Die Nation genießt die wilden Zwanziger bis zum Börsencrash. Ein Präsident im Rollstuhl schiebt ein Beschäftigungsprogramm an. Mit dem Eintritt in den Weltkrieg kommt der Aufschwung. Die Atombombe macht die USA zur mächtigsten Nation.
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Wall Street, Oktober 1929: Aktionäre fürchten um ihre Zukunft© AP
Es ist eine kleine Sensation. Zum ersten Mal in der Geschichte setzt ein amerikanischer Präsident den Fuß in offizieller Mission auf europäischen Boden. Woodrow Wilson kommt 1919 nach Paris, um dort an den Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Im Gepäck hat er einen 14-Punkte-Plan zur Neuordnung der internationalen Verhältnisse. Seine Vision: eine friedliche und gerechte Welt unter der moralischen Führung der USA.
Wie ein Wanderprediger in einer Scheune lässt er seine Donnerstimme durch den Spiegelsaal des Schlosses von Versailles schallen. Europa hat jedoch alles andere im Sinn, als sich von Amerika missionieren zu lassen. Der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau kommentiert den Auftritt mit den Worten: "Mr. Wilson ödet mich mit seinen 14 Punkten an, selbst der Allmächtige hat nur zehn!" Beleidigt reist der amerikanische Präsident wieder ab. Auch zu Hause gelingt es ihm nicht, seine Parteifreunde noch zu begeistern. Sie nominieren ihn nicht mehr als räsidentschaftskandidaten. Ein neuer Mann zieht ins Weiße Haus. Warren G. Harding gewinnt 1920 die Wahlen mit der Feststellung: "Amerika braucht keine Helden, sondern Heilung; keine Patentrezepte, sondern Normalität; keine Revolution, sondern Restauration." Die Ernüchterung ist wörtlich zu nehmen. Die Prohibition, das gesetzlich geregelte Alkoholverbot, soll das Land trockenlegen. Doch stattdessen brodelt das Leben im Untergrund wilder denn je. Schwarzbrenner, Alkoholschmuggler und Nachtclubbesitzer sind die neuen Helden. Der Gangsterboss Al Capone aus Chicago wird zur Legende.
In New York ist es eine Frau, die zur Ikone der Vergnügungssüchtigen aufsteigt. Zwischen Samtvorhängen und chinesischen Laternen rekelt sich Texas Guinan auf dem Klavier eines ihrer Clubs oder sitzt breitbeinig auf einem umgedrehten Stuhl in der Mitte eines schummrig beleuchteten Saales zwischen den zechenden Gästen. Das Toben um sich herum dirigiert sie mit einer Trillerpfeife und einem Humor, der schnell und immer ein wenig ordinär ist.
"Hello sucker", ruft sie jedem zu, der sich in ihr Etablissement traut. Niemand nimmt ihr den Ton übel. Im Gegenteil - Gangster und Geschäftsleute, Pokerspieler und Politiker buhlen um ihre Aufmerksamkeit, berauschen sich am verbotenen Alkohol wie an der verruchten Tex. Wer nahe genug an sie herankommt, bemerkt eine Kette um ihren Hals, an dem eine Sammlung kleiner Schlösser hängt. Sie stehen für die unzähligen Male, die Tex bereits verhaftet worden ist. Die Lady hinter Gittern zu halten ist beinahe ebenso schwer wie ihre Lokale zu schließen, und so wird jede Hausdurchsuchung zum Spiel: Stürmt eine Polizeistreife den Laden, beginnt die Band den "Gefangenenchor" von Verdi zu spielen, und Tex schreitet hocherhobenen Hauptes mit einem Siegerlächeln auf die Polizisten zu, die Arme artig für die Handschellen vorgestreckt. Sie weiß, sie wird wiederkommen.
Für viele Frauen bietet die neue Lust am Laster die Gelegenheit zur Emanzipation. Seit 1920 dürfen sie in Amerika an die Wahlurnen gehen; in den "Roaring Twenties" ändert sich auch ihr Auftreten. Röcke und Haare werden kurz, das Make-up wird dick aufgetragen. Die Vorbilder der jungen Frauen, die sich selber "Flappers" nennen, sind französische Prostituierte - wie sie zwängen sie sich in eng anliegende Kleider, tragen lange Perlenketten und rauchen Zigaretten mit dünnen Spitzen.
