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Ein Massaker mitten in Madrid

Verbrannte Leichen, weinende Verletzte, verzweifelte Angehörige: Mitten im morgendlichen Berufsverkehr wurde Madrid von einer Anschlagserie mit fast 200 Toten erschüttert. Ungelöst blieb die Frage, wer hinter dem Blutbad steckt.

Die Opfer der verheerenden Anschläge in Madrid waren noch nicht alle geborgen, da wusste die spanische Regierung schon, wer das Blutbad angerichtet hatte. Bereits wenige Stunden, nachdem die Bomben in den Vorortszügen explodiert waren, machte Regierungssprecher Eduardo Zaplana die baskische Untergrundorganisation ETA für das Massaker verantwortlich. Die Zahl der Verletzten stieg derweil auf 1247. Rettungskräfte befürchten, dass auch die Zahl von bisher fast 200 Toten weiter zunimmt, da es viele Schwerverletzte in kritischem Zustand gebe.

Innenminister Angel Acebes bestätigte wenig später: "Wir haben keine Zweifel, dass es die ETA war. Die Organisation ist geschwächt, und da suchte sie die Aufmerksamkeit." Schon vor Wochen hatten die Sicherheitskräfte angesichts der bevorstehenden Parlamentswahl an diesem Sonntag vor einem großen Attentat gewarnt. Auch die Parteien der Opposition gingen davon aus, dass die ETA hinter den Anschlägen steckte.

Zweifel und ungelöste Fragen

Dennoch hegten viele Spanier gewisse Zweifel. Ein Blutbad von diesen Ausmaßen hatte es in der Geschichte der ETA noch nie gegeben. Im gesamten vorigen Jahr wurden bei ETA-Anschlägen in Spanien drei Menschen getötet. Seit 2000 wurden in Spanien und Frankreich rund 600 mutmaßliche ETA-Mitglieder festgenommen. Die Organisation musste für Anschläge auf junge und unerfahrene Terroristen zurückgreifen. Sie schien von Agenten der Sicherheitsdienste durchsetzt zu sein. Noch vor wenigen Tagen erklärten Politiker, die Separatistenorganisation stehe kurz vor dem Ende.

Woher nahm die ETA, wenn sie die Bomben in den Madrider Zügen wirklich gelegt hat, die Leute und das Know-how für die Anschlagserie? Die Basken-Partei Batasuna, die bis zu ihrem Verbot der politische Arm der Separatisten war, bestreitet, dass die ETA hinter den Attentaten steckte. Die ETA habe vor Bombenexplosionen immer telefonische Warnungen gegeben, sagte der Ex-Parteiführer Arnaldo Otegi. In Madrid habe niemand vor den Bomben gewarnt. Batasuna verurteilte ausdrücklich die Anschläge. Dies hatte die Partei sonst bei ETA-Attentaten nie getan.

Experten uneins über Urheber

Der Spanien-Experte Professor Anthony Gooch von der London School of Economics schloss eine Beteiligung von El Kaida an den Anschlägen nicht aus. Attentate wie die in Madrid "passten nicht in das Muster der ETA", sagte der britische Wissenschaftler. Vielleicht stehe das Massaker auch in Verbindung zum Irak-Konflikt. Spanien hatte den Krieg von Amerikanern und Briten im Irak von Anfang an unterstützt. Dagegen sieht der deutsche Terrorismusexperte Rolf Tophoven wenig Zusammenhänge zwischen den Anschlägen in Spanien und islamistischen Gruppen: "Es macht aus Sicht islamistischer Terrorgruppen wenig Sinn, in spanischen Nahverkehrszügen Bomben zu zünden."

Allerdings hatte es auch bei der ETA, die mit Mitteln des Terrors für einen unabhängigen Basken-Staat kämpft, schon Pläne für Bombenanschläge gegen die Zivilbevölkerung gegeben. Vor zehn Jahren sagte der damalige ETA-Chef Ignacio Gracia Arregui alias "Iñaki de Rentería": "Je mehr Tote wir auf den Tisch legen, desto eher wird die Regierung mit uns verhandeln." Am Heiligen Abend 2003 verhinderte die Polizei einen ETA-Anschlag auf einen Zug im zweitgrößten Madrider Bahnhof Chamartín. Vor knapp zwei Wochen stoppten Sicherheitsbeamte einen Lieferwagen mit 500 Kilogramm Dynamit, das die ETA für ein Attentat in die spanische Hauptstadt bringen wollte.

