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3. Juni 2004, 17:41 Uhr

"Bush hat keine Ahnung!"

Richard Clarke war ranghöchster Anti-Terror-Experte des Präsidenten. Er trat zurück, um Amerika über dessen Propaganda-Lügen aufzuklären. Und sagt: Der Irak-Krieg hat die Terrorgefahr nur verschärft.

Clarke am Pult mit Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice: "Ich mache mir Sorgen über einen weiteren Anschlag. Unsere Städte sind keineswegs sicherer geworden"© Ron Edmonds/AP

Herr Clarke, seit zwei Monaten werden Sie von der US-Regierung scharf attackiert. Dafür sehen Sie recht entspannt aus.

Ich wusste ja, was mich erwartet. Ich habe lange genug für diese Regierung gearbeitet. Sie haben tatsächlich alles probiert - Vizepräsident Dick Cheney, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und Hunderte Bundesbeamte, die in einer koordinierten Aktion versuchten, die Medien zu manipulieren und mich zu zerstören.

Wir zitieren: Sie seien ein "Lügner", "ein Ahnungsloser", einer, "der versucht von der Tragödie des 11. September zu profitieren"...

... ja, und "unverantwortlich", "schlecht informiert", dann wieder "besessen" - sie widersprechen sich obendrein. Sie wurden einfach auf dem falschen Fuß erwischt und haben die Wirkung meines Buches unterschätzt. Ihr Dilemma ist: Sie müssen von den Aussagen des Buches ablenken. Die Fakten sprechen für mich.

Sind Sie nicht überrascht von der Vehemenz dieser Kampagne gegen Sie?

Nein, überhaupt nicht. Ich war der ranghöchste Anti-Terror-Experte von Präsident George W. Bush, hatte schon für vier Präsidenten seit Carter gearbeitet. Wenn einer wie ich öffentlich erklärt, der Präsident mache einen schlechten Job im Kampf gegen den Terrorismus, ist das eine große Geschichte.

Sie galten ja nicht nur als der führende Al-Qaeda-Fachmann, sondern vor allem auch als loyal. Warum haben Sie sich entschieden, diese Regierung so bloßzustellen?

Wir haben hier in Amerika eine Tradition: Jeder hat das Recht, den Präsidenten zu kritisieren. Ich fühlte, dass ich aus persönlichen und historischen Gründen die Pflicht hatte, Dinge geradezurücken. Bush war auf bestem Wege, auch die nächsten Wahlen zu gewinnen, weil er angeblich den Terrorismus effektiv bekämpft. Das Gegenteil ist der Fall. Es trieb mich um, dass das keiner sagte.

Sie sind aber nicht der einzige Insider, der mit Enthüllungen an die Öffentlichkeit geht.

Richtig, und jedes Mal fährt das Weiße Haus die gleiche Hetzkampagne. Als das Buch des ehemaligen Finanzministers Paul O'Neill herauskam, sagten sie: Wir starten eine Untersuchung, um herauszufinden, ob er geheime Dokumente stahl. Die Botschaft war: Wenn du es wagst, den Präsidenten anzugreifen, wird gegen dich ermittelt. Der Vier-Sterne-General Anthony Zinni wurde still und leise gefeuert, nachdem er es gewagt hatte, Bush wegen dessen Nahost-Politik zu kritisieren. Und Armee-General Shinseki hatte bezweifelt, dass Rumsfeld den Irak mit 30 000 Soldaten besetzen kann. Jetzt ist er im Ruhestand. Wir haben es mit einer Regierung zu tun, die Kritik nicht duldet.

Das muss sie wohl lernen: Bushs Symphathiewerte sind auf dem Tiefpunkt, und auch die US-Medien knöpfen sich den Präsidenten vor. Warum so spät?

Nach dem 11. September haben die Medien in Amerika ihre kritische Haltung aufgegeben. Alle haben sich um die Flagge versammelt, es gab diese unglaubliche Welle des Patriotismus, was zunächst ja nichts Schlechtes ist. Aber es wurde impliziert, dass Kritik unpatriotisch sei. Es gab den besonders haarsträubenden Fall des Senators Max Cleland. Er war gegen die Gründung des Heimatschutz-Ministeriums. Die Republikaner beschuldigten ihn daraufhin, unpatriotisch zu sein. Man muss dazu wissen: Cleland kämpfte in Vietnam und verlor dort beide Beine und einen Arm. Und dieser Mann wird als unpatriotisch stigmatisiert, nur weil er eine andere Meinung vertrat? Das sagt doch einiges über das Klima in diesem Land.

Sie haben für fünf verschiedene US-Regierungen gearbeitet. Ist diese wirklich so anders?

