land, das seine Stellung nicht nur Waffen und Maschinen verdankt, sondern Trends und Mythen, der Macht über die kollektive Fantasie. Dabei lebt Obama noch sehr von der Projektion: Wer für die Aussöhnung von Schwarz und Weiß steht, muss auch für die Aussöhnung von Islam und dem Westen stehen, von Amerika und "Old Europe". In Frankreich und England würden ihn fast 80 Prozent wählen. In Deutschland wäre er wohl der einzige Politiker, der eine Chance hätte gegen Angela Merkel, auch wenn ihn mit Europa so viel verbindet wie Merkel mit Jamaika.
Selbst aus Indien reisen Delegationen in die USA, um das Phänomen zu begreifen, für das sie bisher nur Titel kennen. Obamamania. Obamanation. Obamarama. Es klingt wie ein Naturphänomen. Ein Sommerhit. Ein Marketingslogan. Amerikas Exportprodukt der Demokratie. Wahrscheinlich ist es irgendetwas dazwischen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2008
Der designierte demokratische US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama hat seinen Widerstand gegen Ölbohrungen vor den Küsten der USA aufgegeben. Allerdings sollten diese Bohrungen nur unter bestimmten Bedingen erfolgen. mehr...
Vize-Präsidentschaftskandidaten Ein undankbarer SpitzenpostenDie Präsidentschaftskandidaten stehen fest, doch wer wird die Nummer zwei im Weißen Haus? Noch halten sich Barack Obama und John McCain bedeckt, wen sie als Vizepräsidenten vorschlagen. Nur eines scheint sicher: Das Traumpaar der Demokraten wird es nicht geben. mehr...
US-Wahlkampf Obama verteidigt AuslandsreiseAuch in Großbritannien hat der US-Senator Barack Obama für mehr Engagement in Afghanistan geworben. Gleichzeitig verteidigte er seine Auslandstour gegen Kritik aus der Heimat. Die Deutschen waren vom Besuch des designierten Präsidentschaftskandidaten begeistert. mehr...
Jon Stewart Obama im SpeckmantelWas hätte Obama bei seiner Reise alles falsch machen können? Na, zum Beispiel im Speckmantel gekleidet ein islamisches Land besuchen. Wenn US-Talkshow-Legende Jon Stewart loslegt, dann biegen sich die Zuschauer vor Lachen. stern.de zeigt jede Woche das Beste aus seiner "Daily Show". mehr...