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12. März 2008, 17:21 Uhr

Ein Mann der Träume

Schon jetzt gilt er als Gewinner der amerikanischen Vorwahlen: Barack Obame. Je größer seine Chancen sind, als erster Schwarzer ins Weiße Haus einzuziehen, umso lauter wird die Frage: Was wird er mit der Macht anfangen, wenn er sie denn bekommt?

Nach einem Jahr täglichen Wahlkampfs wirkt Obama älter, erfahrener, ernsthafter© Matt Rourke/AP

Jetzt werden selbst Kongresszentren zu klein. Alle wollen ihn sehen, ihn hören, aufgehen in seiner Erlöser-Show. Convention Center Fort Worth, Texas. Ganze Straßenblocks sind abgesperrt, berittene Polizei steht bereit. Schnüffelhunde, Metalldetektoren, Secret-Service-Agenten. Seit zehn Monaten beschützt ihn ein Kommando der Leibgarde, die sonst nur für Präsidenten abgestellt wird. Zwei Stunden vor Barack Obamas Ankunft sind die 13 000 Plätze besetzt. Gesichter jeden Alters, jeder Hautfarbe, TShirts mit Aufdrucken wie: "Der Traum wird wahr", "Mütter für Obama", "Männer für Obama". Ein Gospelchor singt, ein Sopran stimmt die Nationalhymne an. Dann lässt die Regie seine Stimme aus Lautsprechern erschallen. Im Jubel sind nur Satzfetzen zu verstehen. "Von Nord nach Süd." "Von Ozean zu Ozean." "Zukunft." Immer lauter skandieren die Menschen jene drei Wörter, mit denen er das Land verändern will: "Yes. We. Can!" Ja. Wir können es schaffen. Erst jetzt taucht er auf. Aus einem Meer blauer Wahlplakate.

Obama füllt die ganz großen Säle

Barack Obama hat eine knappe Stunde. Und er weiß, es ist höchste Zeit, die Wirklichkeit in seinen Wahlkampf einzuführen. Also bemüht er sich an diesem Abend in Fort Worth, all die Erwartungen auf Erlösung zu dämpfen und das Wort "Hoffnung" zu vermeiden. Erklärt, dass er den Irak-Krieg "verantwortungsvoll" beenden und in Afghanistan ganz sicher al Qaeda besiegen wird. Präsentiert seine Ideen zur Energiepolitik und zur Reform der Krankenversicherung. Und dann sagt er noch, dass er selbst als Präsident wohl nicht alles erreichen könne, was er sich vorgenommen habe. "Aber wir können einen Anfang machen."

Ein Lätzchen für die Südstaatenküche: der Kandidat in einem Restaurant in New Orleans, Louisiana© Callie Shell/ Aurora

Doch seine Anhänger in der großen Halle wollen etwas anderes. Sie wollen Seelennahrung. Wort-Pralinen. "Ehrlichkeit." "Vertrauen." "Inspiration." Dann jubeln sie: "Yes. We. Can!"

Texas, Ohio, Rhode Island - überall im Land füllt Barack Obama die ganz großen Säle. Und doch scheint es in diesen Tagen manchmal, als werde er von seiner eigenen Botschaft überrollt. Ob er seinen Höhepunkt schon überschritten habe, wollen Reporter plötzlich von ihm wissen. Ob die Leute seiner Predigten nicht überdrüssig seien? "Ich werde von der Inspiration meiner Wähler getragen", sagt er dann ungnädig. "Und ich bringe sie dazu, sich zu engagieren. Das ist nicht dumm oder romantisch. Sind meine Wähler etwa geistig umnachtet? Oder habe ich sie übertölpelt?"

Es ist sein 383. Tag in diesem mörderischen Vorwahlkampf. Barack Obama, 46, hat mittlerweile vor Hunderttausenden gesprochen, Hunderte Veranstaltungen absolviert, in 20 Fernsehdebatten diskutiert. Seit Monaten ernährt er sich vor allem von Sandwiches mit gegrilltem Huhn. Sein Jackett schlackert, die Falten im Gesicht haben sich tiefer eingegraben. Das macht ihn älter, erfahrener, ernsthafter. Besser.

"Eine neue Art des Populismus"

Schon jetzt hat er Geschichte geschrieben. Er verwandelte die langweiligen Vorwahlen in eine Dauerparty der Demokratie. Noch nie gingen so viele Menschen zu den Wahlen, vor allem die Erstwähler stürmen die Wahllokale. "Er vertritt eine ganz neue Art des Populismus", heißt es im "Wall Street Journal". "Eine Wir-Bewegung gegen den Groll und die Verbitterung. Es gibt keine Bewegung in der amerikanischen Politik, die mehr Einheit schaffen könnte."

Bis zum "Super Tuesday" am 5. Februar hat Barack Obama in zehn Bundesstaaten in Folge gegen Hillary Clinton gewonnen. Sein Wahlkampfteam wird längst als "genial" gerühmt, er schlägt alle Spendenrekorde. Knapp 200 Millionen Dollar bislang, allein im vergangenen Monat erhielt er wohl mehr als 50 Millionen. "Wer in so kurzer Zeit solch eine Organisation auf die Beine stellen kann", lobt ein Parteitagsdelegierter, "der kann allemal eine gute Regierung bilden." Es scheint, als könne Hillary Clinton seinen Siegeszug nicht mehr stoppen.

"Wer nimmt den Hörer ab, wenn schlimmes passiert?"

Zuletzt hatten ihre Leute ein Foto Obamas in afrikanischer Volkstracht lanciert. Wollten suggerieren, er sei nicht amerikanisch genug, vielleicht doch ein Muslim? Schließlich hatten sie es noch mit einer furchteinflößenden Fernsehwerbung im Stil der Republikaner versucht: ein schlafendes Kind in tiefdunkler Nacht, eine besorgte Stimme. Wer nimmt im Weißen Haus den Hörer ab, wenn Schlimmes passiert? Bloß nicht Unerfahrene wie Obama, suggerierte der Spot.

Nur wenige Stunden später kam sein Konter: Sollte sich etwa Hillary Clinton melden, die angeblich so Erfahrene, die doch für den Irak-Krieg gestimmt hatte? Die Bilder zeigten einen nachdenklichen Obama auf dem Rasen vor dem Weißen Haus. Noch am selben Vormittag ließ er sich bei einer Diskussion mit texanischen Kriegsveteranen filmen. Um zu zeigen, dass er sich in Fragen der nationalen Sicherheit von niemandem verleumden lässt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 11/2008

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