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Folter in Mannheimer US-Kaserne?

Das US-Militär soll in Mannheim Terrorverdächtige festgehalten haben, die Generalbundesanwältin ermittelt. Der Verdacht beruht nur auf den Aussagen eines Hörensagen-Zeugen. Aber in Mannheim waren nach stern.de-Recherchen schon früher Kriegsgefangene einquartiert.

Von Hans-Martin Tillack

Es ist das größte Gefängnis der US-Armee in ganz Europa, und es steht in Mannheim-Sandhofen. Weit hinter den Toren der US-Kaserne "Coleman Barracks" ragt ein Maschendrahtzaun zweieinhalb Meter in die Höhe, gekrönt von Stacheldraht. Bis zu 236 Gefangene finden hier Platz.

Hinter diesen Zäunen soll sich im Sommer eine unglaublich klingende Geschichte abgespielt haben. Drei Arabisch sprechende Männer Anfang 30, angeblich Terroristen, seien von April bis Anfang September festgehalten worden. Nicht nur dies: Man habe sie auch mit Elektroschocks an ihren Genitalien traktiert. Dafür seien extra Spezialisten eingeflogen, die die lokalen Soldaten für CIA-Leute hielten.

Bei Nacht und Nebel ausgeflogen

Wegen dieses Verdachts - der von der US-Armee scharf dementiert wird - lässt Generalbundesanwältin Monika Harms in Karlsruhe seit gut zwei Wochen ermitteln. Am Mittwoch vergangener Woche verhörten ein Staatsanwalt und zwei Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) den Mann, der die Anschuldigungen verbreitet - unter Berufung auf einen Augenzeugen, den außer ihm freilich bisher keiner gesehen hat. Der Hörensagen-Zeuge heißt Peter Wright, er ist gebürtiger Schotte und lebt seit 26 Jahren in Deutschland. Der 44-jährige Elektroingenieur und bekennende Grüne leitet in seiner Freizeit einen Club von Radioastronomen - und er verteilt regelmäßig Anti-Kriegs-Flugblätter im örtlichen Rhein-Neckar-Einkaufszentrum.

Dort, so Wright zu stern.de, habe ihn am 9. August ein junger Gefreiter der US-Armee namens John Pierce angesprochen. Der habe ihm die Geschichte mit den misshandelten Arabern erzählt. Insgesamt sechs mal will Wright den schlanken, mittelgroßen US-Soldaten von der 18th Military Police Brigade getroffen haben, zuletzt am 21. September. Ende April, so habe es Pierce erzählt, sei er zur Bewachung der Araber nach Mannheim verlegt worden. Alle drei seien am 3. September bei Nacht und Nebel ausgeflogen worden. Zuvor habe man ihnen Säcke übergestülpt und mit Kabelbindern befestigt. Drei Tage später kündigte US-Präsident George Bush die Auflösung der CIA-Geheimgefängnisse an.

Scharfe Dementis der US-Armee

Am 13. September erstattete Wright Strafanzeige bei der Mannheimer Staatsanwaltschaft. Die gab das Verfahren am 21.September an die Generalbundesan-waltschaft ab. Elf Tage später, am 24. September, warteten Wright und acht weitere Anti-Kriegs-Aktivisten am Mannheimer Hauptbahnhof auf Pierce. Angeblich wollte er an diesem Tag Fahnenflucht begehen. Aber er kam nicht. Wright fürchtet nun, der US-Soldat werde in der Kaserne festgehalten.

Die US-Armee dementierte die Vorwürfe scharf. Es gebe überhaupt keinen John Pierce "in dieser Einheit", sagte Elizabeth Hibner von der US-Armee zu stern.de. In dem Mannheimer US-Gefängnis seien keine Terrorverdächtige festgehalten worden, sondern ausschließlich US-Soldaten - wozu das US-Militär laut Stationierungsabkommen berechtigt ist.

Auch Chalid Scheich Mohammed festgehalten?

