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Kernkraft spaltet die Welt

Die Kanzlerin lädt zum zweiten Atomgipfel, doch mit der Kehrtwende steht Deutschland nahezu allein: Das Gros der Staaten hält an der Kernkraft fest, China und Indien rüsten auf. Eine Übersicht.

Das Atomdesaster in Japan bewegt bislang nur wenige Staaten zu einem echten Umdenken in der Energiepolitik. Zwar wollen die meisten Regierungen ihre Meiler noch einmal überprüfen lassen, doch so radikal wie Deutschland schwenkt bislang kaum jemand um.

China - Ausbau auf 40.000 Megawatt

Der Nationale Volkskongress beschloss nur wenige Tage nach den Atomunfällen in Japan einen massiven Ausbau der Kernenergie. Laut dem zwölften Fünfjahresplan sollen bis 2015 Anlagen mit einer Kapazität von 40.000 Megawatt gebaut werden. "Wir können von Japan lernen und werden einige Lektionen in unseren Aufbau der Atomenergie einfließen lassen", sagte Vizeumweltminister Zhang Lijun am Rande des Volkskongresses in Peking. "Chinas Entschlossenheit zur Entwicklung der Atomenergie und alle diesbezüglichen Pläne werden sich nicht ändern." Bislang stehen im Land 13 Reaktoren.

Bis September 2010 waren bereits 34 weitere Atomanlagen genehmigt, 25 davon sind schon im Bau. Beobachter glauben aber, dass es auch in China hinter den Kulissen eine Debatte über die Zukunft dieser Energieform geben wird. Auch hier bebt die Erde - erst kürzlich erschütterte ein Beben der Stärke 5,8 die Provinz Yunnan.

Indien - Mega-AKW geplant

Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh kündigte eine Überprüfung aller Reaktoren auf Erdbeben- und Tsunamisicherheit durch die Atomenergiebehörde und die staatliche Betreiberfirma an. Der stramme Atomkurs der Regierung steht bisher aber nicht infrage. Indien hat gerade seinen 20. Reaktor in Betrieb genommen. In der Stadt Madban plant die Regierung das größte Kernkraftwerk der Welt: sechs Reaktoren, 9900 Megawatt. Bis 2032 will sie die Atomstromproduktion verdreizehnfachen. Proteste dagegen gibt es zurzeit kaum.

USA - Moratorium gefordert

In den Vereinigten Staaten forderten prominente Politiker in Washington ein Moratorium für den Bau neuer Kraftwerke, stellten deren Sinn aber nicht grundsätzlich infrage. "Die tragischen Ereignisse, die nun in Japan ablaufen, könnten sich sehr leicht auch in den Vereinigten Staaten zutragen", sagte der Demokrat Ed Markey, Energieexperte im Repräsentantenhaus. Auch der unabhängige Senator Joe Lieberman riet, "die Bremse zu ziehen".

Für Präsident Barack Obama ist Atomstrom fester Bestandteil der angestrebten Energiewende. Die US-Regierung hat die Laufzeiten Dutzender bestehender Kraftwerke verlängert. Zurzeit prüfen die Behörden Anträge für den Bau 20 neuer Reaktoren in den nächsten 20 Jahren. Obama hat von der Regierung gedeckte Kredite in Höhe von 8,3 Milliarden Dollar für eine neue Anlage in Georgia zugesagt.

Die USA beziehen 20 Prozent ihrer Elektrizität aus den 104 Reaktoren im Land. 31 davon sind baugleiche Modelle wie der japanische Unglücksreaktor in Fukushima. Sorgen bereiten Atomskeptikern nun vor allem vier Reaktoren im erdbebenanfälligen Kalifornien.

Russland - keine Planänderung

Russland setzt den vorgesehenen Bau von 26 Atomkraftwerken fort. "Wir werden unsere Pläne nicht ändern, aber Schlüsse daraus ziehen, was momentan in Japan passiert", stellte Regierungschef Wladimir Putin klar. Russland strebt eine führenden Position auf dem Weltmarkt für Nuklearenergie an und baut unter anderem in Indien und China Reaktoren. Daheim soll der Atomstrom-Anteil von derzeit 16 Prozent auf 33 Prozent bis 2030 wachsen. Der nächste Meiler soll im Gebiet Kaliningrad (früher Königsberg) errichtet werden, mithilfe von Siemens.

Frankreich - AKW-Land ohne Selbstzweifel

Seit der Japan-Katastrophe verbreitet die französische Regierung die Botschaft, dass die dortigen Ereignisse ihr immenses Atomprogramm nicht infrage stellen. "Die zivile Kernkraft dient unserem Land, vor allem weil sie uns relative Unabhängigkeit verschafft", erklärte Industrieminister Éric Besson. Frankreich hängt wie keine andere Nation in Europa an der Kernkraft, die rund 80 Prozent des Stroms liefert.

Gegner fanden bisher kaum Gehör, selbst in den letzten Jahren, als sich Störfälle häuften. Erst kürzlich beschloss die Regierung die Laufzeitverlängerung für alte Anlagen ohne großes Aufsehen. Dabei ist das Gros der 58 französischen Meiler älter als 25 Jahre und weder gegen Terroranschläge noch Flugzeugabstürze oder Erdbeben ausreichend gesichert.

Großbritannien - von Japan lernen

Energieminister Chris Huhne startete eine offizielle Untersuchung. Eine Kommission soll aus den Vorfällen in Japan ableiten, wie Großbritannien die Sicherheit seiner eigenen Reaktoren verbessern kann. Den geplanten Ausbau der Kernkraft stellt die Regierung nicht infrage. Erst im Oktober hat London neue Meiler an acht Standorten in England und Wales genehmigt. Zurzeit sind 19 AKW am Netz.

