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10. März 2009, 15:27 Uhr

Belfasts fragiler Frieden

Auch elf Jahre nach Beginn des Friedensprozesses haben sich nordirische Katholiken und Protestanten nicht wirklich genähert. Mit den jüngsten Anschlägen wollen IRA-Splittergruppen den alten Hass wieder aufbrechen lassen, denn beiden Seiten leben in Angst und Misstrauen voreinander. Von Cornelia Fuchs, London

Nordirland, Anschlag, IRA, Sinn Fein, Toter

Die Polizei in Nordirland muss sich seit langem wieder mit© Peter Morrison/AP

"Fickt Euch und Eure Pizza. Brits raus!" - der große, orangefarbene Graffiti-Spruch auf einer weißen Mauer der Falls Road im Westen Belfast scheint eindeutig. Er glorifiziert den Mord an zwei britischen Soldaten und den versuchten Mord an zwei Pizzaboten, die am Samstagabend am Tor der Kaserne des 38. Ingenieurs-Regiments im Landkreis Antrim östlich von Belfast in einen Kugelhagel gerieten, als sie ihre Bestellung abliefern wollten. Das Graffito erinnert an die schlimmsten Zeiten des nordirischen Bürgerkriegs, in denen jeder zum Terrorziel wurde, der mit den britischen Sicherheitskräften in Nordirland zusammenarbeitete, sei es, weil er ihre Heizung reparierte oder weil er ihnen Essen verkaufte.

Die Falls Road, auf der dieser Spruch wenige Stunden nach dem Anschlag auftauchte, hat im nordirischen Bürgerkrieg sehr viel Gewalt gesehen. Seit dem Karfreitag-Friedensabkommen 1998 wird sie von Politikern gerne als Hintergrund für Fernsehinterviews genommen. Entlang der Friedensmauer, die hier noch immer Katholiken von Protestanten trennt, sieht man Graffiti der Ikonen der nordirischen Terrorzeit: Bobby Sand ist hier zum Beispiel verewigt, der Mann, der sich im Maze-Gefängnis zu Tode hungerte. Daneben liegt das Büro der Sinn Fein, des politischen Arms der IRA, die heute mit Martin McGuiness den Vize-Premier im nordirischen Parlament in Stormont stellt.

Haben die Sinn-Fein-Politiker die Freiheit Irlands aufgegeben?

Die Schmiererei in Orange ist ebenso eine Provokation der britischen Sicherheitskräfte als auch, und wohl vor allem, von Sinn Fein, deren Mitglieder seit elf Jahren der Gewalt abgeschworen haben und nun mit den Protestanten eine Regierung bilden. Die Real IRA, die "Wahre IRA", und die Continuity IRA, die "Fortbestehende IRA" sagen, sie wollen mit ihren Morden ein vereintes Irland erzwingen, den Abzug der britischen Armee und das Auflösen der Polizei, die im Bürgerkrieg mit ihrer überwiegend protestantischen Polizeitruppe viel zur Destabilisierung und wenig zur Friedensfindung beigetragen hat. Die Splittergruppen werfen den Sinn-Fein-Politikern vor, den Kampf um die Freiheit Irlands aufgegeben zu haben. Und sie wollen diesen Kampf wieder aufflammen lassen.

Das wird ihnen nur gelingen, wenn der alte Hass aufbricht. Wenn auf die Morde an britischen Soldaten und dem Polizisten Stephen Paul Carroll die protestantischen Loyalisten zu den Waffen greifen, wenn sie Katholiken zum Ziel erklären, und wenn nicht mehr im Parlament diskutiert wird, sondern auf der Straße geschossen. "Unerschütterbarer" Friedensprozess Britische, protestantische und katholische Politiker betonen, dies sei undenkbar. Premierminister Gordon Brown nannte den Friedensprozess "unerschütterbar" und die Terroristen "kaltblütige Mörder". Der alte protestantische Haudegen und erste Premierminister von Nordirland, Ian Paisley, lobte die sorgfältig gewählten Worte eines katholischen Priesters vor der Kaserne, an deren Toren die zwei Soldaten starben, als "das beste, was ich jemals von einem Repräsentanten in Soutane gehört habe". Und Sinn Fein schließlich rief das erste Mal in ihrer Geschichte ihre republikanischen Anhänger auf, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, um die Täter schnellstmöglich zu finden.

Die Politiker betonen dabei stets, dass die Terror-Splittergruppen wenig Rückhalt in der nordirischen Bevölkerung haben und überhaupt nur aus wenigen hundert Mitgliedern bestehen. Und doch haben die Aktivitäten dieser Gruppen kaum drei Tage vor dem ersten Anschlag den Polizeichef in Nordirland dazu gebracht, die Bedrohungsstufe des Landes von "schwer" auf "ernst" zu erhöhen. Vor wenigen Monaten waren mehrere Mordanschläge auf Polizisten gerade noch vereitelt worden, eine 300 Kilogramm schwere Bombe konnte entschärft werden. Sie war jedoch von jemandem gebaut worden, der sein Handwerk sehr gut verstehe, sagten Experten.

