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17. November 2011, 22:20 Uhr

Engländer in verbalem Tiefflug

Die Spitfire bleibt noch am Boden, Weltkriegsrhetorik ist schon im Einsatz: Die Briten fühlen sich vor dem Berlinbesuch ihres Premiers von Angela Merkel und der EU überrollt. Von Cornelia Fuchs, London

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Englischer Fußballfan mit Spitfire-Modell: Im Streit mit Deutschland bringen die Briten auch den Stolz des Empires ins Spiel© Michael Latz/AFP

Enthusiasmus für das Projekt Europa war in Großbritannien schon vor der Eurokrise schwer zu finden. Doch in den vergangenen Wochen hat man häufig das Gefühl, dass die euroskeptischen Inselbewohner lieber gestern als heute aus der EU austreten würden. Selten schien der Abstand zwischen Großbritannien und "dem Kontinent" in den vergangenen Jahren so groß wie derzeit.

Getragen von dieser Stimmung konnte Jeremy Paxman, graue Eminenz der BBC-Abendnachrichten, einen Europa-Vertreter aus Brüssel ungestraft "Mr. Idiot" nennen - und das in der distinguierten Sendung "Newsnight", keinesfalls in einer der auf gehobene Konfrontation ausgelegten politischen Talkshows. Was angesichts der Unruhen in Griechenland als argumentatives Abstrafen der Einheits-Währung und seiner chaotischen Mitgliedsstaaten begann, hat sich in den vergangenen Tagen auf eine Nation konzentriert: Es sind jetzt die Deutschen, die die Breitseite der Kritik aushalten müssen.

Angriff auf die City

Grund dafür ist vor allem das deutsche Bestehen auf der Finanztransaktionssteuer, die in Großbritannien "Robin Hood Tax" genannt wird, aber trotz des netten Namens nur wenige Verteidiger findet. Diese Maßnahme wird vom Großteil der durch die Finanzkrise weiter gebeutelten Briten vor allem als deutsch-französischer Racheakt für die City of London gesehen. Und in einem Land, in dem außer den wackeligen Finanzmärkten nur wenig noch funktioniert, gilt ein Angriff auf eben diesen Wirtschaftsmotor als feindlicher Akt.

Innerhalb von Tagen änderte sich in dieser Woche die Rhetorik zu den Deutschen und ihrer Krisenbewältigung. Wurde in den Wochen zuvor Deutschland noch als Geldsäckel bemitleidet, das im Zuge der Krise für alles bezahlen muss, so wird jetzt mit Argwohn betrachtet, wie Deutschland Europa nach seinem Bilde formen will. Und wie so oft, wenn Deutschland persönlich kritisiert werden soll, holen Kommentatoren die Weltkriegsvergleiche heraus.

"Bürokratische Diktatur unter deutscher Führung"

Peter Mullen, anglikanischer Priester und selbsternannter Seelsorger unter anderem der Londoner Börse, schreibt auf der Blog-Seite des "Daily Telegraph" von einem neuen faschistisch-technokratischen Staat Europas unter deutscher Führung: "Wieder einmal steht Großbritannien alleine da. Dieses mal brauchen wir - noch - nicht unsere Spitfires: wir brauchen ein Referendum über unser Verbleiben in dieser bürokratischen Diktatur." Martialisch unterstrichen wird das Ganze mit einem Bild des angesprochenen Jagdfliegers aus dem Zweiten Weltkrieg. Und der jungdynamische, konservative und überaus euroskeptische Essayist James Forsyth überschrieb seinen Text zu den angeblichen Fehlern von Merkels EU-Politik mit: "Nein, nein, nein: Angela Merkel zerstört die Europäische Union."

Dagegen sprang Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) der Bundeskanzlerin bei. Schäuble sagte, es sei das Recht Großbritanniens, vorläufig nicht der Euro-Zone anzugehören. "Das respektieren wir auch." Die 17 Euro-Länder benötigten aber Regelungen, damit die Währung stabil sei. Dies fordere übrigens auch Cameron, weil es Ansteckungsgefahren aus der Euro-Krise auch für das britische Pfund geben könnte. "Insofern ist das kein Gegensatz", sagte Schäuble. "Wir müssen in der Euro-Zone unsere Währung stabil halten."

Je besser dies gelinge, umso schneller werden sich laut Schäuble andere, die heute noch nicht zur Euro-Zone gehören, von den Vorteilen dieser gemeinsamen Währung überzeugen. Es werde zwar noch ein bisschen dauern. Aber eines Tages werde ganz Europa eine Währung haben. "Aber es geht vielleicht schneller, als mancher heute auf der britischen Insel glaubt."

Cameron will Merkel von seinem Kurs überzeugen

Konservative Politiker wie auch Premierminister David Cameron wollen, dass die Bundeskanzlerin der Europäischen Zentralbank das Signal gibt, die Gelddruck-Maschinen anzuschmeißen. Großbritannien wirft bereits seit Beginn der Krise Milliarden Pfund auf den Markt. Die Inflation im Lande hat sich gerade nach einer Steigerung auf mehr als fünf Prozent etwas abgeschwächt. David Camerons Hauptziel bei seinem Treffen mit Angela Merkel wird sein, sie von seinem Kurs zu überzeugen.

Doch der britische Premier hat sich wenig Handlungsspielraum gelassen. Die radikal anti-europäische Haltung seiner Regierung hat die Briten schon längst an den Spielfeldrand in Brüssel verbannt. Wer stets damit droht, die EU zu verlassen, hat am Ende nur noch wenig, mit dem er seine europäischen Partner locken kann. Für das Tête-a-Tête mit Merkel in Berlin bleibt Cameron daher herzlich wenig Verhandlungsmasse. Am Freitag um 12.30 Uhr wird die Öffentlichkeit beobachten können, ob sich der Brite und seine Gastgeberin näher gekommen sind. Dann treten beide vor die Presse.

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
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