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27. November 2008, 11:59 Uhr

"Es wird zu Racheakten kommen"

Eine "ganze neue Qualität" hätten die Anschläge auf Hotels im Mumbai, sagt Indien-Experte Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Ohne Unterstützung aus dem Ausland wären sie nicht möglich gewesen. Welche Folgen die Attacken haben, erklärt er im stern.de-Interview.

Mumbai, Indien, Terror, Terror-Anschläge, Bombay

Das brennende Luxushotel Taj Mahal© Gautam Singh/AP

Herr Wagner, eine Serie von Anschlägen hat Indien erschüttert, mindestens 100 Menschen sind getötet worden. Wer steckt Ihrer Meinung nach hinter den Anschlägen?

Wir hatten bereits in den vergangenen Monaten eine Reihe von kleineren Anschlägen. Die Angriffe jetzt haben aber eine ganz neue Qualität. Sie zeigen die Probleme, die Indien mit der muslimischen Minderheit hat.

Derzeit leben rund 150 Millionen Muslime in Indien, eine Bevölkerungsgruppe, in der es auch Radikalisierungstendenzen gibt. Der wirtschaftliche Aufschwung des Landes in den vergangenen Jahren ist an ihnen vorbeigegangen. Die Muslime sind schlechter gestellt, was Bildung, Wohlstand und die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs betrifft.

Diese Situation hat islamistische Gruppierungen hervorgebracht. Das Neue ist, dass sie nicht mehr von Kaschmir aus agieren, sondern sich in Indien selbst entwickeln. Dadurch bekommen die Anschläge eine ganz neue Dimension.

Eine ganz neue Dimension ist auch, dass gezielt Amerikaner und Briten als Geiseln genommen wurden.

Genau. Die Gruppierungen in Indien verfolgen natürlich die internationale islamistische Propaganda gegen Amerika und den Westen, deshalb stürmt man auch westliche Hotels. Das bringt deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Sind die Anschläge also eher ein Auswuchs innerindischer Probleme und nicht ein neuer Höhepunkt des internationalen Terrorismus?

Ja, das würde ich so sehen. Die Forderung nach einer Freilassung aller in Indien inhaftierten Islamisten deutet genau darauf hin. Zudem wollen sich die Attentäter für die Zerstörung der Moschee in Ayodhya 1991 rächen - auch ein klassisch indisches Problem. Es besteht zudem zu befürchten, dass es in den kommenden Tagen zu weiteren Anschlägen, zu Racheakten von hinduistischen Extremisten kommt.

Überraschend ist auch, dass es sich offenbar um sehr junge Attentäter handelt, die zum Teil auch Studenten sein sollen.

Ja, es gibt seit längerem eine studentische Gruppierung, die Students Islamic Movement of India (Simi). Die Organisation hat in der Vergangenheit schon kleine Anschläge verübt. In dieser Größenordnung aber noch nicht. Ob sie hinter den Angriffen auf die Hotels steckt, ist auch noch unklar. Die Größe des Anschlags zeigt, dass die Attentäter Verbindungen zu Terror-Gruppen Pakistan und Bangladesh haben müssen, sonst ist eine solche Serie von Angriffen logistisch gar nicht machbar. Dazu wären die islamistischen Gruppen in Indien alleine nicht in der Lage.

Die in Pakistan agierenden Terroristen unterstützen die Islamisten in Indien wahrscheinlich mit großer Freude.

Natürlich, es wird jeder unterstützt, der in Ansätzen die gleichen Ziele, die gleiche Ideologie hat. Die Hilfe zeigt aber auch, wie verworren die Situation ist: Man greift die Amerikaner und Briten an. Das ist das islamistische Moment, wie es al Kaida vertritt. Dabei verfolgt man eigentlich innerindische Ziele.

Was kann Indien tun?

Das Problem kann nicht schnell gelöst werden, dazu ist das Kind zu tief in den Brunnen gefallen. Die wirtschaftliche Situation der Muslime lässt sich von heute auf morgen nicht verbessern. Da müsste die Politik sehr viel mehr tun. Und die Frage ist, ob sich solche radikale Gruppen davon überhaupt beeindrucken ließen.

Hinzu kommt, dass im kommenden Jahr in Indien Wahlen stattfinden. Sicherheit wird dabei natürlich ein zentrales Thema sein und nicht unbedingt die wirtschaftliche Situation der muslimischen Minderheit.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Indien ähnlich politisch instabil wird wie Pakistan?

Das ist natürlich ein Ziel der Attentäter. Aber die pakistanische Regierung hat schon deutlich gemacht, im Kampf gegen den Terrorismus mit Indien sehr eng zusammenzuarbeiten. Dass Indien wirklich politisch destabilisiert wird, davon ist nicht auszugehen. Das wäre ein Worst-Case-Szenario.

Mumbai, Indien, Terror, Terror-Anschläge, Bombay

Stichwort Indien Indien ist die größte Demokratie der Welt: 1,1 Milliarden Menschen leben in dem südasiatischen Staat, der neunmal so groß ist wie Deutschland. Die überwiegende Mehrheit der Inder sind Hindus (80 Prozent), Moslems stellen die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft mit 14 Prozent der Bevölkerung. Daneben gibt es noch Christen sowie Anhänger des Sikhismus, Buddhismus und Jainismus.
1756 hatte Großbritannien damit begonnen, sich Indien Untertan zu machen. 1947 wurde die Kolonie Britisch-Indien in die beiden Staaten Indien und Pakistan geteilt - vor allem wegen der Spannungen zwischen Moslems und Hindus. Seitdem ist Indien unabhängig. Anfang der 90er-Jahre öffnete sich das Land wirtschaftlich und hat sich seitdem zu einer der zehntgrößten Volkswirtschaften entwickelt.
Zeitgleich begann es, die Zeichen der britischen Kolonialmacht abzustreifen. So wurden etwa die englischen Namen einiger Städte "indisiert": wie Bombay, das seit 1995 Mumbai heißt.

Attentate werden in Indien immer wieder verübt, allein seit Anfang 2007 sind bei fünf schweren Anschlägen rund 300 Menschen ums Leben gekommen. Einer der Hauptgründe für den Terrorismus sind religiöse Konflikte sowie der Streit um Kaschmir - der umstrittenen Grenzregion zu Pakistan. Gefährlich ist auch die Gegend von Andhra Pradesh. Dort treiben maoistische Gruppierungen, die "Naxaliten", ihr Unwesen.

Zur Person

Zur Person Christian Wagner ist Forschungsgruppenleiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Seine Schwerpunkte liegen in der Außen- und Sicherheitspolitik Indiens und Pakistans.

Interview: Marcus Gatzke
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
horst.pachulke (29.11.2008, 12:33 Uhr)
@ mramorak:
"Nur" die Armut abschaffen... fangen Sie mal in Ihrem persönlichen Umfeld damit an & Sie werden verstehen weshalb ich mich gerade schieflache.
OnceKnown (28.11.2008, 23:15 Uhr)
@tagora-sagittara
"...Das überlass ich den Milliardenherr der Drogensüchtigen jeglicher Couleur..."
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Nein wie drollig; und reichlich pauschal...
Medley (28.11.2008, 18:23 Uhr)
@tagora-sagittara
"Das sie die just von denen bekommen haben, die sie ausplünderten,... ist für mich Grund genug mit Religionen nichts am Hut zu haben... "
80% der Inder sind Hindus, 14% Moslems, dazu gibt es noch Buddisten, Sikh, usw, usf. Diese Religionen kamen nicht von denen, "dier sie ausplünderten", sondern sie waren schon tausende Jahre zuvor Teil der indischen Gesellschaft. Wenn man versucht etwas "einfach" zu erklären, dann sollte man bitte dabei nicht zu trivial werden. Und überhaupt ist auch das ganze "ausbeuten"-Gerede wirklich zu albern. Die Zusammenhänge in der Zeit des Kolonialismus sind wirklich zu komplex, als dass man sie nur auf dem Begriff der "Ausbeutung" reduzieren könnte.
tagora-sagittara (28.11.2008, 18:00 Uhr)
Eigentlich sind diese Effekte...
relativ einfach zu erklären...
Zu große Bevölkerungspopulation. Die hieraus resultierende Resourcenknappheit erzeugt die bekannten Spannungen. Da es die Armen als erstes erwischt, treten hier die Effekte auf. Das war in allen Zeiten so, wenn die natürlichen Umstände es nicht schafften die Bevölkerung durch Seuchen oder verhungern auszudünnen.
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Die Kolonialisierung hat die ganze Sache dadurch verstärkt, weil die Kolonialmächte die Rohstoffe und Resourcen gestohlen haben...obwohl man ja zugeben muss, daß sie mit denen vorher auch nichts anzufangen wussten,... es sei denn, es war Gold.
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Der einzige Halt den die so ausgeplünderten Völker noch hatten, war die Religion,... (die Droge fürs Volk)...
Das sie die just von denen bekommen haben, die sie ausplünderten,... ist für mich Grund genug mit Religionen nichts am Hut zu haben... Das überlass ich den Milliardenherr der Drogensüchtigen jeglicher Couleur.
Medley (28.11.2008, 17:19 Uhr)
@mramorak
Naja, das mit der Religion ist so eine Sache. Religion ist ein Synonym für eine Überzeugung, eine Weltanschauung. Hitlers Religion war die rassenische Überlegenheit des Ariertums, die Religion Stanins und Mao's war der Kommunismus. Im Übrigen, im 30zig jährigen Krieg wurden in manchen Regionen Deutschlands 60% bis 80% der Zivilbevölkerung ausgerottet. Tatsächlich! Das hatten selbst deine drei von dir erwähnten Höllenhunde nicht fertig gebracht.
Dieter37 (28.11.2008, 16:50 Uhr)
Islamismus
= Faschismus, das dürfte unumstritten klar sein !
Was hat man damals mit dem Faschismus gemacht? Vernichtet !
Noch Fragen ??
nightmare_online (28.11.2008, 13:09 Uhr)
@mramorak
Absolute Zahlen sind in dem Zusammenhang ziemlich albern. Im Mittelalter gabs nicht so viele Leute wie im 20.Jahrhundert.
Rechnete man aber mal (nur mal so als Beispiel) die rund 20.000 Einwohner, die christliche Kreuzritter bei der Eroberung Jerusalems umgebracht haben in Relation zur Gesamtbevölkerung, würde allein dies - umgerechnet auf die heutige Einwohnerschaft Jerusalems - eine halbe Million Opfer bedeuten. Rechnete man - relativ gesehen - alles zusammen, was allein die katholische Kirche in den letzten Jahrunderten so verbrochen hat, nähmen sich dagegen vermutlich die von Ihnen genannten Massenmörder vermutlich allesamt wie brave Kinder aus.
muemmelfrau (28.11.2008, 11:32 Uhr)
religion an allem schuld
ist tatsächlich unsinn.
allerdings sollte man anmerken, daß die 3 genannten herren eben im industriezeitalter ihre verbrechen begehen konnten, da hat man dann ganz andere möglichkeiten als noch im mittelalter.
der eine oder andere despot aus dem mittelalter braucht sich hinter den 3en nicht zu verstecken, gemessen an seinen möglichkeit eben.
wenn man nach afrika schaut, da liegt es an der stammeszugehörigkei, daß man sich gegenseitig in massen abschlachtet.
es stimmt allerdings, daß der terrorismus, welcher uns heute rund um den erdball verfolgt, fast ausnahmslos im namen der religion und auffälligerweise im namen einer bestimmten religion stattfindet.
mramorak (28.11.2008, 11:11 Uhr)
Religionen an allem schuld?
Da schreibt doch einer, dass die Religionen an allem schuld sind und geht wieder zurück ins Mittelalter. Leute, wie dieser Schreiber lernen nie. Nicht im Mittelalter wurden die meisten Menschern ermordet. Das geschah im letzten Jahrhundert! Da haben die drei schlimmsten ATHEISTEN über 200 Millionen Menschen ermorden lassen: Hitler, Stalin und Mao waren diese noblen Herren. Nicht bis ins Mittelalter zurück gehen - nur bis zu Mao. Warum glauben solche Leute immer, dass ihnen keiner auf die verlogen Spur kommt?
mramorak (28.11.2008, 11:01 Uhr)
Dümmliche Politik und dennoch den Wohlstand geniessen
Natürlich hat der Herr Wagoner keine Ahnung, von was er spricht. Aber er ist nicht der einzige der so redet und denkt - denkt?
Zuerst genießt man den wohlstand, ein Erfolg der dümmlichen Politik der Freiheit, die leider viele Schreiber in diesem Platt nicht wollen, und dann schreibt man, dass die Auftragsgeber wissen, wie sehr man den Wohlstand hasst. Denn die Auftragsgeber dieser Schreiber, können selber keinen Wohlstand schadffen.
Der Schröder-Geist lebt also in den deutschen Medien weiter. Der sagte, dass man nur die Armut abschaffen muss, und der Terrorismus wird verschwienden. Selbst der Obama glaubt das nicht. Sehen Sie sich nur seine neue Mannschaft an.
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