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Generation Zorn

Randale im ganzen Land, im fernen Berlin wird sogar die Botschaft besetzt. Die Ausschreitungen in Griechenland haben den Tod eines 15-Jährigen zum Anlass, ihre Ursachen aber liegen tiefer. In dem Land ist eine ganze Generation zutiefst enttäuscht, ausgegrenzt, perspektivlos. Auf den Straßen Athens entlädt sich nun ihre Wut.

Von Niels Kruse

Exarchia ist einer dieser Stadtteile, wie es sie in so vielen Großstädten Europas gibt: Bewohnt von Studenten und Künstlern, beliebt bei Touristen wegen des bunten Nachtlebens und regelmäßig Schauplatz von Ausschreitungen zwischen Linken und der Polizei. Exarchia im Zentrum Athens aber ist eine Nummer härter als Berlin-Kreuzberg oder Malasana in Madrid: Schon seit vielen Jahren gilt das Quartier als "verbotene Stadt" für die Polizei. Sicherheitsbeamte, die sich hierher wagen, werden beleidigt und verjagt.

Mitten in der griechischen Hauptstadt regieren die Autonomen. Aber auch Drogenbanden. Es ist eine Art Deal, den die Polizei mit den Gruppen geschlossen hat: "Wir lassen Euch hier in Ruhe, dafür lasst ihr den Rest der Stadt in Ruhe", sagt ein Bereitschaftspolizist. Trotz dieser stillen Abmachung kommt es immer wieder zu Scharmützeln zwischen Polizei und Linken auf den Straßen Exarchias. Doch so heftig wie jetzt waren sie schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Auch damals, 1985, wurde ein Jugendlicher bei einer Demonstration in Exarchia erschossen. Und wie damals war das Opfer gerade einmal 15 Jahre alt. Michalis Kaltezas hieß der Junge, sein Tod war immer wieder Anlass für Zusammenstöße zwischen Polizei und Linksextremen. Ein Athener Journalist sagte, dieser Gewaltausbruch wundere ihn nicht, man habe es sich ja an fünf Fingern abzählen können, dass es einmal soweit kommen würde.

Hinter den Schüssen auf den Jugendlichen und die darauffolgende entfesselte Gewalt auf den Straßen Athens steckt offenbar mehr als ein bloßer "Dienstunfall" und die anschließende Empörung. "Dieser Mord ist ein brutales und unakzeptables Ereignis, das zeigt, dass wir ein hier ein größeres politisches Problem haben", schreibt Syriza, eine griechische linksradikale Partei in einer offiziellen Erklärung. In Griechenland gärt es schon seit längerem, nicht nur unter den linken Parteigängern. Die Mitte-Rechts-Regierung von Premierminister Kostas Karamanlis, die im Parlament nur über eine Ein-Stimmen-Mehrheit verfügt, ist durch eine Serie von Skandalen erschüttert. Zudem sind viele Bürger mit der Wirtschaftspolitik der Regierung nicht zufrieden. In Umfragen führen inzwischen die oppositionellen Sozialisten.

Besonders Jugendliche fühlen sich als die großen Verlierer. "In Griechenland ist Jugend schon beinahe ein Verbrechen", heißt es in der Erklärung von Syriza weiter. Sie werde nicht nur durch Kugeln getötet, sondern ebenso durch Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und die Vermarktung von Bildung. Freilich, das ist die linke Sicht. Doch sie wird von vielen jungen Griechen geteilt. Denn verhältnismäßig wenige von ihnen bekommen nach Ende ihres Studiums eine Arbeit. Der große Teil der Akademiker sieht sich vom Staat verraten. Einige von ihnen haben deswegen eine Bewegung gegründet: die "Generation 700 Euro". In ihrem Blog heißt es: "Wir sind die schweigende Mehrheit junger Griechen, im Alter zwischen 25 und 35, überarbeitet, unterbezahlt und verschuldet. Unser Ziel ist es, dieser und den folgenden Generation eine Stimme zu geben, um für unsere Rechte zu kämpfen."

Der Stadtteil Exarchia gilt dabei als traditionelles Widerstandsnest des modernen Griechenlands. Hier begann 1973 der Aufstand gegen die Obristenjunta, die ein Jahr später aus dem Amt gejagt wurde. In dem Viertel liegt auch das Polytechnikum, in das sich die Autonomen jetzt kurzzeitig verschanzt hatten. Nach griechischem Recht ist es der Polizei nicht erlaubt, das Hochschulgelände zu betreten. Viele derjenigen, die sich nun mit den Sicherheitskräften Schlachten lieferten, sind ebenfalls Studenten, oft auch aus gutbürgerlichem Haus. "Rebellen ohne Grund", nennt sie der Athener Hochschullehrer Jannis Panousis, "sie zünden Autos von Arbeitern an und halten das für revolutionär", sagte er einer griechischen Zeitung.

Doch nun sind auch viele Anwohner sauer auf die Autonomen und Linken. Hunderte Läden wurden ausgerechnet in der umsatzstarken Vorweihnachtszeit demoliert und teilweise auch geplündert. "Wir sind ruiniert", klagten einige Besitzer. Landesweit sind schätzungsweise mehr als 500 Geschäfte, Banken, Autohäuser und öffentliche Gebäude verwüstet oder schwer beschädigt worden. Wenn es nach dem Chef der konservativen Partei, Alexis Papahelas, ginge, dann soll bald Schluss sein mit dem Anarcholeben: "Die Ausschreitungen zwingen uns hier und jetzt, die Antwort auf die Frage zu finden, wie lange wir noch die Gesetzlosigkeit in diesem Stadtteil dulden."

Die Antwort darauf haben einige Linke gegeben und die nächsten Demonstrationen angekündigt. Und nicht nur frustrierte junge Griechen sind Ursache der ausufernden Gewalt, sondern auch eine falsche Taktik der Sicherheitskräfte. Mindestens in vier Fällen wurden dieses Jahr Polizisten wegen übertriebener Gewaltanwendung vom Dienst suspendiert. Internationale Menschenrechtsorganisationen werfen seit Jahren der griechischen Polizei vor, brutal vor allem gegen Flüchtlinge vorzugehen. Aus Protest gegen das Vorgehen der Polizei blieben nun auch alle Schulen geschlossen. "Viele Schüler haben die Gebäude besetzt. Wir Lehrer streiken für drei Tage", sagte der Präsident der Lehrergewerkschaft.

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