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14. Oktober 2009, 16:00 Uhr

Tod in der Provinz

Während an der Wall Street wieder Milliarden gescheffelt werden, gehen in den kleinen Städten Amerikas die Geldhäuser reihenweise pleite. Eine Reise an einen vergessenen Ort der großen Geldschmelze. Von Sebastian Bräuer

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Während an der Wall Street wieder Milliarden verdient werden, gehen die Provinzbanken pleite© Justin Lane/EPA

Am Arbeitsplatz von Joe Brannen ist die Krise noch nicht angekommen. Der Chef des Bankenverbands von Georgia residiert in einem säulenverzierten Prachtbau im Zentrum von Atlanta, Marmorwände und Teppichboden in der Eingangshalle, Kronleuchter an der Rezeption. Seinen Schreibtisch und sein Büro zieren kostbare goldene Briefbeschwerer und antike Skulpturen.

Doch der Verbandschef hat ein Problem. In keinem US-Bundesstaat sind seit Beginn der Finanzkrise so viele Banken kollabiert wie in Georgia. 23 Institute mussten seit Anfang 2008 dichtmachen, davon 18 in diesem Jahr. Mehr als ein Fünftel der US-Banken, die in der Krise in Konkurs gingen, hatten ihren Sitz in Georgia. Und das Schlimme: Es wird noch eine Weile so weitergehen. Hier, fernab der Börsenzentren, kämpfen Dutzende Banken ums Überleben. Immer noch.

Während an der Wall Street bereits wieder Milliardengewinne eingefahren werden, während sich die Bankenplätze London und Frankfurt zusehends erholen, setzt sich die Krise abseits der Zentren ungebremst fort. 416 Regionalbanken stehen auf einer internen Todesliste des amerikanischen Einlagensicherungsfonds FDIC, viele davon kommen aus Georgia.

Wieso ausgerechnet Georgia?

Die Frage an den obersten Sprecher der taumelnden Branche lautet also: Warum haben sich ausgerechnet hier so viele Institute verzockt? Brannen holt weit aus. Er erinnert daran, dass es in Georgia 30 Jahre immer nur aufwärtsging. "Es gab keinen Grund zu glauben, dass das nicht so weitergehen würde", sagt er. Niemand habe doch die Krise in ihrer vollen Schärfe vorhergesagt. "Die Banken hatten also keinen Grund, sich anders zu verhalten."

Bis zur Mitte des Jahrzehnts war der Großraum Atlanta eine Boomregion. Die ansässigen Großunternehmen wie Coca-Cola , Delta Air Lines oder CNN expandierten, den mittelständischen Firmen ging es prächtig. Die Zahl der Einwohner stieg von Juli 2000 bis Juli 2005 um 15 Prozent. In dieser Zeit entstanden 315.000 neue Häuser, mehr als in allen anderen US-Metropolen. Atlanta, die Olympiastadt von 1996, erlebte ein regelrechtes Wirtschaftswunder.

Und in diesem Umfeld geriet der Bankensektor aus allen Fugen. In Georgia passierte im Kleinen, was sonst auch im Großen geschah - nur geballt auf engstem Raum. Die Hoffnung, über die Vergabe von Krediten am Bauboom teilzuhaben, führte zum Exzess: Seit 2000 wurden in Georgia 112 neue Banken gegründet, Ende 2008 operierten in dem Bundesstaat, der nicht einmal 10 Millionen Einwohner hat, 334 Institute - die Vertretungen der Großbanken nicht mitgerechnet. Viele der Häuser konzentrierten sich auf wenige Geschäftsbereiche, sie vergaben Darlehen an bauwillige Unternehmen oder an einkommensschwache Haushalte. Das war hochriskant. Aber an eine Krise dachte damals niemand.

Dieser Artikel wurde übernommen... ...aus der aktuellen Ausgabe der Financial Times Deutschland

 
 
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