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Die Visite des Zuckerpeitschenmannes

Überraschend hat US-Präsident George W. Bush Afghanistan besucht. Er landete auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram - also genau dort, wo Terrorverdächtige unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert sind.

Von Martin Gerner

Erstmals seit der US-Invasion vor fünf Jahren besuchte George W. Bush überraschend Afghanistan. Er besuchte den Luftwaffenstützpunkt Bagram und sprach mit Präsident Hamid Karsai. Wieder einmal beschwor Bush den Kamf gegen den Terror - es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch Osama bin Laden gefasst sei. Darüber hinaus zeigte er sich beeindruckt von den Fortschritten im Land.

Fortschritte? Bush verkauft Afghanistan gern als Modell für eine mögliche Demokratisierung im Orient. Das ist keine glatte Lüge, aber zumindest eine halbe. Denn eine Hälfte des Demokratie-Modells macht die US-Regierung gerade selbst vor Ort zunichte. Immer noch sitzen rund 500 Gefangene auf dem US-Stützpunkt Bagram bei Kabul in Haft. Die Bedingungen dort sollen deutlich härter sein als in Guantanamo. Bis zu zwölf Gefangene werden in engen Drahtkäfigen gepfercht festgehalten. Anders als in Guantanamo haben die Häftlinge in Bagram keinen Zugang zu Anwälten. Nicht-Regierungs-Organisationen dürfen das Lager nicht inspizieren.

Häftlinge revoltieren

Teile der afghanischen Bevölkerung protestieren immer wieder vor den Toren Bagrams. Zugleich ist es diese Woche in dem berüchtigten Kabuler Gefängnis Pule Charki, das unter afghanischer Aufsicht steht, zu einer Häftlingsrevolte mit Toten gekommen.

Auslöser der Revolte war ausgerechnet eine neue Kleiderordnung. Nachdem mutmaßliche Taliban-Häftlinge aus Pule Charki geflüchtet waren, sollten die Insassen dort ab sofort orangene Overalls tragen: eben jene Kleidungsstücke, die man von den Häftlingen in Guantanamo kennt. Dass sich die afghanische Gefängnisleitung trotzdem für diese provokante Option entschieden hat, verweist auf die Machtverhältnisse im Land.

Karsai wäre tot

Denn die USA sind unverändert der eigentliche Souverän von Afghanistan. Das Kabinett Karsai ist zwar auf dem Papier keine Übergangsregierung mehr, auf den Knien vor den Amerikanern rutschen muss die stolze Nation dennoch. Ohne US-Bodyguards wäre Karsai vermutlich längst ein toter Mann. Und ohne die Hilfsgelder aus den Vereinigten Staaten sähe die Zukunft des Landes düster aus. Die Überheblichkeit, die sich die Amerikaner deswegen glauben leisten zu können, ist nicht nur für Afghanen schwer zu ertragen.

Die USA betreiben in ein gefährliches Doppelspiel: Sie sind die Schutzmacht, unter deren Führung der Wiederaufbau stattfindet. Aber sie ist auch eine Kriegspartei, die ihre eigenen Begriffe von Freiheit und Recht pervertiert hat - so weit, dass selbst wohlmeinende Afghanen verstört sind. Die Stichworte heißen Bagram, Guantanamo und Abu Ghraib, außerdem erleben die Afghanen immer wieder Hausdurchsuchungen, bei denen Frauen in einer Art behandelt werden, die gegen jede Regel des Anstands und der Religion verstößt.

Damit gefährdet das US-Militär nicht nur sich selbst, sondern unter Umständen auch bestehende Isaf-Missionen, nicht zuletzt im Süden, wo Nato-Truppen die jetzt abziehende US-Soldaten ersetzen werden. Ausserhalb von Kabul darf man im Übrigen nicht erwarten, dass die Einheimischen zwischen US- und Isaf-Truppen trennen können beziehungsweise wollen.

Keine Opposition

Laut augesprochene Alternativen zur US-Politik gibt es immer weniger, obwohl die Kritik an Washington wächst. Die bisherigen Sonderbotschafter der UN in Kabul haben keinen bleibenden Eindruck hinerlassen. Seit Februar nun ist der Deutsche Tom Koenigs vor Ort, ein Hoffnungsträger. Bereits Kanzlerin Angela Merkel hatte ja dafür plädiert, Guantanamo zu schließen. Warum sollte es Koenigs dann nicht möglich sein, die unhaltbaren Haftbediungungen in Bagram und anderen US-Geheimgefängnissen in Afghanistan anzuprangern?

George Bush hat sich bei seinem überraschenden Besuch in Afghanistan nicht zu den Gefängnissen und den politischen Methoden der Amerikaner geäußert, geschweige denn, sich für etwas entschuldigt. Das wird er vermutlich auch in Zukunft nicht tun. Es stünde Koenigs gut an, Bush darauf hinzuweisen, dass er mit seiner Politik nicht nur Amerika diskretiert. Sondern die Werte des Westens.

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