. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
9. April 2008, 07:59 Uhr

"Schlamassel" zum Erfolg erklärt

Einer von ihnen wird bald übers Vorgehen im Irak entscheiden: Die US-Präsidentschaftskandidaten McCain, Clinton und Obama konnten David Petraeus, den Oberkommandierenden im Irak, befragen. Doch von Kreuzverhör keine Spur. Und Petraeus wies Forderungen nach einem Zeitplan für den Truppenabzug zurück. Von Katja Gloger, Washington

General David Petraeus hält einen festen Zeitplan für den Truppenabzug für falsch© Mark Wilson/Getty Images

Schon um sieben Uhr morgens hatten interessierte Bürger um Plätze im Raum SD-106 des US-Senats angestanden, um sich darüber zu informieren, was ein gewisser Barack Obama später als "Schlamassel" bezeichnen würde. Über die Lage im Irak nämlich, im Jahr sechs des Krieges. Auch die Frauen von "Code Pink" waren früh da. Sie hatten schwarze Trauerschleier mitgebracht und Theaterschminke, mit denen sie sich in der Senatstoilette todesweiße Gesichter malten. Dazu trugen sie kleine Plakate, auf denen die Namen getöteter irakischer Kinder standen. So saßen die Kriegsgegnerinnen gestern über Stunden, eine Mahnwache, scharf beäugt von der "Capitol Police", die streng darauf hinwies, dass Plakate maximal in Brusthöhe zu halten seien - um die Sicht Anderer nicht zu stören. Schließlich muss es im US-Senat auch mit dem Protestieren seine Ordnung haben.

Anhörungsraum SD-106 war pickepackevoll, Dutzende Journalisten quetschten sich an enge Tische. Allerdings hatte der Andrang weniger mit dem leidigen Thema zu tun, als vielmehr mit den Stars der gestrigen Politshow. Mit dem Oberbefehlshaber General David Petraeus und US-Botschafter Ryan Crocker war schließlich das militärisch-politische "Dream Team" aus Bagdad angereist, um sich von vielen Vertretern des Volkes gleich zwei Tage lang über die Lage im Irak befragen zu lassen. Und weil es der Zufall will, dass gleich drei potentielle Oberbefehlshaber in den beiden zuständigen Senatsausschüssen für Streitkräfte und Außenpolitik sitzen, geriet die Anhörung der Männer aus Bagdad gestern auch zu Wahlkampfauftritten der Kandidaten Hillary Clinton, Barack Obama und John McCain.

Wann können die USA mit einem Truppenabzug beginnen?

Was also, wollten die Senatoren wissen, hat die viel kritisierte Erhöhung der US-Truppen um 20.000 Mann gebracht, die Bush im vergangenen November entschied, beinahe zu spät, als das Land in einen Bürgerkrieg rutschte? Helfen weit mehr als 100.000 US-Soldaten und Milliarden-Unterstützung wirklich, die irakische Regierung zu stabilisieren? Und vor allem: Wann können die USA mit einem Truppenabzug beginnen? Und über allem schwebte auch gestern wieder die große Frage, die sich niemand zu beantworten traut: Hat dieser Krieg Amerika wirklich sicherer gemacht?

Am Ende eines langen Tages waren die erschöpften Beobachter auch nicht schlauer als zuvor. Denn irgendwie wird zwar alles ein bisschen besser, doch irgendwie auch wieder nicht. Der eloquente Vier-Sterne-General Petraeus benutzte natürlich andere Worte, um die desolate Lage zu skizzieren: "Wir sehen erste Erfolge. Doch sie sind jederzeit umkehrbar. Wir sehen noch kein Licht am Ende des Tunnels." Weniger Tote, weniger Angriffe, weniger Autobomben - ist dies ein Erfolg der US-Militärstrategie? Die so genannten "Söhne des Irak", vornehmlich sunnitische Bürgermilizen, die von den USA mit monatlich rund 16 Millionen Dollar bezahlt werden - gelten die als Garanten der Stabilität? Warum sind die vornehmlich von den USA finanzierten 500000 irakische Sicherheitskräfte nicht in der Lage, für Sicherheit zu sorgen? Und überhaupt, die Milliardensubventionen. Da zitierte der Demokrat Carl Levin, Vorsitzender des Streitkräfteausschusses, ebenso wütend wie fassungslos einen irakischen Offiziellen, der sagte: "Warum sollten wir unser eigenes Geld ausgeben, solange die USA bereit sind, zu zahlen?"

Keine echten Erfolge

Glasklar vertrat General Petraeus seine Einschätzung: Die Erfolge sind brüchig, ein Wendepunkt bislang nicht erkennbar, ein fester Zeitplan für einen Truppenabzug sei falsch. Der momentane Teilabzug der Truppen um 30.000 Mann solle im Juli für mindestens drei Monate gestoppt werden, dann werde man neu überlegen. Wie lange? "Bis man Empfehlungen geben kann." Und in der Zwischenzeit verhandeln die USA und der Irak über einen Vertrag zum Status der Truppen, der das zum Jahresende auslaufende Uno-Mandat für den Irak ersetzen solle. Damit sollen die USA ohne zeitliche Begrenzung dazu ermächtigt werden, auch weiterhin Militäreinsätze im Irak führen zu können.

