Die ganze Welt hat 2008 nach Amerika geschaut: Barack Obama war der ewige Außenseiter. Er wollte es weit bringen und war dafür bereit, es allen recht zu machen. Amerika hat ihn zum mächtigsten Mann der Welt gewählt. Offen bleibt, ob er nicht bloß smart, sondern auch hart sein kann. Von Jan-Christoph Wiechmann

Barack Obama beim Mittagessen mit Freunden in Honolulu, wo er Weihnachten verbrachte© Kent Nishimura-Pool/Getty Images
Es sind seine letzten Tage in jener Stadt, wo er die Liebe fand und den Glauben und den Einstieg in die Politik und mittendrin auch sich selbst. Er beginnt sie im Fitnessstudio eines Freundes und beendet sie mit Büchern über sein Vorbild Abraham Lincoln, und zwischendurch steht er im Chicagoer Hilton vor Journalisten, die wissen wollen, wie er Amerika nun retten will und dazu die Welt. Barack Obama blickt ausdruckslos, fast starr. Er mag die Fragen nicht, aber man sieht es ihm nicht an. Man sieht ihm nur selten etwas an. Er erzählt etwas vom Wandel im Neuanfang und vom Neuanfang der Hoffnung, er redet etwa zehn Minuten lang, aber danach kann man den Notizblock getrost wegwerfen. Obama ist ein Meister großer Reden, aber auch ein Meister des Nichtssagens. Er ist nicht mehr der Cheerleader der Nation, sondern der Präsident. Er kann sich jeder Situation anpassen - auch dieser.
Im Wahlkampf gab sich Obama noch als Antikriegskandidat, aber nun hat er sich Falken ins Kabinett geholt. Für ihn war die Clinton-Maschinerie ein Relikt der Vergangenheit, nun bedient er sich ebenjener Maschinerie. Er kündigte Steuererhöhungen für Reiche an, will das aber noch mal überdenken. Er bekommt viel Lob, selbst von Präsident Bush und Vizepräsident Dick Cheney, aber einige Demokraten fragen sich bereits, was das für ein Mann ist, der da ins Weiße Haus einzieht. "Er ist ein idealistischer Pragmatiker", sagt Obamas spiritueller Berater Jim Wallis. "Er ist eine freundliche Sphinx", sagt sein ehemaliger Boss Richard Epstein. "Er ist eine Mischung aus vielen Politikern", sagt Abner Mikva. Mikva, 82, sitzt in seinem Büro in Downtown Chicago, und wenn er grinst, sieht man die Spuren eines langen Lebens in der Politik. Es gibt Leute, die sagen, dass Obama nichts wäre ohne seinen Mentor, aber das sieht Mikva anders. "Barack wäre ohnehin dort oben angekommen, er hatte es lange vor." Wie lange? "Seit der Kindheit, glauben ja manche", sagt Mikva grinsend und lässt offen, wie ernst er es meint.
An einem Sommertag vor 15 Jahren betrat der schlaksige Harvard-Absolvent Barack Obama das Büro des ehemaligen Kongressabgeordneten Abner Mikva in der Michigan Avenue. Er strebte eine politische Karriere an und bat den einstigen Kennedy-Berater um Starthilfe. Je länger das Gespräch dauerte, desto klarer wurde Mikva: Da steht der junge JFK vor mir, das gute Aussehen, das Charisma, die Jugend - ein Rohdiamant, sehr roh noch. Du musst deinen Stil ändern, riet Mikva. Mehr Chicago, weniger Harvard. Mehr Martin Luther King, weniger Proust. Und - tat er es? "Obama sagte: Ich werde mein Bestes geben. Eine Woche später sprach er reinsten Chicago-Slang." Wenn man Mikva glauben darf, ging Obama das Projekt Weißes Haus an wie Hausaufgaben. Er studierte die Reden Kennedys und Kings, er sammelte Lebensläufe großer Staatsmänner wie andere Briefmarken, er umwarb Mentoren wie andere Männer Frauen. "Obama ist ein Mix verschiedener Leute", sagt Mikva. "Er bewundert Lincoln und Roosevelt sehr, weil sie bewiesen haben, wie man das Land durch harte Zeiten führt, will sie aber nicht zu oft zitieren. Er bewundert Gandhi, Mandela, und den Redestil hat er von Kennedy." Da hält Mikva kurz inne. Seine Liste klingt wie die Top 10 großer Staatsmänner, wie eine Gebrauchsanleitung fürs Weiße Haus, also fügt er schnell hinzu: "Barack lernt eben unglaublich schnell. Deswegen wird er als Präsident noch besser sein, als er als Wahlkämpfer war." Dieser Satz fällt so oft wie kein anderer in den Interviews mit Freunden, Förderern, Kollegen: Obama ist ein disziplinierter Lerner. Ein akribischer Arbeiter an sich selbst. So wie er die Mission Weißes Haus anging, werde er auch regieren: mit der Systematik eines Ingenieurs und dem eisernen Willen eines Athleten.
