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Wir sind Frankreich

Der Anschlag von Paris ist ein Angriff auf unsere Grundwerte. Nun dürfen wir unser freiheitliches Denken nicht aus Furcht vor Terrorismus einschränken - und Muslime nicht mit Fanatikern gleichsetzen.

  Zeichnung und Stifte - in Gedenken an die Opfer des Terroranschlags auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" in Paris

Zeichnung und Stifte - in Gedenken an die Opfer des Terroranschlags auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" in Paris

Wir sind Frankreich. Die Journalisten der Pariser #link; http://www.stern.de/2164646.html;Satirezeitschrift "Charlie Hebdo"# waren das Ziel der blutigen Attacke. Aber die Botschaft der Terroristen ging an die Demokratien des Westens, die ihre freiheitlichen Werte mit Frankreich teilen. Jene Grundrechte, die unsere ermordeten Kollegen in Paris mit ihrer satirischen Arbeit verteidigt haben: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, die Freiheit der Kunst - all dies ist für islamistische Fundamentalisten der Nährboden der Ungläubigen, gegen die ein immerwährender Kampf geführt wird.

Guy Verhofstadt, Chef der Liberalen im Europaparlament, hatte mit seiner Einordnung ganz Recht: "Das ist unser 11. September!" Islamisten werden den 7. Januar 2015 in Paris als weiteren Etappensieg in ihrem hasserfüllten Kampf gegen den Westen feiern. Und machen wir uns nichts vor: Es wird weitergehen. Diese Anschläge werden unser Leben in den freiheitlichen Demokratien vermutlich auf Jahrzehnte hinaus begleiten. Denn eine der wichtigsten Waffen des islamistischen Terrors ist die Geduld. Schon 1993 gab es bei der Terrorattacke in der Tiefgarage des New Yorker World Trade Center sechs Tote und 1000 Verletzte. Es dauerte dann acht Jahre, bis Osama bin Laden die Türme zum Einsturz brachte. Seitdem gab es nicht nur in Europas Metropolen immer wieder Anschläge. Bali, Boston zuletzt Sydney ... es wird nicht aufhören.

Der Islam verdient niemals einen Generalverdacht

Für Islamisten, Al Quaida-Terroristen, IS-Kämpfer, gewaltbereite Salafisten ist der Westen nun mal nichts weiter als ein 24 Stunden geöffneter Sündenpfuhl, der dem Erdboden gleich gemacht werden muss. Es wird unmöglich sein, mit den extremistischen Ablegern der islamischen Kultur ein zumindest konziliantes Nebeneinander zu erreichen. Wie sollen wir dieser Unversöhnlichkeit begegnen, diesem Glauben an die absolute Überlegenheit des Islam, der sich keinem weltlichen Gesetz unterwirft, schon gar nicht den Gesetzen der Ungläubigen? In dem wir uns mit allen rechtsstaatlichen, militärischen und nachrichtendienstlichen Mitteln wehren, die eine Demokratie zulässt. Aber vor allem, indem wir unser freiheitliches Denken nicht durch Selbstzensur aus Furcht vor Terrorismus einschränken. Das erfordert manchmal Mut, was nicht zu verwechseln ist mit Provokation als Selbstzweck.

Was in der erhitzten Debatte aber nicht untergehen darf: Der Islam verdient niemals einen Generalverdacht. Der oft beschriebene Kampf der Kulturen findet ja vor allem an den extremistischen Rändern statt. Ich bin sicher, dass sich auch in der muslimischen Welt viele Gläubige fragen: Wer beleidigt den Islam eigentlich mehr? Eine Zeitschrift, die den Propheten satirisch verzerrt oder Terroristen, die im Namen Allahs im blinden Eifer Journalisten und Polizisten töten? Hier geht es um Terrorismus, der eine Religion vergewaltigt wie seinerzeit die Kreuzritter den katholischen Glauben. Es geht schlicht um brutalste Gewaltverbrechen, die ganz sicher nicht mit der sogenannten "Islamisierung des Abendlandes" oder gar Flüchtlings- und Asylpolitik in Verbindung gebracht werden dürfen.

Aus Respekt sollte Pegida Demonstrationen absagen

Aber manchen fällt es schwer, diese Grenze zu ziehen. Für AfD-Sprecher Alexander Gauland ist natürlich nur zu verlockend, die Toten von Paris für seine politischen Zwecke zu missbrauchen. Per Pressemitteilung ließ er gestern verbreiten: "Vor diesem Hintergrund erhalten die Forderungen von Pegida besondere Aktualität und Gewicht." Der Gedanke dahinter ist perfide - nämlich, muslimische Asylbewerber und Flüchtlinge mit islamistischen Terroristen auf eine Stufe zu stellen. Aus Respekt vor den Opfern des Pariser Terroranschlags sollte Pegida die Demonstration am kommenden Montag absagen.

Letzlich übergeht die Pegida-Bewegung mit ihrer pauschalen Ablehnung von muslimischen Immigranten auch das Grundgesetz, in dem die Freiheit auf Religionsausübung verankert ist. Wir dürfen uns aber nicht mit Methoden zur Wehr setzen, die jene Werte mit Füßen treten, die uns von den fundamentalen und totalitären Gesellschaften unterscheiden. Deshalb möchte ich die Freiheit unserer Gesellschaft als allerletztes von Pegida-Demonstranten verteidigen lassen. Von Bürgern, denen unser Grundgesetz das Recht gibt zu behaupten: "Unser Recht auf Meinungsfreiheit wird beschränkt." Und die, wie am vergangenen Montag geschehen, geschichtsvergessen "Volksverräter" durch Dresdens Straßen skandieren, jener Begriff, mit dem NS-Richter Roland Freisler die Widerstandskämpfer des 20. Juli an den Galgen gebracht hatte.

Es droht die Gefahr, dass durch die Dresdner Märsche Brücken abgerissen werden, die in Deutschland zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen existieren. Aber wir dürfen nicht aufhören mit dem Versuch, aus dem Nebeneinander der Kulturen ein Miteinander zu machen. Sonst radikalisieren sich zunehmend auch jene, für die Religion und Freiheit kein Widerspruch ist.

Von stern-Herausgeber Andreas Petzold
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