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Neda, die Märtyrerin

Während die Gewalt im Iran eskaliert, kursieren im Netz Bilder von Gejagten, Geschlagenen und auch Getöteten. Aber was hat eine junge Frau davon, dass die Welt ihr beim Sterben zusehen kann? Ein lautes Nachdenken.

Von Sophie Albers

Das Video ist 53 Sekunden lang und der Qualität nach zu urteilen, mit einem Mobiltelefon aufgenommen. Eine junge Frau in weißen Turnschuhen, Jeans und schwarzem T-Shirt liegt auf der Straße und blutet aus der Brust. Um sie herum knien Männer, die versuchen, die Blutung zu stoppen. Der Mensch mit der Kamera geht um sie herum. Das Gesicht der Frau ist zu sehen. Ihre Augen verdrehen sich, sie blutet plötzlich aus Mund und Nase, der Kopf kippt zur Seite. Die Männer fangen an zu schreien. Sie ist offensichtlich tot.

Die Hintergrundinformationen zu diesen Bildern, die sich rasend schnell im Netz verbreiten, doch kaum zu verifizieren sind, bleiben chaotisch. Sie reichen von "ein 16-jähriges Mädchen namens Neda, am 20.6.2009 erschossen von der Basidsch (iranische paramilitärische Sicherheitskräfte)" bis zu "Video vom Tod einer jungen Frau, gefilmt von einem 16-Jährigen, gepostet von einer Twitterin namens Neda."

Es gibt außerdem eine Videobeschreibung, die angeblich von einem Arzt stammt, der vor Ort war, und noch versuchte, der Frau zu helfen: Demnach stand "Neda" am Samstag um 19:05 Uhr neben ihrem Vater an der Karekar Avenue in Teheran und beobachtete eine Demonstration, die etwa einen Kilometer entfernt vorbeizog, als der Schuss sie traf. Der Schütze, angeblich ein Basidsch-Mitglied, hatte sich auf einem Dach versteckt und der Frau direkt ins Herz geschossen. "Die Wucht des Schusses war so heftig, dass die Kugel in der Brust des Opfers zerplatzte. Sie starb innerhalb von zwei Minuten", so der Text. Ein Freund habe die Aufnahmen gemacht, heißt es weiter. Die Beschreibung endet mit den Worten "Bitte informieren Sie die Welt".

Das ist geschehen, wobei die genauen Umstände bereits Nebensache sind. Dieser gewaltsame Tod am Samstagabend hat eine eigene Bedeutung bekommen. Der Protest hat nun eine Märtyrerin. Und auch, wenn der Name möglicherweise ein falscher ist, wird er bleiben: Neda heißt auf Persisch "die Stimme, die von Gott kommt". Laut CNN ist der Name bereits zum Protestruf geworden. Bleiben wird wohl auch das Märtyrerbild: ein blutüberströmtes Gesicht mit brechendem Blick.

Die reine menschliche Tragödie, dass ein junger Mensch eines gewaltsamen Todes stirbt, wird in den Hintergrund gedrängt. "Neda" stirbt in der Weltöffentlichkeit. Immer wieder. Auf Twitter, Youtube, Facebook und zahlreichen anderen Webseiten wird ihr Sterben permanent wiederholt und so auch zum Tod all derer, die in diesen Tagen im Iran ihr Leben lassen. "Neda" wird ent-individualisiert, aus dem Menschen wird eine Figur. Zum Unbehagen beim Betrachten der realen Gewalt kommt die Frage nach der Ethik. Ist es reiner Voyeurismus, Sensationsgier, diese Bilder zu betrachten? Oder schenkt das Märtyrertum "Neda" ein neues, virtuelles Leben? Gibt ihrem Tod gar einen Sinn?

Der Welt mitzuteilen, zu was Menschen fähig sind, anderen Menschen anzutun, ist journalistische Pflicht. Die Publizistin Susan Sontag hat der Frage nach der Berechtigung von "Gräuelbildern" einen Essay gewidmet. In "Das Leiden anderer betrachten" 2005, Fischer Verlag kommt sie zu dem Schluss: "Bilder können nur die Hölle zeigen, nicht den Weg hinaus." Aber sie schreibt auch: "Das Bild sagt: Setz dem ein Ende, interveniere, handle. Und dies ist die entscheidende, die korrekte Reaktion."

Bilder bleiben Appelle, die aufrütteln gegenüber den Schrecken von Krieg und Terror, auch wenn sie davon nur einen abgeschwächten Eindruck hinterlassen, so Sontag. "Wir erwarten von einem Foto nicht, dass es unsere Unwissenheit hinsichtlich der Geschichte und der Ursache der Leiden behebt. (...) Solche Bilder können nicht mehr sein, als eine Aufforderung zur Aufmerksamkeit, zum Nachdenken, zum Lernen - dazu, die Rationalisierungen für massenhaftes Leiden, die von den etablierten Mächten angeboten werden, kritisch zu prüfen.

Einen Sinn hat "Nedas" Tod ganz sicher nicht, aber mindestens eine Bildunterschrift.

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