Sie ist engstirniger. Bushs Vorgänger haben vor einer wichtigen Entscheidung immer einen rigorosen analytischen Prozess in Gang gesetzt. Alles wurde hinterfragt, Geheimdienstinformationen, Methoden, Ziele. Wir waren frei darin, Kritik zu äußern. Wir wurden sogar dazu ermutigt. So machten es alle, von Henry Kissinger bis Brent Scowcroft. Nichts von dem tut diese Regierung. Ihr Handeln beruht vielfach auf Intuition. Und dann investieren sie all ihre Arbeit darin, dieses Handeln zu rechtfertigen. Sie analysieren nicht, was es bedeutet, ein fremdes Land zu besetzen. Ihre Analyse passt gerade mal auf einen Autoaufkleber. Und als das Außenministerium zehn Aktenordner voller Vorschläge zur Nachkriegsordnung im Irak anbrachte, haben sie das einfach ignoriert.

Wann ist Ihnen diese Engstirnigkeit bewusst geworden?

Schon vor der Regierungsübernahme. Was wusste Bush über Nationale Sicherheit? Nichts. Er war zweimal im Ausland gewesen, einmal in Israel, wo ihn Sharon die ganze Zeit an der Leine herumführte, und einmal in Mexiko. Alles, was er wusste, hatte ihm eine kleine Gruppe Berater eingeflüstert, die es sich seit Jahren zum Ziel gesetzt hatten, Saddam zu stürzen. Und das haben sie auch in sein Hirn gepflanzt. Clinton und sein Sicherheitsberater Samuel Berger hatten Bush beim Regierungswechsel gesagt: Es gibt drei Dinge, auf die ihr achten müsst - al Qaeda, der israelisch-palästinensische Konflikt und Nordkorea. Bush hat alles ignoriert.

Woher wissen Sie das?

Ich war bei den Sitzungen dabei.

Wenn Sie so nah dran waren, dann sagen Sie uns doch, wann der Präsident den Entschluss fasste, den Irak anzugreifen?

Einen Tag nach den Anschlägen, am 12. September 2001, ging Bush durch das Lagezentrum des Weißen Hauses. Er sah mich und mein Team und zog uns in den Konferenzraum. Dann schloss er die Tür. Er sagte: "Ich will, dass ihr herausfindet, ob der Irak das getan hat." Ich war überrascht und ungläubig und habe ihm gesagt: "Wir haben das schon untersucht, immer wieder. Saddam steckt nicht dahinter." Da wurde er ärgerlich und sagte: "Macht schon. Irak. Saddam. Der Anschlag. Findet es heraus." Er wollte, dass ich Beweise für eine Verbindung bringe.

Das Weiße Haus bestritt diese Begegnung im Konferenzraum.

Aber ich präsentierte drei Zeugen. Daraufhin argumentierten sie: Oh, das Treffen fand doch statt, aber der Präsident wäre missverstanden worden. Er hätte nur sicherstellen wollen, dass ich jede Möglichkeit ins Kalkül ziehe. Doch genau das hat Bush nicht getan. Er fragte mich nicht, ob die Saudis hinter dem Anschlag steckten oder der Iran. Nein, er sagte Saddam. Irak. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Regierung hat die Tragödie des 11. September als Rechtfertigung benutzt, um das zu tun, was sie schon vorher tun wollte.

Im Juli veröffentlicht die 9/11-Kommission ihren Bericht, der auch die Versäumnisse der Regierung vor den Anschlägen offen legen wird. Warum ist es Ihnen nie gelungen, Präsident Bush von der Gefahr einer solchen Attacke zu überzeugen?

Ich habe es ja versucht. Gleich am Anfang seiner Regierungszeit hatte ich darum gebeten, ein Kabinettstreffen zum Thema al Qaeda durchzusetzen. Er wollte das nicht. Er wollte das auf Stellvertreter-Ebene halten. Bei diesem ersten Treffen begann ich zu erklären, warum al Qaeda die größte terroristische Gefahr ist. Da widersprach Paul Wolfowitz: "Sie überschätzen al Qaeda. Es muss einen Staat hinter al Qaeda geben, den Irak." Ich antwortete ihm: "Komm schon, wir haben das alle untersucht, auch FBI, CIA, die Medien - al Qaeda bekommt weder Training noch finanzielle Unterstützung vom Irak." Wolfowitz wollte es nicht wahrhaben.

Buch-Tipp

Buch-Tipp Richard Clarkes Buch "Against All Enemies - Der Insiderbericht über Amerikas Krieg gegen den Terror" erscheint jetzt auf Deutsch. Verlag Hoffmann und Campe, 19,90 Euro.

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