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Großes fühlt sich anders an

"Go to Germany", empfahl John F. Kennedy vor 50 Jahren seinen Nachfolgern im Amt. Sein politischer Enkel Barack Obama ließ sich lange Zeit damit. Seine Rede vor dem Brandenburger Tor war freundlich.

Von Katja Gloger, Berlin

  • Katja Gloger

Ach, damals in Berlin, als die Welt noch wahre Hoffnungsträger hatte. Damals, als es noch um echte Visionen ging, Freiheit, all das. Damals, im Juni 1963, als John F. Kennedy auf Staatsbesuch in die Bundesrepublik kam und die Deutschen drei Tage lang in kollektive Verzückung versetzte.

"Ich bin ein Berliner". Seine in letzter Sekunde ins Redemanuskript gekrikelten vier Worte machen Geschichte, sie waren das Freiheitsbekenntnis, eine unverbrüchliche Verpflichtung der USA für die Sicherheit der Deutschen (West). Auch, wenn der Realpolitiker Kennedy damit die Machtverhältnisse des Kalten Krieges anerkannte: zwar war Berlin (West) Staatsinteresse der USA. Die Deutschen (Ost) hingegen würden sich mit der Mauer abfinden müssen.

Es war, trotz alledem, der Gipfel der deutsch-amerikanischen Freundschaft, ein Triumphzug, drei Tage wie im Rausch – allein in Berlin warfen die Menschen 20 Tonnen Konfetti und Papierschnitzel entlang Kennedys Wegstrecke. Die dankbaren Deutschen huldigten ihm, und der Präsident war so gerührt, dass er vor seinem Abflug erklärte: Er werde seinem Nachfolger einen versiegelten Brief im Oval Office hinterlassen - einen Brief, zu lesen, wenn die Lage besonders verzweifelt sei. Nur drei Worte stünden in diesem Brief, erklärte John F. Kennedy: "Go to Germany." Wir werden keine besseren Tage erleben als diesen, so lange wir leben, sagte Kennedy dann noch.

Europa hat die Telefonnummer des Kanzleramts

Go to Germany.

50 Jahre später ist sein zunächst als Kennedy des 21. Jahrhunderts gehandelter Nachfolger Barack Obama für insgesamt 25 Stunden auf seinen ersten – und wohl letzten – Staatsbesuch nach Deutschland gekommen. Bislang hatte er ein erstaunliches Desinteresse an den Tag gelegt, war schon achtmal in Europa, bevor er nach Berlin kam. Jetzt war Deutschland dran, alles andere wäre unhöflich gewesen.

Sein Besuch ist eine späte Genugtuung für Angela Merkel, eine Wahlkampfhilfe dazu und ein klares politisches Signal: die USA betrachten Deutschland als unverzichtbare Führungsmacht in Europa, seine eiserne Kanzlerin als Leitpolitikerin des Kontinents. Amerika hofft, dass der "zögerliche Hegemon" Deutschland (so sieht es das britische Magazin "Economist") dieser Führungsrolle endlich gerecht wird. Deutschland soll nun die schwächelnden Verbündeten in der EU führen - so wie früher die USA Deutschland geführt hatten.

Europa? Welche Telefonnummer hat dieses Europa? So kolportierte man in Washington ein wenig hämisch jenen Satz, der angeblich von Henry Kissinger stammt. Diese Frage, immerhin, scheint geklärt.

Der Glaubwürdigkeitskrise begegnen

Europa, seine Kanzlerin, soll also gestützt und unterstützt werden, das ist Obamas Berliner Botschaft: Auch die USA wollen ein starkes Europa als Gegengewicht zu China, der ehrgeizigen Großmacht auf dem Weg zur Supermacht - längst wandert globale Reichtum über Europa hinweg dorthin. Die USA orientieren sich Richtung Pazifik, Obama vollzieht jetzt "the pivot to Asia", die strategische Drehung Richtung Asien. Dazu gehört auch ein pazifisches Freihandelsabkommen, das nun ausgearbeitet werden soll. Europa gehört nicht zu den außenpolitischen Prioritäten der USA; und vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Amerika selbst ja immer weniger europäisch wird, seine Einwanderer kommen aus Mittelamerika und Asien.

Und die Deutschen? Ernüchtert, im besten Fall wohlgesonnen kritisch blicken sie auf diesen Präsidenten, entfremdet haben sie sich einmal wieder von Amerika, sind verstört angesichts Obamas harter Linie gegenüber "Whistleblowers" und seinen Lauschangriffen auf die Pressefreiheit. Sie sind empört über Drohnenangriffe und gigantischen globalen Schnüffelprogrammen der US-Geheimdienste, selbst auf G-20 Gipfeln lasen sie live E-Mails der Verhandlungsdelegationen, hackten sich in die Blackberries, hörten Telefonate ab.

Der emotionale Kern des transatlantisches Projektes ist verloren gegangen, so schreibt es Roger Cohen in der "New York Times". Amerika steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise, und diesem gefährlichen Defizit muss Obama begegnen.

Als erster US-Präsident auf der Ost-Seite - immerhin

Das also ist die Lage an diesem brütendheißen Mittwoch, es herrschen gefühlt hundert Hitzegrade, keinerlei Schatten, auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor sind 4000 Stühle aufgebaut, zur Rede des Präsidenten muss man eingeladen sein. Über Stunden warten die Gäste, Wasserbecher werden wie Notversorgung durch die Reihen gereicht, die Schüler der John-F.Kennedy School haben Butterbretzel geschmiert. Die Spitzendiplomaten des Auswärtigen Amtes sind gekommen, die Atlantik-Brücke hat gleich 60 der begehrten Tickets ergattert, das Kabinett ist angetreten, auch Peer Steinbrück und Claudia Roth sind da, heute tränenlos. Steinbrück durfte Obama auch noch treffen, 30 Minuten im Gebäude der Commerzbank gleich neben der US-Botschaft. Locker und entspannt war's, heißt es.

