Kein Computer, kein Klopapier, von allen verspottet

10. Juli 2011, 16:26 Uhr

Der griechische Beamte - faul, überversorgt, korrupt. Soweit das Vorurteil. Die Wirklichkeit? Sieht anders aus. Über die schwierige Arbeit der Staatsdiener in Athen. Von Manuela Pfohl und Natalia Sakkatou, Athen

Die Bettler sind überall. Mittlerweile stehen sie fast an jeder Straßenecke Athens, und Leonidos müsste eigentlich mit ihnen über ihre Vermögensverhältnisse sprechen. Denn, sagt er lächelnd, beim Anblick der Münzen in den Blechdosen der Geldsammler fielen ihm sofort Begriffe ein wie "unversteuerte Einnahmen". Und gerade jetzt, da der griechische Staat jeden Cent braucht, müsse man über alternative Einnahmequellen nachdenken. Das Nachdenken über Einnahmen ist sein Job. Leonidos, der seinen Namen lieber für sich behält, ist Chef eines Athener Finanzamtes. Doch es fängt schon damit an, dass sie ihm dafür nicht genug Personal geben. "Ich habe gerade mal 35 Mitarbeiter, mit denen ich 42.000 Steuererklärungen prüfen muss." Unmöglich, stöhnt Leonidos.

Eine Zeitlang hat er sich noch die Mühe gemacht, den Kunden die Situation zu erklären, die laut schimpfend ins Amt kommen und sich über faule Beamte und die viel zu langen Bearbeitungszeiten beschweren. Doch inzwischen hat er es nahezu aufgegeben. "Noch vergangenes Jahr waren wir 70 Kollegen. Dann hieß es, wir müssen auf 50 reduzieren, und schließlich haben wir nur noch 35, weil 15 Leute ständig wer weiß wohin abgezogen werden. Gleichzeitig wächst die Einwohnerzahl in unserem Stadtteil rapide. Das ist doch absurd." Und es sei gerade angesichts der desolaten griechischen Haushaltslage problematisch. Denn "wir als Finanzbeamte sind doch die, die dem Staat das Geld eintreiben sollen, das er so dringend braucht".

Steno statt Steuerprüfung

Es ist eine Krux. Um die Hilfe der EU zu bekommen, muss Griechenland seine Ausgaben drastisch verringern und einen harten Sparkurs durchziehen. Der öffentliche Sektor wurde deshalb von der Regierung um 83.000 Angestellte reduziert. Und auch die Verwaltungen wurden teils gestrichen, teils zusammengefasst. So gibt es nun nur noch 300 statt 1000 Verwaltungseinheiten. Für die Beamten an der Basis ein Drama.

2010 haben Leonidos und seine Kollegen versucht, der Politik klarzumachen, dass sie mehr Mitarbeiter brauchen, statt weniger. Ohne Erfolg. Stattdessen seien Ende des Jahres hundert neue Stellen im Parlament eingerichtet worden. Für Stenotypisten. Im Finanzamt hätten danach alle nur mit den Köpfen geschüttelt.

Und so sitzt der Chef des Finanzamtes am abgewetzten Resopalschreibtisch seines winzigen Büros. Hinter ihm unzählige Aktenstapel, Papierstöße voller Formulare und vor ihm - kein Computer. Dafür reichte das Geld in der Behörde nicht. Wie es aussehen würde, wenn er effektiv arbeiten könnte, hat der Finanzbeamte zwar schon häufiger gesehen. Aber nur in den schönen bunten, vom Staat finanzierten Werbespots, die im Fernsehen gezeigt werden und so tun, als sei die griechische Wirklichkeit Teil der modernen westlichen Gesellschaft.

Morgens um 7.30 Uhr schließt Leonidos sein Büro auf. Nachmittags um 15 Uhr ist Feierabend. Bis jetzt. Denn von September an soll die Arbeitszeit in den Behörden verlängert und das Gehalt gekürzt werden. Für Leonidos spielt das keine Rolle mehr. Er verlässt die Behörde nach über 20 Dienstjahren. "Gott sei Dank", sagt er, "denn die Situation wird sich nur noch weiter verschlechtern, und ich möchte nicht daran schuld sein."

