
Ein Moment inszenierter Intimität mit seiner Frau Michelle. Obamas Wahlkampfstrategen fürchten, dass die selbstbewusste Juristin Dinge sagen könnte, die es ihrem Mann schwer machen, sich als Kandidat der Mitte zu präsentieren© Emmanuel Dunand/AFP Photo
Es ist Obamas wohl größte Qualität, die zuletzt Ronald Reagan besaß, bestätigen selbst seine Gegner. Er schafft es, dass du dich gut fühlst. Wie nach einem guten Glas Wein. Einem Tag am Meer. Einem guten Gespräch. Bruce Reed, einer der führenden Demokraten im Land, nennt es das Obama-Phänomen: "Die Menschen begeistern sich nicht für das, was Obama macht oder gemacht hat. Sie sind so begeistert, weil sie die Hoffnung haben, dass er das ist, was sie in ihm sehen möchten."
Viele, vor allem in Europa, würden in ihm gern eine Art Revolutionär sehen, einen linken Welterneuerer, doch das ist das vielleicht größte Missverständnis. Obama bezog im Vorwahlkampf linke Positionen, hat sich aber längst im Zentrum verankert. Er befürwortet das Recht auf Waffenbesitz und die Todesstrafe für Kinderschänder. Er ist für die Einschränkung der Abtreibungsfreiheit und mehr Einfluss religiöser Gruppen. Wie George W. Bush ist er ein bekehrter Christ, der nach einer säkularen Kindheit zu Jesus fand. Würde einer mit seinem Programm in Deutschland antreten, käme er mit Glück auf fünf Prozent.
Als Obama vor zwei Wochen im USSenat auch noch für Bushs verschärftes Abhörgesetz stimmte, löste dies ein kleines Erdbeben unter seinen Anhängern aus. Mehr als 22.000 Obamistas unter Führung des Bloggers Mike Stark protestierten gegen so viel "Opportunismus" und "Wählerbetrug". "Machen wir uns nichts vor", sagt Stark heute, "er zeigt jetzt eine Seite, die wir hätten kennen sollen. Er ist nicht mehr dieses leere Gemälde, in das wir unsere Striche gezogen haben. Er malt sich selbst. Ich mag nicht jeden Pinselstrich, aber das Gemälde insgesamt gefällt mir immer noch."
Obama weiß: Fallen lassen werden ihn seine Anhänger deswegen nicht. Sie wollen den American Dream hinüberretten in die nächste Runde. Sie mussten nur etwas Schmerzhaftes einsehen: Er ist keiner von ihnen. Er ist Politiker.
Erweist sich der ersehnte Heilsbringer nun als "Flip-Flopper", ein Wendehals, ein Politiker wie alle anderen? "Ach", raunzt da John Kass mit seiner rauen, verrauchten Stimme, "als ob wir das nicht gewusst hätten! Jetzt haben seine Gläubigen wohl den Barack-Blues. Natürlich ist der Mann opportunistisch, er ändert seine Meinung, wenn es sein muss, und ist knallhart. Schließlich ist er ein Produkt der Politikmaschine Chicago." Kass, 52, ist einer der renommierten Kolumnisten der "Chicago Tribune" und kennt Barack Obama seit Jahren. Früher standen sie öfter draußen auf der Michigan Avenue, dort, wo man noch rauchen darf, und redeten über die Stadt, die Politik, das Leben. "Obama ist ein netter Kerl, sehr selbstbewusst und verdammt smart", sagt Kass. "Er weiß ganz genau, dass ihn seine PR-Berater als romantischen weißen Ritter inszeniert haben, eine Projektionsfläche für viele Träume, und die Medien haben diesen Mythos auch noch befördert."
Trotz der nun einsetzenden Entzauberung geht Obama gut gerüstet in die nächsten Wochen. In den Umfragen liegt er rund fünf Prozent vor John McCain, 52 Millionen Dollar Spenden nahm er allein im Juni ein. Obama 08 ist ein Multi-Millionen-Dollar- Unternehmen mit gut 1000 Angestellten und Hunderten Außenbüros in fast allen Bundesstaaten. Gigantische Datenbanken liefern private Informationen über jeden potenziellen Wähler, über Einkommen, Kaufgewohnheiten, politische Überzeugungen. Mit dieser Taktik gewann einst George W. Bush seine Wahlen.
Er wolle seinen Wahlkampf führen wie ein Unternehmen, sagt Obama. Er kennt jedes Detail. Hat ein fotografisches Gedächtnis, frisst Akten, meist bis weit nach Mitternacht. Hämmert kurze Anordnungen in seinen Blackberry, nie länger als zwei Sätze, stets ohne Unterschrift. Er lässt diskutieren, hört zu, doch verlangt rasche, klare Entscheidungen. Allein sein außenpolitischer Beraterstab umfasst 300 Experten. Zu ihnen, heißt es, gehöre parteiübergreifend auch der Republikaner Colin Powell, einst Außenminister unter Bush. Und jeden Morgen um acht Uhr erhält Obama zwei E-Mails von Denis McDonough. Die eine fasst die wichtigsten Weltereignisse zusammen. Die zweite enthält mögliche Fragen, die dem Kandidaten im Laufe des Tages gestellt werden könnten - und die passenden Antworten dazu.
Denn jetzt, in den alles entscheidenden Wochen, geht es vor allem um "message control". Kein Wort, keine Kameraeinstellung, keine Geste soll dem Zufall überlassen bleiben. Jedes Gerücht, jeder Angriff soll im Keim erstickt werden. Die Kritik von links und die Angriffe von rechts sind längst eingeplant in der Großstrategie, die vom Obama- Team nur "The Plan" genannt wird. Erstellt wurde er 2005, als Obama Senator wurde. "The Plan" ist eine Computerdatei, die immer wieder aktualisiert und überarbeitet wird - von David Axelrod, Obamas wichtigstem Berater, Kommunikationschef Robert Gibbs, Büroleiter Pete Rouse und Obama selbst. Sie ist unterteilt in vier Abschnitte pro Jahr, das letzte Jahr ist 2008. Als erste Punkte standen da: die einflussreichsten Leute in Washington kennenlernen, das zweite Buch herausbringen, ein eigenes Komitee gründen, um Geld zu sammeln. Zur generellen Taktik hieß es: Kontroversen vermeiden, Obamas liberales Image verändern. Die Medien dazu bringen, ihn als kommenden Superstar der Demokraten aufzubauen, aber trotzdem die Reporter auf Distanz halten und so die Kontrolle über die Message bewahren.
"The Plan" ist das Werk eiskalter Strategen, doch wer das kritisiert, soll ihnen sagen, wie sie die eiskalten Republikaner sonst bezwingen können. Obama 08 ist eine gnadenlose Maschine, denn für Romantiker ist in dieser gigantischen Schlacht um die Macht kein Platz. Der Schritt nach rechts mag schmerzhaft sein, doch ohne ihn, so das Kalkül, wird Obama im November nicht siegen und den Linken nicht ihre großen Sehnsüchte erfüllen können: den Rückzug aus dem Irak, die Gesundheitsreform, eine ökologische Wende. "Bisher", sagt sein Biograf Mendell, "haben Obama und sein Team ‚The Plan‘ fast bis zur Perfektion umgesetzt."
David Mendell sagt das voller Respekt, aber es ist ihm anzusehen, dass ihm das auch ein wenig unheimlich ist.
Mitarbeit: Anuschka Tomat
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 31/2008
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