"The Brandenburg Gate" also. Er spricht als erster amerikanischer Präsident auf der Ost-Seite. Immerhin eine Premiere heute. Der deutsche Satz? Worte, mit denen Obama hier Geschichte schreibt? Nein, sagen seine Berater im Weißen Haus schon vorher. Nein, diesen Satz werde es nicht geben. Auch Gattin Michelle blieb dem Auftritt fern.

Und doch soll es eine Rede von Kennedy-Format sein, das gebietet allein die Kulisse, die denkbar beste auch für die Kameras der US-Networks. Eine Rede über den "Geist von Berlin", über Frieden und Gerechtigkeit, das ganz Große also. Ein Symbol der Freundschaft mit Deutschland, ja, auch das. Vor allem aber soll diese Rede der erste Teil von Obamas politischem Vermächtnis sein, natürlich arbeiten sie im Weißen Haus längst an seiner "legacy", an dem, was bleiben soll von diesem Präsidenten, seine Spur in der Geschichte unserer Welt.

Wieder einmal Bausteine einer besseren Welt

Außenpolitisch soll das mehr sein als der völkerrechtlich fragwürdige Einsatz von Drohnen (den er verteidigt), mehr als globale Massenüberwachung (die er rechtfertigt), Guantanamo und auch mehr als der Abzug aus Irak und Afghanistan. Er wolle den "immerdauernden Fußabdruck des Krieges" beenden, sagte Obama neulich in einer Grundsatzrede, er will mehr sein als der Drohnen-Präsident, und das ist er ja auch.

Also liefert er an diesem brütendheißen Berliner Nachmittag wieder einmal Bausteine für eine bessere Welt, Frieden und Gerechtigkeit, so eloquent, wie man ihn kennt - und man hört ihm ja wirklich gerne zu. Er spricht über die Sehnsucht nach Freiheit, die universellen Menschenrechte und den Kampf gegen die Armut, die Notwendigkeit eines Klimaabkommens (ach!), und irgendwie erwähnt er auch die Lage in Burma.

Vor allem aber wiederholt die Vision einer atomwaffenfreien Welt, so wie schon vor vier Jahren in Prag, als er die Abrüstung strategischer Atomraketen ankündigte. Mit "Global Zero" bleibt Obama auf sicherem Terrain. Mit "New Start" haben die USA und Russland ja schon einen Abrüstungsvertrag unterzeichnet. Auf 1500 Langstreckenraketen wollen die beiden nuklearen Supermächte abrüsten, dieses Ziel ist beinahe erreicht - immerhin. Jetzt könnten bis zu 500 weitere Raketen abgerüstet werden, und ein internationales Gipfeltreffen dazu soll es in drei Jahren in Washington auch geben.

Freundliche Rede, Bruchstücke einer Vision

So will Barack Obama Amerika zurückbringen auf den Friedenspfad. Und will ihn wirklich jemand messen an der nuklearen Realität, die ja so anders ist, so bitter? In Nordkorea zündet ein Diktator Atombomben, Pakistans Arsenal wächst rasend schnell, und im Iran reichern bereits 17.000 Zentrifugen Uran an. Dort ist es nicht mehr die Frage "ob", sondern nur noch "wann" das Land eine Atommacht wird.

Und was soll bleiben vom Geist von Berlin? Immerhin etwas Handfestes, vielleicht: ein Freihandelsabkommen. Nach langem Zögern hatte sich Obama Anfang dieses Jahres für TTIP entschieden, das transatlantische Freihandelsabkommen, über das seit nun schon ewig diskutiert wird. Damit sollen die USA unbegrenzt Zugang zu 500 Millionen europäischer Konsumenten bekommen, den zweitgrößten Markt der Welt. Und schafft man es wirklich, sich auf gemeinsame Standards zu einigen, auf gemeinsame Regeln wie etwa bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und würde auch die wichtige Frage des Kultur- und Datenschutzes sowie chlorierter Hühnchen geklärt, dann könnte es ein gutes Geschäft werden. Allein Deutschland könnte seinen Handel verdoppeln, in den USA würden eine Million neuer Arbeitsplätze entstehen, und ein Wachstumsimpuls für die Weltwirtschaft wäre TTIP auch.

Eine transatlantische Freihandelszone wäre ein Bekenntnis zu den gemeinsamen Werten des Westens – vor allem aber, so die "Financial Times", auch eine der "letzten Chancen für Europa, den Abstieg in die geopolitische Bedeutungslosigkeit zu verhindern". Ist es das, was bleibt, die Hinterlassenschaft eines Friedensnobelpreisträgers? Freier Handel, chlorfreies Hühnchen? Es wäre nicht das Schlechteste. Aber Großes sieht anders aus. So bleibt eine freundliche Berliner Rede, Bruchstücke einer Vision. Aber vielleicht ist die Zeit der Visionen ja auch vorbei. In Amerika und anderswo. Darin sind sich Angela Merkel und Barack Obama übrigens näher, als man denkt.

Ein kurzes Staatsdinner noch mit Angela, gut 200 Gäste, das hält er locker aus, für 21.30 Uhr ist der Abflug geplant. Go to Germany. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Katja Gloger

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