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2. November 2009, 10:57 Uhr

"Es wurde immer weiter geschossen"

Der deutsche UN-Mitarbeiter Sören Wilkening hat den Anschlag auf das UN-Gästehaus in Kabul unmittelbar mitbekommen. Im Interview mit stern.de berichtet er von seiner haarsträubenden Flucht vor den Kämpfen.

Zur Person Sören Wilkening, 39, hier auf dem Rücken eines afghanischen Polizisten, ist Mitarbeiter des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe. Bei dem schweren Anschlag auf das Kabuler UN-Gästehaus am 28. Oktober wurde er bei seiner Flucht am Fuß verletzt.

Herr Wilkening, wie haben Sie den Beginn des Angriffs erlebt?

Ungefähr gegen halb sechs wurde ich wach von Schüssen draußen. Es gab eine Explosion, aber ich wusste erst nicht, wo. Explosionen hat man ja öfters in Kabul, sie hören sich näher an als sie sind. Mein Zimmer lag im ersten Stock, ich bin runter auf den Fußboden, habe meinen Notfallrucksack gegriffen, den ich tatsächlich gepackt hatte und bin raus ins Treppenhaus. Es war voller Qualm und ich hörte die anderen rufen: "What is happening? What is going on? We're under fire!". Ich bin dann nach oben gelaufen.

Wieso nicht nach unten zum Ausgang?

Der war gar nicht zu sehen, da war überall Qualm, und unten loderte es rot vor Flammen. Ein Stockwerk höher standen ein paar meiner Kollegen in den Türrahmen, die Sicherheitsleute hatten ihre Waffen im Anschlag. Ich habe an die Tür meines Kollegen gehämmert, ihn mitgenommen, dann sind wir weiter hoch bis aufs oberste Dach.

Haben Sie mitbekommen, was unten geschah?

Die ganze Zeit wurde weiter geschossen, waren Explosionen zu hören, aber wir konnten nichts sehen. Der Qualm war zu dicht. Wir haben uns hinter einem Wächterhaus oben versteckt, dachten, vielleicht geht das Feuer aus, dann können wir wieder runter.

Wie lange blieben Sie dort oben?

Ich weiß es nicht. Mein Zeitgefühl war weg. Wir saßen da oben mit der Angst, dass sich die Angreifer durchs Haus hocharbeiten und uns oben angreifen würden. Deshalb haben wir beschlossen, auf das nächste Dach zu springen.

Wie viele Meter tiefer lag das?

Ungefähr vier Meter. Bei mir ging es noch gut, aber mein Kollege hat sich dabei am Bein und Arm verletzt. Aber wir waren immer noch auf unserem Grundstück, wollten da auch weg.

Haben Sie die Angreifer gesehen?

Nein, niemanden. Was heißt, dass auch uns niemand gesehen hat. Dann sind wir nochmal gesprungen, wieder ungefähr vier Meter. Dass mein Kollege das noch geschafft hat, ist ein Wunder. Ich habe mir dabei ein Fußgelenk gebrochen, und da lagen wir dann, versteckt unter einer Baumkrone auf dem Dach des Nachbarhauses. Es wurde immer noch weiter geschossen, und ich habe versucht, mit meinen Kollegen draußen zu telefonieren. Sicherheitsleute haben dann auch zurückgerufen, ich solle beschreiben, wo genau wir seien. Aber das wussten wir ja selbst nicht. Wir haben versucht, es zu beschreiben, nach 20 Minuten riefen die noch einmal an: Wo genau? Ich solle mich aufrichten und winken. Nach weiteren zehn Minuten kamen tatsächlich afghanische Polizisten und haben uns da runtergeholfen. Da ließen die Schüsse auch langsam nach.

Wie spät war es da?

Vielleicht zehn, elf? Ich weiß es nicht genau.

Und dann?

Haben die uns in Krankenhaushaus im US-Militärcamp Eggers gebracht. Mein Kollege hatte ein Bein gebrochen und einen Arm ausgekugelt. Jetzt liege ich im Krankenhaus im militärischen Teil des Flughafens und warte, dass ich ausgeflogen werde.

Interview: Interview: Christoph Reuter
 
 
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