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Ein toter Botschafter und zwei Schuldige

Ausgerechnet am 11. September wurden die US-Vertretung in Libyen und Ägypten angegriffen wurde. Sicherlich kein Zufall. Die Verantwortung trägt jedoch nicht nur der aufgebrachte Mob.

Von Niels Kruse

  Botschafter Chris Stevens (l.) und Libyens Chef der Übergangsregirung Mustafa Dschalil (r.): Stevens hatte sich optimistisch über die Zukunft des Landes geäußert

Botschafter Chris Stevens (l.) und Libyens Chef der Übergangsregirung Mustafa Dschalil (r.): Stevens hatte sich optimistisch über die Zukunft des Landes geäußert

Vor zwei Monaten noch hatte sich der US-Botschafter in Tripolis, Chris Stevens, in einer E-Mail an Freunde extrem optimistisch über das "neue Libyen" geäußert. Die Menschen seien deutlich freundlicher, schrieb der Diplomat laut des US-Senders CNN, sie wären auch wieder offener gegenüber Ausländern, vor allem Amerikanern, Briten und Franzosen. "Es ist toll hier zu sein. Hoffentlich bleibt es so."

Es ist nicht so geblieben. Stevens und drei weitere Botschaftsangehörige starben in Bengasi, nach dem ein aufgebrachter Mob die diplomatische Vertretung der Vereinigten Staaten mit Brandbomben und Panzerfäusten angegriffen hatte. Auch in Kairo kam es zu Protesten, allerdings verliefen die wesentlich glimpflicher. Grund für den Zorn ist ein antiislamischer Film, der seit einigen Wochen auf Youtube zu sehen ist. Darin wird Prophet Mohammed als vertrottelter Weiberheld mit homosexuellen Neigungen dargestellt. Nicht nur für fromme Moslems ein unerhörter Affront.

9/11-Jahrestag am Tag der Attacke

Das billig gemachte, aber dennoch fünf Millionen Dollar teure Werk namens "Innocence of Muslims" (Die Unschuld der Muslime) kursiert bereits seit dem Sommer im Netz. Nachdem ein in den USA lebender, islamkritischer Kopte ihn auf seinem Blog veröffentlicht hatte und der Film daraufhin in arabischer Übersetzung erhältlich war, erregt er die Wut der Gläubigen. Es dürfte kein Zufall sein, dass das Zwei-Stunden-Video pünktlich zum 11. September lanciert wurde. Denn an diesem Datum jähren sich die Terroranschläge von 2001 zum 11. Mal - für radikale Muslime ein willkommener Anlass, ihrem Unmut gegenüber dem Westen im Allgemeinen und den USA im Besondern freien Lauf zu lassen.

Der Direktor des Berliner Orient-Instituts, Gunter Mulack, glaubt daher, dass der Sturm auf die libysche US-Botschaft organisiert gewesen ist. "Es war absehbar, dass viele Moslems wegen dieses Hetzfilms an die Decke gehen würden, eine radikale Minderheit hat ihn schlicht als willkommenen Vorwand ausgenutzt", sagte der Nahost-Experte zu stern.de. Mulack sieht aber auch die Macher des Films in der Verantwortung. "Die Autoren wussten natürlich, dass die Moslems überreagieren würden." Sie seien genauso zur Verantwortung zu ziehen, wie die libyschen Angreifer. Letztlich sind die Ausschreitung also Ergebnis eines Kampfes zweier extremer Minderheiten: von radikalen Islamhassern und radikalen Moslems.

Stevens starb an einer Rauchvergiftung

So sehen es auch US-Präsident Barack Obama und seine Außenministerin Hillary Clinton. In ihren Statements zu den Angriffen wiesen sie explizit darauf hin, dass die Attacke von "einer kleinen und wilden Gruppe - nicht der Bevölkerung oder der Regierung von Libyen begangen wurde." Einen Bruch der Beziehungen zwischen den USA und Libyen werde es deshalb nicht geben. Im Gegenteil: Die Führung in Washington lobte das Verhalten der libyschen Sicherheitskräfte. Sie hätten gemeinsam mit US-Kräften gegen die Angreifer auf das Konsulat gekämpft. Auch Botschafter Chris Stevens sei von Libyern in ein Krankenhaus gebracht worden, wo sein Tod festgestellt worden sei. Ursache: eine Rauchvergiftung.

Dass ausgerechnet der Botschafter in Bengasi ums Leben gekommen ist, sei laut Hillary Clinton deshalb tragisch, weil Stevens mitgeholfen habe, die Stadt während der Aufstände im vergangenen Jahr zu schützen. Zu der Zeit war er als Libyen-Kenner zum US-Sonderbotschafter ernannt worden. Seine Aufgabe war es, Kontakt zur Opposition und später zum nationalen Übergangsrat zu halten. "Er hat sein Leben riskiert, um den Menschen in Libyen zu helfen, die Grundlagen für einen neuen, freien Staat aufzubauen", so Clinton über den 52-Jährigen, der im Mai 2012 zum Botschafter ernannt wurde.

Ist die Protestwelle bereits verebbt?

Barack Obama kündigte an, die Verantwortlichen für diesen "nicht zu rechtfertigten Akt der Gewalt, zur Rechenschaft zu ziehen". Dabei wolle die USA auch mit der libyschen Regierung zusammenarbeiten. "Der Gerechtigkeit wird Genüge getan", so der US-Präsident. Sicherheitshalber entsendet die Regierung in Washington eine Antiterror-Einheit von Marineinfanteristen nach Libyen.

Ob die Gewaltwelle gegen die USA mit der Eruption am Dienstag ihren Höhepunkt erreicht hat oder wieder abebben wird, sei nach Ansicht von Nahost-Experte Gunter Mulack noch nicht abzusehen. "Entscheidend wird der Freitag sein." Traditionell finden sich in unruhigen Zeiten am islamischen Ruhetag viele Moslems nach den Gottesdiensten zu Demonstrationen zusammen. Mulack: "Wenn es nächsten Freitag ruhig bleiben sollte, dürften die größten Proteste überstanden sein."

mit Agenturen

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