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Die dritte Intifada hat längst begonnen

Der Nahe Osten brennt, und die Funken springen auf Israel über. Hasserfüllt stehen sich Isarelis und Palästinenser gegenüber. Die Situation erinnert zunehmend an die in Südafrika vor 30 Jahren.

Ein Kommentar von Hans-Hermann Klare

  Polizeieinsatz nach dem Anschlag auf eine Synagoge: Ein Zusammenleben ist auf beiden Seiten weniger vorstellbar denn je

Polizeieinsatz nach dem Anschlag auf eine Synagoge: Ein Zusammenleben ist auf beiden Seiten weniger vorstellbar denn je

Der Anschlag in der Synagoge, bei dem vier betende Juden und zwei arabische Angreifer starben, lässt nur einen Schluss zu: Die dritte Intifada hat längst begonnen, der Aufstand der Palästinenser eskaliert wieder einmal. Was im Frühsommer mit dem Mord an jüdischen Teenagern begann, sich in einem tödlichen Angriff jüdischer Siedler auf einen palästinensischen Jugendlichen fortsetzte und im Gaza-Krieg mit mehr als 2000 Toten kulminierte, ist der Beginn einer neuen Phase im ewigen Krieg von Israelis und Palästinensern um das Leben im heiligen Land. Und vieles spricht dafür, dass diese Intifada noch schlimmer werden könnte. Denn beide verfeindeten Gruppen leben zwar zusammen in derselben Region, aber ein Zusammenleben ist für eine wachsende Zahl auf beiden Seiten weniger vorstellbar denn je.

Und es sind die Radikalen, die davon am meisten profitieren. Während der Präsident der palästinensischen Autonomie-Behörde Mahmoud Abbas den Anschlag in Jerusalem verurteilte, jubelte die Hamas darüber. Für die Rechten in der rechten israelischen Regierung von Benjamin Netanjahu, die sich schon vor Monaten wünschten, dass der Gaza-Streifen wieder besetzt werden möge, ist es nur die Bestätigung ihrer Überzeugung, dass man keinem Araber trauen dürfe, nicht mal jenen, die vom Frieden reden.

Erinnerungen an Südafrika

Der Zyklus von Gewalt und Gegengewalt, den wir gerade in Israel, in Gaza und den besetzten Gebieten erleben, erinnert zunehmend an das Südafrika der achtziger und neunziger Jahre: eine Bevölkerungsgruppe, die sich bedroht und bedrängt fühlt von Millionen Andersartiger, aber wirtschaftlich und militärisch überlegen, versucht eine andere Gruppe, wirtschaftlich und militärisch schwächer, in Schach zu halten. Was wir sehen ist: Apartheid. Und der Bürgerkrieg jener, die dagegen aufbegehren.

Geht es nach einigen in der Regierung Netanjahu, soll die Knesset in Jerusalem demnächst ein Gesetz verabschieden, wonach Israel ausdrücklich ein jüdischer Staat ist. Dieses Gesetz richtet sich gegen jene 1,3 Millionen Araber mit israelischem Pass, Muslime wie Christen, die damit endgültig zu Bürgern zweiter Klasse werden sollen. Dazu passt, dass sich Premier Netanjahu beim Treffen seiner Partei, dem Likud, vor einigen Tagen dafür aussprach, jeder, der "für einen Palästinenser-Staat ist", solle in Zukunft in jene Homelands gehen, die von der palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet werden oder gleich nach Gaza. Und Israels Innenminister Gilad Erdan setzte noch einen drauf, als er forderte, man solle arabischen Israelis, die "gegen den Staat" agierten, ihre Bürgerrechte entziehen.

Auf der anderen Seite sehen wir Menschen, die der ewigen Diskriminierung leid sind. Oder die sich, wie die 1,3 Millionen Bürger von Gaza, in einer Art Freiluft-Gefängnis leben. Sie begehren auf. Sie haben mehr denn je Verständnis für Gewalt. Dazu kommen die Radikalsten unter ihnen, denen jedes Mittel gegen Israel Recht ist - gegen Soldaten wie gegen Zivilisten. "One Settler, one bullet" hieß das in Südafrika bei den radikalsten Apartheid-Gegnern: Eine Kugel für jeden Weißen.

Im Unterschied zur Situation in Afrika findet der Rest der Welt aber nicht zusammen, um diesen Zustand zu ändern. Denn das würde nicht bloß bedeuten, den Pragmatikern und Gemäßigten unter den arabischen Politikern den Rücken zu stärken. Es würde bedeuten, mehr Druck auf Israel auszuüben. Dessen Politiker benutzen das berechtigte Argument, ihr eigenes Volk schützen zu müssen, nämlich dazu, die Isolierung und Diskriminierung von Arabern weiter voranzutreiben. Das müssten die USA und Europa unterbinden. Nur dann ließe sich vielleicht und allmählich der Kreislauf der Gewalt durchbrechen. Solange das nicht geschieht, werden Attacken wie die auf die Synagoge in West-Jerusalem weitergehen. Der Nahe Osten brennt an vielen Stellen. Es sieht so aus, als seien die Funken auch auf Israel übergesprungen.

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