Sex ist das Thema der Stunde. In Zeitungen, auf der Kinoleinwand und auf der Theaterbühne - überall wird Intimes öffentlich diskutiert. Die Flappers verschlingen begeistert Sigmund Freuds Thesen über die Befreiung von sexuellen Tabus. Bald sehnt sich der Theaterkritiker des "New Yorker", Robert Benchley, zurück nach den Zeiten der Unschuld. "Ich habe die rebellische Jugend satt, und ich habe die viktorianischen Eltern satt, und es ist mir egal, ob alle kleinen Mädchen in allen Teilen der Vereinigten Staaten ruiniert werden oder ruiniert werden möchten oder sich nicht ruinieren lassen. Alles, was ich will, ist: Schreibt keine Theaterstücke mehr darüber und zwingt mich nicht weiter, solche ansehen zu müssen."
Wer nicht Freud liest, lebt weiterhin ein geregeltes Leben nach puritanischen Grundsätzen. "Geregelt" heißt, dass jeder, der kommunistischer Gesinnung, schwarzer Hautfarbe, katholischen Glaubens ist, die Ordnung ebenso empfindlich stört wie jeder rassisch minderwertige Einwanderer, streikende Arbeiter oder Gegner des Alkoholverbots. So definiert zumindest der Ku-Klux-Klan die Liste der Staatsfeinde. Vor dem Ersten Weltkrieg haben sich die Aktivitäten dieser weißen protestantischen US-Amerikaner hauptsächlich auf die Südstaaten beschränkt. Nun ziehen seine Mitglieder - gut getarnt unter weißen Roben - landesweit im Fackelschein durch die Straßen und setzen in Lynchjustiz durch, was sie für Recht und Ordnung halten.
Es kommt zu Rassenunruhen im ganzen Land. So im Juli 1919, als ein schwarzer Teenager am Strand des Lake Michigan in Chicago zu ertrinken droht. Mit letzter Kraft kann er sich noch an einen Holzbalken klammern und dem rettenden Strand entgegenpaddeln - dem falschen. Der ist nämlich für Weiße reserviert. In ihrer Ruhe gestört, bewerfen die Badegäste den Jungen mit Steinen und treiben ihn zurück in die Strömung. Wenige Minuten später versinkt er im See. Seine Freunde müssen vom Strand der Schwarzen aus zusehen. Sie stürmen den "weißen Strand" und schlagen die Schaulustigen zusammen. Eine Woche herrscht Krieg. 23 Schwarze und 15 Weiße sterben bei Bombenexplosionen, Schusswechseln und Messerstechereien. Wie ein Fieber grassiert unterdes im ganzen Land die Angst vor einer kommunistischen Revolution, die "Rote Panik". Auf Befehl von Generalstaatsanwalt A. Mitchell Palmer in Washington werden in der Nacht des 2. Januar 1920 mehr als 6000 Personen wegen angeblicher Mitgliedschaft in kommunistischen Vereinigungen in über 30 Städten verhaftet. Versammlungs-, Presse- und Redefreiheit werden beschnitten.
Massachusetts, "ich würde die Roten jeden Morgen in einen Gefängnishof führen und erschießen, und am nächsten Tag würde der Prozess stattfinden, um herauszubekommen, ob sie schuldig waren."
So leidenschaftlich die Kommunisten im eigenen Land verfolgt werden, viele Amerikaner - besonders Intellektuelle - zeigen doch Sympathie mit den Russen, als deren Land 1921 von einer Hungersnot ergriffen wird. 20 Millionen Dollar, meist Spenden aus privater Hand, bringt Amerika für die offiziell so gehassten Feinde zusammen. Die Hilfsbereitschaft speist sich nicht zuletzt aus einem Gefühl wirtschaftlicher Sicherheit. Man sonnt sich im Wohlstand, fernab vom Elend der übrigen Welt. Denn der wähnt sich Amerika weiterhin überlegen. Die USA bleiben dem neu gegründeten Völkerbund in Genf - der Vorläufer-Organisation der UN - fern.