Es ist eine polyglotte Welt im Makiki-Distrikt von Honolulu, auf halbem Weg zwischen Amerika und Japan. In den Häusern in der Beretania Street leben Menschen aller Hautfarben und Konfessionen, Gestrandete aus aller Welt. Hier wuchsen in den 70er Jahren zwei Halbstarke heran, Brüder im Geiste, auf gemeinsamer Suche nach Mädchen und einer Identität: Keith Kakugawa und Barack "Barry" Obama, geboren am 4. August 1961, neun Monate nach dem Wahlsieg John F. Kennedys. Sie waren Farbige in einer bunten Welt, aber trotzdem zwei Außenseiter. Sie gingen auf die Eliteschule Punahou und fühlten sich nicht weiß genug für die Weißen. Sie verbrachten die Nachmittage auf Basketballfeldern und fühlten sich nicht schwarz genug für die Schwarzen. Keith entschied sich für die Rebellion, Barry für die Anpassung. Seine Mutter gab ihm Bücher über schwarze Idole, Thurgood Marshall und Sidney Poitier, aber er lernte lieber Shakespeare auswendig. "Die Menschen waren zufrieden, solang du höflich warst und lächeltest und keine plötzlichen Manöver gemacht hast", schrieb Obama in seiner Autobiografie. "Was für eine Überraschung, einen gut erzogenen jungen Schwarzen zu sehen, der nicht wütend ist." Damals lernte der sensible Junge die Lektion fürs Leben: Betrachte das Leben als Charmeoffensive. Greife die Weißen nicht an. Das Lächeln eines Schwarzen bringt dich viel weiter. "Barry versuchte schon damals zu vermitteln", sagt Kakugawa. "Aber er tat es nicht nur, um Streithähne zu trennen, sondern um sie mitzunehmen auf den Barry-Zug."
Kakugawa sitzt in einem mexikanischen Restaurant in einer seelenlosen Gegend von Sacramento. Er ist gerade aus dem Gefängnis gekommen, Drogendelikt. Sein Haar ist zerzaust, der nackte Bauch schaut unter dem Hawaiihemd heraus wie ein flauer Gummiball. Er sagt, ein Magazin habe ihm 30.000 Dollar geboten für dunkle Geheimnisse, aber die würde er nicht mal für drei Millionen preisgeben. In der Autobiografie ist Kakugawa die Antithese zu Obama. "Ich gab ihm den Resonanzboden für seinen Frust", schrieb Obama. "Das stimmt schon", sagt Kakugawa, "aber Barry trug viel mehr Wunden in der Seele, als er zugibt. Er fühlte sich oft allein, im Stich gelassen von seinem Vater, aber auch von seiner Mutter, die in Indonesien blieb. Die Verletzungen haben ihn geprägt. Sein Leben lang hat er nach einem Vater gesucht." Obama schrieb seine Memoiren schon als Student, in oft lyrischer Prosa. Er beschrieb sein Leben als quälende Sinnsuche, als Hindernislauf ins Glück - "Junkie, Kiffer, in die Richtung driftete ich". Er schuf eine fast mythische Figur, eine Geschichte des Überwindens jeglicher Widrigkeit, ohne die kein Film ein Hit wird und keine Biografie ein Bestseller, aber Kakugawa erinnert sich an manches anders. "Obama war nie ein Trinker oder Junkie. Er war immer der Schisser, keiner hat ihn je koksen sehen. Ich liebe ihn, aber er war alles andere als ein unsicheres, herumlungerndes Kind. Es ist alles ein bisschen zu dramatisch im Buch."