Die britische Rechtshilfeorganisation "Reprieve" veröffentlichte jetzt ganz ähnliche Vorwürfe, die freilich ebenfalls nur auf Zeugen vom Hörensagen beruhen. Einer davon ist der Guantanamo-Häftling Binyam Mohamed. Ihm sei gesagt worden, man habe einen der mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, Chalid Scheich Mohammed, in einem US-Gefängnis auf einer Luftwaffenbasis in Deutschland für Verhöre festgehalten. Ähnliche Aussagen gibt es laut "Reprieve" von einem weiteren Guantanamo-Häftling.

Die Bundesregierung reagierte mit einem klaren Dementi. "An diesen Vorwürfen ist nichts dran", sagte der Vize-Regierungssprecher Thomas Steg. Derartige Einrichtungen gebe es nicht in Deutschland, und es habe sie auch nicht gegeben.

Zwei Serben interniert

Diese Aussage ist nach Recherchen von stern.de möglicherweise etwas zu weitgehend. Tatsächlich hatte das US-Militär bereits im Jahr 1999 nach eigenen Angaben zwei serbische Kriegsgefangene in Deutschland festgehalten - und zwar in dem Militärgefängnis in den Mannheimer "Coleman Barracks". Beide waren im Kosovo von der Befreiungsbewegung UCK gefangen genommen worden. Laut offizieller Pentagon-Presseerklärung wurden sie im Mai 1999 freigelassen und an Belgrader Rot-Kreuz-Leute übergeben.

Die US-Armee versichert, dass diese Operation von der Bundesregierung genehmigt gewesen sei. Doch es gibt merkwürdige Widersprüche in den offiziellen Aussagen. Während das Pentagon von zwei Kriegsgefangenen sprach, ist dem Auswärtigen Amt in (AA) Berlin nur die Haft eines Serben bekannt. Diese sei vom Bundeskanzleramt genehmigt gewesen, sagte eine AA-Sprecherin stern.de.

"Hard Time in Mannheim"

Im Fall der beiden Serben hatte das Pentagon seinerzeit versichert, dass beide Männer im Einklang mit der Genfer Konvention zur Behandlung von Kriegsge-fangenen behandelt worden seien. Sie hätten sogar das Recht gehabt, Post zu empfangen und zu verschicken. Dieses klare Bekenntnis zur Genfer Konvention gilt in den USA seit dem Terroranschlag vom 11.September 2001 freilich nicht mehr. Bereits im Oktober 2000 hatte das amerikanische Militär auch öffentlich eingeräumt, dass in der "Mannheim Confinement Facility" (MFC) neben US-Soldaten auch "ausländische Kriegsgefangene" festgehalten werden. Unter dem Titel "Hard Time in Mannheim" beschrieb damals eine US-Armeezeitung, wie es in der Haftanstalt zugehe. Mindestens die ersten 72 Stunden lang müssten die Gefangenen im so genannten "D-Block" in Mini-Zellen ausharren. Die sind lediglich 1,80 auf 2,50 Meter groß und nur mit einem Bett, einem Waschbecken und einer Toilette möbliert. Bücher oder Zeitungen sind den Gefangenen nicht erlaubt. Zugleich sind sie unter ständiger Kameraüberwachung.

Auch in Abu Ghraib tätig

Die Kaserne, ein früherer NS-Fliegerhorst, hat einen eigenen Flughafen, über den sich Gefangene ein- und ausfliegen lassen. Unstrittig ist auch, dass die in Mannheim stationierte 18th Military Police Brigade beim von US-Präsident George Bush lancierten "Krieg gegen den Terror" in vorderster Front steht. Nach dem Einmarsch in den Irak hielten die Brigadiers ab März 2003 in dem arabischen Land nach eigenen Angaben 3600 Kriegsgefangene unter Verschluss - und nahmen 2400 "Kriminelle" fest. Männer der Brigade waren im Skandalgefängnis Abu Ghraib in Bagdad im Einsatz. Mehrere Brigadeangehörige starben im Irak-Krieg, einer davon bei einem Anschlag auf Abu Ghraib.

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