München, Hamburg, Berlin, Frankfurt. Seit Wochen ist Mohamed Ben Hmeda unterwegs, um mit anderen Exil-Libyern für die Freiheit seines Heimatlandes zu demonstrieren. Er ist überzeugt: "Wenn wir es jetzt nicht schaffen, ihn zu stürzen, wird sich Gaddafi fürchterlich rächen." Von Manuela Pfohl

Mohamed Ben Hmeda bei einem Gespräch in der Tagesschau© privat
Brennende Barrikaden, zerrissene Gaddafi-Fahnen an der verkohlten Fassade eines Hauses. Aufgefahrene Panzer, Tote, die durch die Straßen getragen werden, und dazwischen immer wieder Demonstranten, die ihre Forderungen skandieren: "Gaddafi muss weg."
Mohamed Ben Hmeda hat die Bilder der Revolution aus Tripolis, Bengasi und Brega schon ein Dutzend Mal gesehen und doch wühlen sie ihn immer wieder auf. Es ist seine Heimat, die da brennt. Tausende Kilometer vom sicheren Zuhause in Hamburg entfernt, in dem der 58-Jährige mit einem Laptop auf dem Schoß sitzt, das Internet nach den neuesten Infos filzt, auf seinem Facebook-Account Termine postet, am Handy Interviews gibt und die Aktionen der nächsten Tage plant. Denn Mohamed Ben Hmeda hat sich nicht weniger vorgenommen, als ein Teil der Revolution zu sein.
Seit 39 Jahren lebt der Exil-Libyer in Deutschland. Der studierte Volkswirtschaftler hat eine hübsche Wohnung, eine Frau, einen Sohn und eigentlich ein angenehmes Leben. Doch seit die Unruhen in Libyen begannen, hat er kaum noch Zeit. Im Flur stehen drei Reisetaschen, fertig gepackt mit Wechselsachen für den nächsten Einsatz. Eben noch war er mit einigen Landsleuten bei einer Demo in Frankfurt, danach stand die Unterschriftenaktion in München an, ein französischer TV-Sender hat angerufen und gefragt, ob er nicht etwas zur Lage in Libyen sagen könne, und für morgen muss eine Mahnwache vor der libyschen Botschaft in Berlin organisiert werden. Mal kommen zehn Leute, mal 100. Ben Hmeda sagt ihnen, dass Gaddafi ein Verbrecher ist, der über Leichen geht, und dass man sich gegen ihn verbünden müsse. Auch hier in Deutschland. Manche Zuhörer nicken, manche sagen "Wir haben andere Sorgen". Und manchmal fragt einer auch: "Warum bist du denn hier und nicht bei den Kämpfern in Libyen?"
Soll er ihm erzählen, dass er wegen seiner politischen Aktivitäten 1984 vom Gaddafi-Regime zum Tod verurteilt worden war? Dass der libysche Sicherheitsminister höchstpersönlich in Deutschland darauf gedrungen hatte, ihn auszuliefern, dass wenig später sein bester Freund auf offener Straße erschossen wurde und dass er, Mohamed, trotzdem wieder zurück nach Libyen will, sobald er seine Familie damit nicht mehr gefährdet?
Ben Hmeda sagt den Landsleuten: "Wir müssen nach vorne sehen. Es muss möglichst schnell eine provisorische Regierung gebildet werden, in der alle zivilen Kräfte vereint sind. Und es müssen Gesetze gemacht werden, die auf Gerechtigkeit zielen und nicht auf Rache." Menschlichkeit als Maxime.
Eine Überzeugung, die er schon als Schüler gewinnt. Er ist gerade 16, als Muammar al Gaddafi 1969 gegen König Idris putscht, sich zum Revolutionsführer ernennt und Oberbefehlshaber der Militärregierung wird. Die Jungs sollen in der Schule den Umgang mit Waffen lernen. Erziehung zum Hass, die Mohamed Ben Hmeda aus tiefstem Herzen ablehnt. Er geht in die elfte Klasse, fühlt sich den klassischen Werten des Humanismus verbunden und will nicht Krieg spielen. "Dann hieß es plötzlich, wer sich weigert, die Waffe in die Hand zu nehmen, bekommt auch keinen Abschluss. Das machte mir Angst."
Die Familie schickt den Sohn ins sichere westliche Ausland. Er soll seine Chance auf eine Zukunft haben. An einem schönen Sommertag im Jahr 1972 landet der Flieger in Frankfurt. Ben Hmeda fährt schnurstracks zu Amnesty International nach Bonn, legt eine Liste mit Namen von verschwundenen libyschen Intellektuellen auf den Tisch und sagt, er wolle gegen das Regime Gaddafis kämpfen. "Die haben mich total verwundert angesehen. Ich war der erste Libyer, der direkt aus dem Land von Menschenrechtsverletzungen berichten konnte und Infos zur Lage der Opposition hatte." Ein Glücksfall für Amnesty und für Mohamed Ben Hmeda der Anfang seiner politischen Arbeit im Westen. Der Preis, den er dafür zahlt, ist allerdings hoch: "Ich hab meine Heimat nie wieder gesehen, und das letzte Treffen mit meinen Eltern war vor elf Jahren in Tunesien."