Im Klartext: Auch zu den Präsidentschaftswahlen Ende des Jahres werden immer noch mehr als 100.000 US-Soldaten im Irak stationiert sein. Und echte Erfolge wird man immer noch nicht nachweisen können.

Keine guten Nachrichten für die drei Präsidentschaftskandidaten, die sich gestern vorsichtig durch das politische Minenfeld "Irak" tasteten. "Für sie ist es wie ein Drahtseilakt über den Grand Canyon", sagte der ehemalige Senator Alan Simpson der New York Times.

  zurück
1 2
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
AttaTroll (09.04.2008, 10:02 Uhr)
Ja, diese Iraker
Recht hat er, dieser 'irakische Offizielle' (wer immer das auch sein mag), wenn er fragt, wieso die Iraker denn ihr eigenes Geld verwenden sollten, wenn die USA doch jeden Monat 16 Millionen zur Verfügung stellen. Dieser Mann hat von den USA gelernt und handelt nach rein ökonomischen Gesichtspunkten - und darum ging es doch im Irakkrieg: um Ökonomie...
Wenn sich dann Carl Levin über solch eine Einstellung wütend und aufgebracht zeigt, amüsiert mich das außerordentlich.
Es gibt noch zwei weitere Gründe, warum die USA weiter für die Sicherheitskräfte zahlen sollten:
Erstens wären ohne ihren völkerrechtswidrigen Krieg diese Kräfte überhaupt nicht notwendig und die Kosten dafür erst gar nicht entstanden; es ist also ein Anteil am Schadensersatz und zweitens haben sich Bush, Cheney & Co eine Marionettenregierung eingesetzt, die mehr oder weniger tun soll, was die USA wollen. Und wer tanzen will, muß auch die Musik bezahlen...
Aber natürlich wird das Desaster im Irak lieber so dargestellt, dass nur die Iraker selbst dran schuld sind. Die koopieren eben nicht, sonst wäre da drüben alles bestens.
Nein, die bisher ausgegebenen Milliarden sind noch viel zu wenig. Dieser Krieg muß die USA so viel $$ kosten, dass sie in den finanziellen Ruin getrieben werden und sich derartige "Abenteuer" in Zukunft nicht mehr leisten können.
McCain hat ja immerhin schon davon gesungen, den Iran zu bombardieren.
Reality (09.04.2008, 09:35 Uhr)
Also eines muß man den Amerikanern lassen...
kein anders Land versteht es so gut eine derartige Veranstaltung so Medienwirksam zu inszenieren.
Von wegen Truppenabzug.
Erst wenn der letzte Tropfen Öl aus dem Land geflossen sein wird, wird man vielleicht mal darüber nachdenken ob man anziehen soll.
Vorausgesetzt, eine zuverlässigen Marionettenregierung ist installiert.
Georges13437 (09.04.2008, 09:26 Uhr)
Der Lügengeneral!
Der beste Helfer des Mr. Bush im Irak. Jetzt pocht er darauf, dass die Truppen im Irak nicht abgezogen werden. Na das ist ja wohl klar, die werden ja auch noch für den baldigen Krieg gegen den Iran gebraucht. Amerika du schüttelst mich, wenn ich an deine Schuld denke. Jetzt sind es etwa 2300 Tage des Bestehens von Guantanamo, oder sollte man besser sagen KZ Guantanamo. Sicher werden jetzt wieder einige aufschreien, dass man das nicht vergleichen kann. Kann man nicht? Kann man doch! Wenn ich mich nur auf die Anfangszeiten berufe, sind beide Einrichtungen entstanden aus der Phantasie menschlicher Perversion. Vernichtungslager wurden deutsche KZs erst viel später. Ist auch egal, es ist eine Schande, dass Solches überhaupt noch möglich ist.
Für mich steht fest die USA sind ein schuldiges Land.
Georges P.
MEHR ZUM ARTIKEL
Lage im Irak US-General warnt vor schnellem Abzug

In seinem mit Spannung erwarteten Bericht zum Irak wies der US-Oberkommandierende David Petraeus auf die deutlich verbesserte Sicherheitslage hin. Dennoch sollten die US-Truppen im Land konstant gehalten werden, um die Terrorismus-Gefahr einzudämmen. mehr...

Irakkrieg Pentagon erlaubte Folter

In den ersten Monaten des Irakkrieges hat das US-Verteidigungsministerium die Folter von Gefangenen ausdrücklich gestattet. Die Macht des US-Präsidenten dürfe nicht von UN-Vereinbarungen gegen Folter eingeschränkt werden, heißt es in einem jetzt veröffentlichtem Memo. mehr...

Irak Al-Sadr will Kämpfe beenden

Der radikale schiitische Führer Muktada al-Sadr hat angeboten, die Kämpfe im Irak einzustellen, wenn die Regierung seinen Anhängern eine Amnestie gewährt. Das geht aus einer Neun-Punkte-Erklärung hervor, die Sadr am Sonntag in seinem Hauptsitz in Nadschaf veröffentlichte. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe