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Die unheilige Allianz von Tuareg und Islamisten

Die halbe Welt ist sich einig: Der Einsatz Frankreichs in Mali kam rechtzeitig. Gegen wen kämpfen die Franzosen dort? Und was hat der einäugige Terrorist Moktar Belmoktar aus Algerien damit zu tun?

Von Niels Kruse

  Ein ehemaliger al-Kaida-Kämpfer mit neuer Terrorgruppe: Moktar Belmoktar, genannt "der Einäugige"

Ein ehemaliger al-Kaida-Kämpfer mit neuer Terrorgruppe: Moktar Belmoktar, genannt "der Einäugige"

Das Geiseldrama in der Wüste ist noch nicht beendet, da kündigen die islamistischen Täter bereits die nächsten Aktionen an. Algerier sollen sich von ausländischen Einrichtungen fernhalten, lässt die "Brigade der Unterzeichner mit Blut" vielsagend ausrichten. Der rabiate Name allein macht wenig Hoffnung, dass künftige Terrorakte opferschonender ausgehen werden als das Blutbad auf dem Wüstengasfeld. Im Zweifel wird dafür der Kopf der Organisation sorgen, der in seiner Skrupelosigkeit sogar den Salafisten von al Kaida zu weit gegangen war. Sein Name: Moktar Belmoktar, genannt "der Einäugige".

Glaubt man den vielen, wenn auch ungenannten, Quellen, dann wurde der Algerier erst vor wenigen Monaten als einer der Führer der Gruppe "al Kaida im Maghreb" abgesetzt. Er sei von "rechten Pfad" abgekommen, heißt es. Hintergrund soll die Art und Weise gewesen sein, wie er Geld für Waffen besorgt hatte: mit Hilfe von Drogenschmuggel, Diebstahl, Schutzgelderpressung und so weiter und so fort. Seine einträglichen Geschäfte mit illegalen Zigaretten hatten ihn den Beinamen "Mr. Malboro" eingebracht. Etwas koranfester hätten sich die radikalen Moslems seine Geldbeschaffung offenbar doch gewünscht.

Steinzeitislamismus ohne Musik, Alkohol und Tabak

"Brigade der Unterzeichner mit Blut" ist eine von diversen Organisationen, die seit Jahren die Sahel- und Saharazone unsicher machen. Und enge Verbindung zu den Rebellen unterhalten, die im Norden Malis Angst und Schrecken verbreiten. Zu Tausenden fliehen die Bewohner in die malische Hauptstadt Bamako. Sie berichten von barbarischen Eiferern, die einfachen Dieben die Hände abhaken, junge Mädchen mit alten Männern verheiraten, Alkohol, Musik und Tabak verbieten und den eigentlich toleranten Muslimen Malis erbarmungslos ihren Steinzeitislam aufzwingen.

Seit einer Woche eilt Frankreich dem Rumpfstaat zur Hilfe, um den endgültigen Zerfall des Landes zu stoppen, die Herrschaft der Islamisten zu beenden und damit eine mögliche neue Brutstätte des Terrorismus zu verhindern. Zu viel erinnert an Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft. Oder an Somalia.

Iyyad ag Ghali - ein alter Bekannter Berlins

Eines der anderen bekannten Gesichter der Gotteskrieger ist ein guter Bekannter der deutschen Regierung. Iyyad ag Ghali. Vermutlich 58 Jahre alt, Kopf der gefürchteten Islamistengruppe Ansar Dine, wo er "der Stratege" genannt wird. Als 2003 in Mali 14 Menschen entführt wurden, darunter neun Deutsche, war ag Ghali der entscheidende Vermittler zwischen den Gangstern und dem Außenministerium in Berlin. Ehrhart vermutet, dass der Kontakt seitdem nicht mehr abgerissen ist. Was bei der aktuellen Auseinandersetzung hilfreich sein dürfte. "Denn militärisch allein wird der Konflikt nicht zu lösen sein, es muss vor allem eine politische Lösung her", sagte Hans-Georg Ehrhart vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik stern.de.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie al Kaida sich in Mali breitmacht und wofür die Tuareg schon seit 20 Jahren kämpfen