In Belfast trennen immer noch 83 Mauern katholische und protestantische Straßenzüge. Und obwohl der Friedensprozess seit elf Jahren langsam voranschreitet, werden immer noch neue, über zehn Meter hohe Mauern gebaut, zur Sicherheit. Die Menschen auf beiden Seiten beschuldigen sich der Provokationen, Steine fliegen. Die Polizei spricht von "recreational violence", von Freizeit-Gewalt. Wenn Jugendliche nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen, ärgern sie die Bewohner hinter den Mauern.

60 Prozent wollen, dass die Mauern verschwinden

Immer noch halten es 60 Prozent der Menschen zwar für wünschenswert, dass die Mauern verschwinden. Aber sie glauben auch, dass es noch nicht sicher genug ist, die Barrikaden niederzureißen. Die Menschen leben in Teilen von Belfast und Nordirland weiter in Angst voreinander. Und Angst schürt Misstrauen und damit Zulauf zu den Gruppen, die den Kampf nicht aufgeben wollen. Auch, wenn er wenig sinnvoll erscheint. Die Kaserne vor der nun zwei Soldaten sterben mussten, angeblich im Namen der Freiheit Nordirlands, wird zum Beispiel 2010 aufgelöst werden.

Die britische Armee hat ihre Truppen von 30.000 in den Hochzeiten des Bürgerkriegs auf weniger als 5000 reduziert, die nicht mehr in den Straßen patrouillieren. Die Soldaten, die ihre Pizza abholen wollten, wären drei Stunden später nach Afghanistan ausgeflogen worden. Und dass die zivilen Wachen am Tor der Kaserne nicht zurück schossen, lag auch daran, dass sie nur mit kleinen Handfeuerwaffen ausgestattet waren. Seit 1998 sollen die britischen Kasernen nach außen den Eindruck einer Besatzermacht vermeiden.

Der Kolumnist David Aaronovitch schreibt in der Tageszeitung "Times" über die IRA-Dissidenten, "diese harten Männer, verloren im neuen Zeitalter des Friedens": "Der Anschlag war nicht dazu gedacht, die britische Armee aus Nordirland zu vertreiben. Er war dazu da, die Armee wieder zurückzubringen. Es war die erste Gewalttat eines neuen, erwünschten Teufelskreis von Anschlägen, Verhaftungen, Märtyrern, Bomben, Hungerstreiks, Begräbnissen, Reden, Waffenschmuggel und weinenden Kindern, der uns zurückbringen könnte in die 70er Jahre, das goldene Zeitalter von Tod und Klarheit für die Terroristen."

Der Premierminister von Nordirland, Peter Robinson, formulierte es in seiner Rede im Parlament in Stormont so: "Dies ist der Moment der Wahrheit für uns alle. Lasst uns klar und deutlich antworten: Wir machen nicht kehrt!"

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
onkel.erwin (10.03.2009, 20:14 Uhr)
Was sollte denn Ihrer Meinung nach geschehen?
Sollten vielleicht die USA, der Weltpolizist und Spezialist in Sachen Terrorbekämpfung, dort einrücken, von sich aus die Zivilbevölkerung massakrieren und ein Regime nach eigenem Gutdünken etablieren? Na also. Lass die Leute sich doch bekriegen, wenn´s ihnen Spaß macht und zu den örtlichen Folkloretraditionen gehört. Muss denn die ganze Welt unserer Meinung gehorchen? Die Iren haben stark unter den Engländer gelitten, haben ein gutes Gedächtnis, sind ein stures Volk, legen Wert auf Tradition und werden aus USA von Nationalisten unterstützt. Außerdem sind einige immer noch der Meinung, daß Irland vereinigt werden sollte. Solange selbst die katholische Kirche, die in Irland eine gewaltige Macht darstellt, ihren Einfluss nicht geltend macht, geht mir das Ganze am A... vorbei. Wir haben hierzulande unseren eigenen Probleme. Ende der Durchsage.
Styrbjoern (10.03.2009, 19:18 Uhr)
Zurück zum Thema,.......
schlage ich vor. Da versuchen ein paar Hirnis, einen blutigen Uralt-Konflikt wieder zu beleben und ermorden dafür Menschen und die lieben Mitschreibenden haben nichts besseres zu tun als sich über die deutsche Sprache und ihre Auswüchse zu echauffieren. Liebe Leute, wenn Ihr nix zum Thema zu schreiben habt, einfach mal die Finger von der Tastatur lassen.
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