Der Tod hatte die Madrilenen auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule überrascht. "Ich erinnere mich nur noch daran, dass plötzlich alles in die Luft flog." Von der Druckwelle der Explosion schmerzen der jungen Frau noch die Ohren. Sie ist mit einem Vorortszug von der Universitätsstadt Alcalà de Henares nach Madrid gefahren. "Bei der Explosion dachten wir zuerst, die Hochspannungsleitung wäre auf den Zug gestützt war. Aber dann sahen wir, dass von einem Waggon nur noch das Gerippe geblieben war."

Ganze Waggons in Stücke gerissen

Die gewaltigen Explosionen haben ganze Waggons in Stücke gerissen, aus anderen sind die verzweifelten Schreie von eingeklemmten Opfern zu hören. Leichenteile liegen herum. "Zunächst glaubte ich, wir wären mit einem anderen Zug zusammengestoßen", berichtet Maricruz, eine Überlebende. "Doch als ich ausstieg, sah ich, dass einer der Waggons ein riesiges Loch hatte." Da es keine telefonische Warnung gab, hatten die Menschen in den Zügen keine Chance.

Verletzte Menschen mit blutüberströmten Gesichtern irren nach den verheerenden Bombenanschlägen durch die Straßen der spanischen Hauptstadt. Andere sitzen geistesabwesend und verloren auf dem Pflaster. Sie begreifen nicht, was geschehen ist. Ganz Spanien steht unter Schock. "Was für die Amerikaner der 11. September war, ist für uns Spanier nun der 11. März", sagt ein Fernsehreporter.

Vor dem Bahnhof Atocha rennt ein Mann unter Schock durch die Straße. "Diese verdammten Hurensöhne", schreit er, während er sich mit einem Taschentuch das Blut aus dem Gesicht wischt. "Was haben wir mit all dem zu tun?", fragt ein Mädchen unter Tränen. "Wir sind doch bloß Schüler, wir waren doch nur auf dem Weg zum Unterricht. Und nun haben meine Freunde zerfetzte Gesichter."

Verkehrschaos in Madrid

In der Millionenstadt bricht nach den Anschlägen ein Verkehrschaos aus, weil aus Sicherheitsgründen die U-Bahn und Nahverkehrszüge nicht mehr fahren. Die Terroristen hatten ihre Anschläge so geplant, dass dabei möglichst viele Menschen ums Leben kamen. Die Bomben detonierten zur Hauptverkehrszeit in drei voll besetzten Vorortszügen.

Die Krankenwagen der Hauptstadt reichen nicht aus, um die Hunderte von Verletzten in die Hospitäler zu schaffen. Viele blutende Opfer werden mit Linienbussen und Taxis in Krankenhäuser gebracht. Die Rettungsdienste haben in einer Schule und einer Sporthalle Lazarette errichtet.

Dort greifen die Notärzte zu einem Verfahren, das nur bei großen Katastrophen angewandt wird: Eingelieferte Schwerverletzte erhalten rote Etiketten als Zeichen, dass sie als erste behandelt werden müssen. Patienten mit unbekannten Verletzungen bekommen gelbe und Leichtverletzte grüne Schildchen. Tote werden mit schwarzen Etiketten gekennzeichnet. Die Leichen werden in die Hallen des Messezentrums am Rande Madrids gebracht.

Spontane Welle der Hilfsbereitschaft

Das Massaker löst eine spontane Welle der Hilfsbereitschaft aus. Zwei Stunden, nachdem die Krankenhäuser zum Blutspenden aufgerufen haben, wird bereits Entwarnung gegeben. "Es kamen so viele Freiwillige, dass unsere Bestände wieder ausreichen", sagt ein Sprecher des Gregorio-Maranon-Hospitals.

Während die Rettungskräfte eingeklemmte Menschen aus den Zügen bergen, bricht erneut Panik aus: "Alle in Deckung, alle in Deckung!", schreien Polizisten, die einen verdächtigen Rucksack entdeckt haben. Mit einer kontrollierten Explosion wird er unschädlich gemacht. Vor dem Atocha-Bahnhof decken Helfer die Leiche eines Jungen mit Zeitungspapier zu.

Hubert Kahl/DPA
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