Schweiz - Atompläne ausgesetzt

Die Regierung in Bern hat die Bewilligung neuer Kraftwerke vorerst ausgesetzt. "Die Sicherheit und das Wohlergehen der Bevölkerung haben oberste Priorität", sagte Energieministerin Doris Leuthard. Bei den bestehenden fünf Kernkraftwerken leitet die Behörde für Nuklearsicherheit zudem eine vorzeitige Sicherheitsüberprüfung ein. Die Meiler wurden in den 70er-Jahren gebaut und sollten nun zum Teil ersetzt werden. Sie liegen teils nahe der deutschen Grenze. Zwei sind laut EU-Kreisen vom gleichen Typ wie Fukushima.

Schweden - kein Abschied vom Wiedereinstieg

Laut Premierminister Fredrik Reinfeldt hat Stockholm keine Pläne, seine Atompolitik zu überprüfen. Das Land beschloss 1980 in einem Referendum als erste Nation überhaupt den Atomausstieg, setzte diesen aber nie richtig um. 2009 erklärte Reinfeldts Mitte-rechts-Regierung dann den offiziellen Wiedereinstieg. Die zehn aktiven Reaktoren generieren 40 bis 50 Prozent des Stroms. Beim Reaktorunfall im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark am 25. Juli 2006 wäre es beinahe ebenfalls zu einer Katastrophe gekommen.

Polen - Baubeginn 2016

Regierungschef Donald Tusk hält an seinen Einstiegsplänen fest. Der Bau des ersten Atomkraftwerks soll 2016 beginnen. Möglicher Standort: Zarnowiec bei Danzig. Tusk sagte: "Wir dürfen nicht übertreiben. Polen liegt nicht in einer Erdbebenzone."

Türkei - Japan will AKW bauen

Die türkische Regierung will weiter AKW bauen lassen. Energieminister Taner Yildiz sagte, man werde die allerneueste Technologie einsetzen, wohingegen die in Japan zerstörte Anlage aus dem Jahr 1971 stamme. Eine japanische Delegation setzte ihre Verhandlungen über den Bau eines Atomkraftwerks bei Sinop am Schwarzen Meer fort. Ein weiteres AKW will Ankara am Mittelmeer bauen: vier Blöcke mit insgesamt 4800 Megawatt Leistung.

Italien - Wiedereinstieg liegt vorerst auf Eis

Nach 25 Jahren ohne Meiler wollte Italien die Kernenergie eigentlich wieder einführen. "Ich bin dagegen, Entscheidungen auf Basis von Gemütslagen zu treffen", hatte Justizminister Angelino Alfano noch kurz nach der Reaktor-Katastrophe in Japan gesagt. Doch nun liegen die Pläne der Berlusconi-Regierung vorerst auf Eis. Nach Angaben des Ministers für wirtschaftliche Entwicklung, Paolo Romani, will das Kabinett am Mittwoch ein einjähriges Moratorium verhängen.

Ursprünglich sollte 2013 der Grundstein für ein erstes AKW gelegt werden, das dann 2019 den Betrieb aufnehmen sollte. Umfragen zufolge sind die meisten Wähler gegen den Wiedereinstieg.

Südkorea - spricht von Sicherheit

Trotz der Vorfälle im Nachbarland denkt Seoul nicht an den Ausstieg. Südkorea habe eines der besten Sicherheitssysteme der Welt, sagte der stellvertretende Wissenschaftsminister Kim Chang-kyung. Beim Erdbeben vor Japan habe es keine Probleme mit den koreanischen Reaktoren gegeben. Erhöhte Strahlung habe man bislang auch nicht gemessen. Korea hat selbst 21 AKW am Netz; Konzerne wie Samsung und Hyundai gehören zu den Weltmarktführern beim Kraftwerkbau.

Australien - Atomeinstieg geplant

Das Land gehört zwar zu den größten Uranproduzenten, ein Kernkraftwerk besitzt es jedoch nicht. Um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, plant die Regierung den Atomeinstieg. Die Meiler sollen die Klimabilanz des Landes aufpolieren. Premierministerin Julia Gillard wollte die Atompolitik im Lichte der japanischen Katastrophe noch nicht bewerten. Eine Debatte müsse später geführt werden.

Spanien - Regierung in Erklärungsnotstand

Die sozialistische Regierung wollte ursprünglich bis 2024 aus der Kernenergie aussteigen. Im vergangenen Jahr gab sie den Plan auf, die AKW nach einer Laufzeit von 40 Jahren abzuschalten. Der Meiler von Garoña bei Burgos, dessen Betriebszeit in diesem Jahr abläuft, erhielt die Genehmigung, bis 2013 am Netz zu bleiben. Das Kraftwerk ist - ebenso wie der Meiler von Cofrentes bei Valencia - fast baugleich mit der japanischen Anlage in Fukushima. Die acht AKW produzieren ein Fünftel des spanischen Stroms.

Der GAU in Japan kommt für die Regierung zu einem aus ihrer Sicht ungünstigen Zeitpunkt. Wirtschafts- und Finanzministerin Elena Salgado warnte vor übereilten Reaktionen. "Wir sollten uns bei den Entscheidungen über die Nutzung der Kernenergie nicht von besonderen Vorkommnissen leiten lassen", sagte sie. Die Sozialisten sind in der Atomfrage ebenso gespalten wie die oppositionelle Volkspartei. 2010 hatten die Parteien im Parlament vereinbart, die Diskussion auf 2015 zu verschieben.

C. Hecking, K. Beller, S. Muscat, C. Kühl,A. Tauber,L. Meier/FTD
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