Wie eine Beamtin lebt

Artemis hat es noch nicht hinter sich. Die 42-jährige Beamtin arbeitet in einer Dienststelle des Bildungsministeriums. Wie Leonidos will sie ihren Nachnamen lieber nicht nennen - aus Angst vor Konsequenzen. Bis zum 65. Lebensjahr muss sie arbeiten. Ob sie danach eine Rente bekommt, weiß die Athenerin nicht. Zwar zahlt sie, wie alle griechischen Beamten, in den großen Topf der Rentenkasse ein. "Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass die Gelder an der Börse verzockt werden. Das hatten wir schließlich 1999 schon einmal." Und keiner sei dafür je zur Verantwortung gezogen worden, sagt Artemis. Der damalige Ministerpräsident Konstantinos Simitis durfte weitermachen - und 2001 die Finanzstatistiken fälschen, die schließlich international den Ruf Griechenlands ruinierten.

"Bei uns ist nichts mehr sicher", ist Artemis überzeugt. Sie hat drei Kinder und einen Mann, der nur mittelmäßig verdient. Deshalb ist die Familie auf ihren Job angewiesen, der keineswegs sicher ist. Denn wie viele ihrer Kollegen habe auch sie nur einen Vertrag, der jeweils jährlich verlängert wird. 1300 Euro monatlich inklusive Kindergeld bleiben nach Abzug der Steuern. Große Sprünge konnte man damit schon bislang nicht machen. Aber jetzt kommt noch hinzu, dass die Krankenkasse nur noch eingeschränkt ihre Dienste tut. "870 Euro hätten wir beispielsweise monatlich für die verordnete Lese-Rechtschreib-Therapie unserer beiden Söhne zahlen müssen, weil die Krankenkasse der Beamten es plötzlich nicht mehr zahlt." Zuviel für die Familie. "Ein Glück", sagt Artemis, "dass wir wenigstens keine Mietkosten haben, weil wir im Haus meiner Schwiegereltern wohnen."

"Ich kenne keinen faulen Kollegen"

Immer dann, wenn sie in den Zeitungen liest, die griechischen Beamten würden nicht arbeiten und trotzdem wie die Maden im Speck leben, geht ihr die Hutschnur hoch. "Ich persönlich kenne keinen einzigen faulen Kollegen. Im Gegenteil." Seit Monaten kämpfen sie und ihre Mitarbeiter in der Dienststelle nicht nur mit immer größerer Arbeitsbelastung, die auch dadurch entsteht, dass immer mehr Stellen abgebaut werden. Von den 90 Kollegen in ihrer Abteilung sollen mit den aktuellen Sparmaßnahmen 30 bis 40 ihren Schreibtisch räumen müssen. Die dann übrigbleiben, müssen auch noch einen Krieg führen gegen den ewigen Mangel an allem. "Das Papier ist rationiert. Du musst bei allem zweimal überlegen, ob du es ausdruckst." Stifte, Druckerpatronen, Glühbirnen und selbst die Formulare fehlen zeitweise und machen das Arbeiten schwierig. Vom Klopapier, das nur für die halbe Woche reicht, will sie gar nicht reden.

Natürlich gebe es in den griechischen Verwaltungen auch Misswirtschaft, Korruption und faule Beamte, daran zweifelt Artemis nicht. Nur: "Das ist kein Charakteristikum von Beamten. Das ist ein Problem des Systems, das so etwas zulässt." Gerade in kleineren Gemeinden und in den großen politischen Strukturen würden Beamtenstellen seit Jahrzehnten von den jeweils an der Macht Sitzenden "vererbt", sagt sie. Qualifikation zweitrangig. "Wie wollen wir denn die enormen Herausforderungen bewältigen, wenn die einen nicht wissen, was sie zu tun haben, und die anderen in ihren Behörden auch noch völlig fremde Zusatzarbeiten übernehmen müssen", fragt Artemis - und meint damit auch, dass sie und ihre Kollegen inzwischen nach Feierabend die Büros selbst putzen dürfen. Die Reinigungskräfte wurden allesamt entlassen.

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