Neben Keith sitzt sein Vater Ken, ein alter Mann mit seligem Gesichtsausdruck. Eine Zeit lang war er die Figur, die es nie gab in Obamas Leben. Obamas kenianischer Vater tauchte nur einmal auf, da war er zehn. Sein Großvater, ein erfolgloser Versicherungsvertreter, taugte als Vorbild nicht. Barry verbrachte Tage bei den Kakugawas, er sehnte sich nach einem Mentor auf dem Gebiet, auf dem er am besten war: Basketball. "Er war besessen davon, Profi zu werden und es allen zu zeigen", erzählt der alte Kakugawa. "Als es nicht klappte, schob er es auf seine Hautfarbe. Das stimmte nicht. Er machte zu wenig Punkte." Als es mit dem Basketball auf Hawaii nicht funktionierte, nahm er das ganze Leben als Wettkampf. Er ging in ein 20-jähriges Trainingslager, das ihn auf den Olymp der Weltpolitik führte.
Er hat kaum geschlafen in der vergangenen Woche. Binnen drei Tagen ist Obama durch vier Zeitzonen gereist, drei Klimazonen, 12.800 Kilometer, und zurück ins Kongresszentrum von Chicago. Er sitzt auf einer großen Bühne vor 2500 Zuhörern, und im Raum steht eine heikle Frage: Wie wäre es mit Reparationen für die Nachkommen der Sklaven? Obama rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. "Bei der Frage kann ich nicht gewinnen", sagt er lächelnd. Sein Blick springt aus tiefer Ernsthaftigkeit in ein entwaffnendes Strahlen und wieder zurück. Selbst seine Mimik ist ihm untertan. "Die beste Reparation sind gute Schulen", sagt er schließlich, "die beste Reparation ist eine gute Gesundheitspolitik." Eine typische Obama-Antwort. Ein anderer Reporter fragt ihn nach dem Völkermord an Amerikas Ureinwohnern, und Obama rutscht noch ein bisschen unruhiger über seinen Stuhl. Sklaverei, Völkermord - er muss jetzt ins Tiefgeschoss der US-Geschichte. Er könnte sich mal bekennen, aber die Antwort ist wie sein Leben - ein Nichtangriffspakt: "Eine unserer größten Stärken ist doch, dass wir so unterschiedliche Geschichten haben und doch Amerikaner sind."
Obamas Sprache ist wie er selbst. Jedes Wort ist richtig gesetzt. Er sagt nicht immer viel, aber selbst seine Worthülsen klingen wie ein Gedicht. Und niemals zeigt er dabei irgendeine Schwäche, kein Augenrollen, keinen Wutausbruch, seine Selbstdisziplin ist so umfassend, dass er selbst die Kontrolle über seine Gefühle zur Chefsache macht. "Er ist Teilnehmer, aber auch Beobachter seiner selbst", sagt sein Chefberater David Axelrod. "Natürlich ist er auch mal wütend, aber er kanalisiert seine Wut und verwandelt sie in positive Energie", sagt Axelrod, und es klingt wie ein physikalischer Vorgang. David Axelrod, 53, und Obama haben die vergangenen zwei Jahre ständig zusammen verbracht, in Bussen, Flugzeugen, in nächtlichen Sitzungen. "Er hat mehr Zeit mit David verbracht als mit Michelle in 16 Jahren Ehe", sagt ein Mitarbeiter, "aber einen wahren Einblick in sein Seelenleben gibt Barack keinem." Axelrod steht nur einige Meter von Obama entfernt bei einem Wirtschaftsgipfel in Palm Beach. Auch über die kurze Distanz schicken sie sich eifrig Textbotschaften wie zwei Teenager. Manchmal kichert Axelrod. Manchmal sind Basketballergebnisse dabei. Vorn auf der Bühne betet ein Pfarrer: "Herr, lass uns ein Teil von Schicksal und Geschichte werden, leite uns auf den Höhenweg der Anständigkeit und schenke Barack Obama Weisheit und Güte als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Amen."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 01/2009
Obama über sich im Internet Lieblingsmusik
Miles Davis, John Coltrane, Bob Dylan, Stevie Wonder,
Johann Sebastian Bach: Cello-Suiten, The Fugees
Lieblingsfilme
Casablanca, Der Pate I und II, Lawrence von
Arabien, Einer flog übers Kuckucksnest
Lieblingsbücher
Toni Morrison: Solomons Lied
Herman Melville: Moby Dick
Taylor Branch: Parting the Waters
Marilynne Robinson: Gilead
Ralph Waldo Emerson: Self Reliance
Shakespeares Tragödien
Die Bibel
Lincolns gesammelte Schriften