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5. November 2008, 10:47 Uhr

Obamas Chance auf einen "New Deal"

Kein Triumph, ganz im Gegenteil: Nach der Wahl zeigte sich ein ernster, fast düsterer designierter US-Präsident. Barack Obama dämpfte die Erwartungen, er forderte Opfer. Obama hat noch 77 Tage bis zur Amtseinführung. Aber er wird sofort loslegen - und keinen Zweifel daran lassen, wer das Sagen hat. Von Katja Gloger, Chicago

John McCain, Obama, Barack Obama, McCain, Wahl

Wird wie ein Messias gefeiert: Barack Obama© AP

Chicago, der 4. November 2008. Ja, es ist eine historische Nacht. Eine laue Nacht unter Sternen, eine Stadt im Freudentaumel und ein Land, das sich endlich einmal wieder feiern darf. An diesem Abend ist es wie eine Befreiung. Als ob ein ganzes Land aufatmet.

Er hat wieder einmal alle Erwartungen übertroffen. So wie er sein Leben lang alle Erwartungen übertroffen hat. Er hat diese Wahl gewonnen, aber er hat schon jetzt viel mehr erreicht: Er hat die Chance, ein gespaltenes Land zu vereinigen. Und der Welt das andere, das gute Amerika zurückzugeben.

Obama übt Demut

Ungezählten Menschen im ganzen Land standen die Tränen in den Augen, als Barack Hussein Obama, 47, um 23 Uhr Ortszeit das Podium im Grant Park zu Chicago betrat. Über ihm stand der zunehmende Mond, hinter ihm wehten 25 amerikanische Flaggen, er blickte auf ein Meer von Menschen, dahinter die glitzernde Skyline seiner Stadt. Wie immer war er ruhig und konzentriert - aber Obama wirkte auch traurig, beinahe ein wenig düster.

Da stand kein Triumphator, kein Mann, befreit durch einen grandiosen Sieg. Da stand der designierte Präsident einer Supermacht, beinahe demütig, ein Mann, der weiß, dass ihn schwere Zeiten erwarten. Der die hohen Erwartungen dämpfen, die Menschen auf Opfer einschwören muss.

"Die Herausforderungen, die uns erwarten, sind die größten in unserem Leben", sagte er, mahnend fast, wie in dunkler Vorahnung. "Vor uns liegt ein steiler Berg. Es kann sein, dass wir ihn im ersten Jahr nicht erklimmen. Und vielleicht werden wir es auch in der ersten Amtszeit nicht schaffen. Aber wir werden unser Land erneuern. Und wir müssen der Versuchung widerstehen, in alte Muster zurückzufallen. Wir müssen der Versuchung widerstehen, uns unreif zu verhalten."

Obama motiviert

Da stand ein Mann, der fest entschlossen scheint, von seinen Bürgern Opfer zu verlangen. Opfer und mehr Dienst für die Gemeinschaft. Einer, der von seinem Land fordert, endlich erwachsen zu werden.

Was dieser erste schwarze Präsident in der Geschichte der USA schon jetzt erreicht hat, ist beispiellos in der Geschichte der amerikanischen Demokratie.

Noch nie hatten sich so viele Menschen zur Wahl registriert, noch nie war die Wahlbeteiligung so hoch, noch nie haben sich so viele Bürger in einem Wahlkampf engagiert, noch nie wählte man gleich in mehreren republikanischen Staaten den Kandidaten der Demokraten. Barack Obama gewann in Ohio, er gewann Virginia, Florida und er gewann im Westen, in Colorado und New Mexiko und Nevada. Es dauerte gerade einmal drei Stunden nach Schließung der Wahllokale, und es war klar: John McCain hatte keine Chance mehr. Von nun an ging es nur noch darum, wie groß Obamas Triumph sein würde. Es wurde ein Erdrutschsieg. Ein Sieg, über alle Rassengrenzen hinweg.

"No drama, Obama"

Er warb mit seiner Botschaft der Hoffnung und Kompetenz, und er lieferte einen nahezu perfekten, den ersten multimedialen Wahlkampf des 21. Jahrhunderts, allein damit schreibt er schon Geschichte. Sein Sieg wurde mit militärischer Präzision geplant. Er nutzte das Internet als Spendenkasse für mehr als 640 Millionen Dollar - aber viel mehr noch als landesweites Netzwerk für Gleichgesinnte und Freiwillige. Dazu die langfristige, detailgenaue Planung, über Tausend Wahlkampfbüros und mehrere Millionen Freiwillige. Sein Wahlkampf, hart geführt, aber ohne schmutzige Tricks. "No drama, Obama" lautete das Motto. Und jeder blieb strikt "on message": Was nicht nach außen dringen sollte, drang nicht nach außen.

Es war der längste Wahlkampf aller Zeiten, und es war ein eleganter, ja, meist sogar ein schöner Wahlkampf. Ob ihm 1000 Menschen zuhörten oder 100.000 stundenlang anstanden, um die Sicherheitskontrollen zu passieren - stets war die Stimmung friedlich, zuversichtlich, optimistisch. Barack Obama schuf eine Bewegung der mündigen Bürger.

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