"Spirituelle Wiedergeburt" in Saudi-Arabien

Iyyad ag Ghali gehört zu den Tuareg, einer weiteren Gruppe, die den Norden des Landes unterjochen. Er steht für eine Fraktion der Rebellen, die sowohl die Abspaltung des Nordens vom Süden forcieren als auch einen muslimischer Gottesstaat errichten wollen. Letzteres war nicht immer so. Zwar kämpfte ag Ghali immer schon für die Autonomie des Nordens, mal gegen die Regierung in Bamako, mal mit ihr, mal mit den Islamisten, mal gegen sie, doch lange war er ein Rebellenführer, der nicht auch noch religiös verblendet war. Bis Mitte der 2000er hinein lebte er wie vieler Malier und Tuareg: säkulär, mit Alkohol und Tabak, im Wesentlichen ein recht westliches Leben. Doch dann ging ag Ghali nach Saudi-Arabien, erlebte dort seine "spirituelle Wiedergeburt" und kehrte als radikaler Moslem zurück.

Bei seinen alten Kampfgenossen von nordmalischen Unabhängigkeitbewegung MNLA kam dieser Sinneswandel nicht so gut an, weshalb er ihr den Rücken kehrte und die Gruppe Ansar Dine gründete. Ziel der Islamisten: Die Verbreitung der Scharia über ganz Mali. Dazu bot sich ein Kampfbund mit "al Kaida im Maghreb" gerade zu an. Der operiert im ganzen Norden Afrikas. In Mali, Mauretanien, Niger, Libyen. Und eben auch in Algerien, der Heimat Belmoktars. Wie so viele andere aktuellen und ehemaligen al-Kaida-Kämpfer hat er sich auf biologischem Weg in die dortige Bevölkerung verankert: "Sie heiraten die heimischen Töchter, gründen Familien und sind so Teil der Stammesgesellschaft geworden", sagt Hans-Georg Ehrhart. Was den Kampf gegen die Islamisten noch schwieriger mache als ohnehin schon.

Sie kämpften für Gaddafi und kehrten mit neuen Waffen zurück

Die neben al Kaida und Ansar Dine dritte große Gruppe der Rebellen, rekrutiert sich aus den Tuareg, ein teilweise nomadisch lebendes Volk, das traditionell in der Sahara- und Sahelzone lebt. Klassische Landesgrenzen spielen für sie kaum eine Rolle, weswegen Teile der Tuareg gutes Geld mit den Schmuggelrouten verdienen, die durch die Wüste führen. Andere wiederum wurden von Libyens verstorbenem Diktator Muammar al Gaddafi für seinen Kampf gegen die Aufständischen rekrutiert. Mittlerweile sind sie in ihre Heimat zurückgekehrt, ausgerüstet mit noch mehr und noch modernen Waffen. Deswegen ist es kein Zufall, dass sie erst nach dem Ende des Libyenkriegs damit begannen, erfolgreich den Norden Malis zu erobern und vergangenes Jahr den "Staat" Azawad ausriefen.

Ihr Wunsch und Streben nach Autonomie existiert schon seit rund 60 Jahren. Damals, als Mali in die Unabhängigkeit entlassen wurde, hatte Frankreich den Bewohnern der Region eine weitgehende Autonomie versprochen. Passiert ist nichts, die Nomaden berufen sich bis heute auf diese Zusage.

"Die Autarkie muss auf den Verhandlungstisch"

Ob der karge Norden allein überhaupt lebensfähig ist, diese Frage ist noch längst nicht beantwortet. Genauso wenig, ob eine weitgehende Autarkie Teil von Verhandlungen sein wird. Sicherheitsexperte Ehrhart jedenfalls plädiert dafür. "Die Angelegenheit muss auf den Verhandlungstisch, anders lässt sich der Konflikt nicht lösen." Doch die Tuareg, im besten Fall einfache Aufständische, im schlechtesten Fall Räuber und Erpresser, haben schon längst die Deutungshoheit an die Extremisten und religiösen Fanatiker verloren. Zudem sind und waren sie nie eine einheitliche Gruppe und ihre Loyalität gegenüber Verbündeten ist nicht sonderlich sprichwörtlich.

Was wiederum Vor- als auch Nachteil ist. "Im besten Fall gelingt es den Franzosen, die Tuareg oder Teile davon auf ihre Seite zu ziehen. Im schlechten Fall aber haben sie es dann mit einem wenig verlässlichen Partner zu tun", so Hans-Georg Ehrhart. So oder so - nicht nur der Hamburger Experte befürchtet, dass sich der Mali-Konflikt zu einem "kleinen Krieg" verhärtet, zu jahrelangen Scharmützel, die keine Partei entscheidend voranbringt. "In diesem Konflikt", da ist sich der Sicherheitsexperte sicher, "wird es keinen Sieger geben."

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