Sie sind die Gesichter des 11. September 2001: Fünf Menschen, deren Erzählungen über ihr Leben nach dem Inferno alles bergen, was Amerika seither prägt: Trauer, Wut, Angst, Entschlossenheit. Der stern hat sie besucht. Von Jan C. Wiechmann

Marcy Borders, die "Staubfrau" (l.) und heute in ihrer Wohnung© Stan Honda/AFP; Bert Spangemacher
Ihr Bild als "Staubfrau" ging um die Welt. Sie war aus dem 81. Stock des Nordturms geflohen. Dort erwischte sie die Staubwolke des einstürzenden Südturms. Bis heute ist sie von Ängsten gelähmt. Auch für das stern-Foto hat sie ihre Wohnung nicht verlassen wollen Marcy Borders sitzt auf einem alten Sofa in ihrer kleinen Sozialwohnung in Bayonne, New Jersey. Auf dem Teppich Brandflecken, an der Wand ein einsames Jesus-Bild. Sie hat sich fein gemacht fürs Interview. Immer wieder ersticken Tränen ihre Stimme.
Ich schaue es mir nie an. Und dennoch kriege ich es nicht aus meinem Kopf, vor allem nachts.
Ständig. Ich bin in Gebäuden gefangen. Oder ich stecke in Afghanistan und fliehe vor Bomben. Ich habe schrecklich Angst.
Ich glaube, die Terroristen wollen mich töten, weil ich ihnen beim ersten Mal entkommen bin. Deswegen verlasse ich meine Wohnung lieber gar nicht erst.
Ganz selten. Ich nehme keinen Bus, keine U-Bahn, ich gehe nicht in große Gebäude. Verrückt, nicht wahr?
Ich arbeite nicht. Ich habe seit dem 11. September nie wieder gearbeitet. An dem Tag, an dem ich wieder anfange, schnappen mich die Terroristen. Sie verfolgen mich.
Nein. Nicht einen Cent. Ich traue mich in kein öffentliches Gebäude.
Ich war nicht mal in New York.
Ich kann nicht. Ich habe Angst.
Hier ist es am sichersten. Aber ganz sicher auch nicht. Hören Sie die Flugzeuge? Ich höre sie ständig. Dann ducke ich mich. Ich denke, jede Minute könnte eines hier über meinem Kopf explodieren, ich mache mich total verrückt.
Ich glaube an Schicksal. Sie wollten mich ja schon beim ersten Mal töten, im Nordturm.
In der 81. Etage, am Kopiergerät. Ich arbeitete für eine Bank. Es war ein unfassbar lauter Knall. Das ganze Gebäude wackelte. Ich sah umherfliegende Stühle und Leichen. Das ist Krieg, dachte ich. Dann rannte ich runter.
81 Stockwerke. Als ich unten war, stürzte der Südturm ein. Ich torkelte nur noch, ich atmete den Staub ein und übergab mich. Da wurde das Foto gemacht. Wie kann einer in dieser Not ein Foto machen? Verrückt.
Nein, ich bete für sie. Ich würde mit ihnen gern Brot brechen. Ich glaube, so komme ich in den Himmel. Ich möchte unbedingt in den Himmel. Gott wird sie schon schrecklich bestrafen.
Ja, ich habe Verwandte in Florida, aber dort gibt es Hurrikane. In den Südstaaten sind zu viele Militärbasen, auch Anschlagsziele. Jetzt wollen sie hier in Bayonne einen neuen Frachtterminal bauen. Wieder ein Ziel für Terroristen.
Ja, und auf die Bayonne Bridge, gleich um die Ecke. Ich lebe gefährlich. Aber ich habe kein Geld, um zu fliehen.
Alle Rechnungen für mich und meine 13-jährige Tochter zahlt meine Mutter. Sie ist Lehrerin. Ich liege ihr auf der Tasche. Ich glaube, ich bin eine große Enttäuschung für meine Mutter.
Nein, sie wird mir nicht bezahlt.
Ich bewege mich hier nicht weg. Ich hätte sterben müssen, um etwas Hilfe zu bekommen. So sehe ich das.
Ja, irgendwo ganz unten in einer Kiste. Ich will es verkaufen, auf Ebay. Ich brauche dringend Geld. Ich will meiner Tochter etwas hinterlassen. Ich frage mich, ob nicht einer das Outfit der Staubfrau kaufen will. Es gibt genug Verrückte da draußen.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 36/2006